Frau Jordan, sind Sie gerne Lehrerin?

Simone Jordan: Ja, ich bin sehr, sehr gerne Lehrerin. Es macht mir viel Spass. Ich finde es spannend, die Schülerinnen und Schüler zu begleiten auf ihrem Weg durch die Pubertät ins junge Erwachsenenalter; zu sehen, wie sie sich entwickeln und was ich dazu beitragen kann. Auf der anderen Seite liebe ich meine Fächer, Mathematik und Deutsch. Ich erkläre und vermittle gern.

Was ist das Wichtigste, das Sie Ihren Schülern mitgeben möchten?

Selbstwertgefühl. Das Vertrauen in die eigenen Gedanken. Das versuche ich zu fördern, indem ich versuche ihre Gedanken wahrzunehmen und mit ihnen weiterzuentwickeln. Oder indem ich sage: Es nützt nichts, wenn du etwas gelesen hast und das eins zu eins wiedergibst. Du musst dir selbst überlegen, inwiefern das für dich wichtig ist und deine eigene Meinung vertreten. Ich versuche auch, ihr Interesse und das Offenbleiben für Neues zu wecken.

Haben Sie sich in der Lehrerin im Theaterstück wiedererkannt?

Zum Glück nicht! Sie steht ja in einem permanenten Kampf gegen die Klasse, gegenseitig unterstellen sie sich böse Absichten. Dieses Gefühl habe ich überhaupt nicht. Aber gewisse Elemente im Stück kommen mir natürlich schon bekannt vor.

Was macht diese Lehrerin falsch?

Der Beruf ist geprägt von der eigenen Persönlichkeit. Jeder muss einen eigenen Weg finden, mit der Situation umzugehen, in der man sich täglich befindet. Da ist die Klasse und man selbst, irgendwie muss es eine Einheit geben, gleichzeitig hat man eine Rolle auszufüllen, die ein Stück weit Distanz erfordert. Die Lehrerin im Stück wirkt abschätzig, vielleicht aus Angst vor Ablehnung. Das Ziel ist, so mit der Klasse umzugehen, dass diese gern zum Unterricht kommt – und man selbst auch in die Klasse geht.

Im Stück bezeichnen die Schülerinnen den «Futur Passiv« als «voll Mittelalter». Der Schulstoff hat oft wenig mit der Lebensrealität der Schüler zu tun. Das scheint ein echtes Problem zu sein.

Natürlich wurde ich auch schon gefragt: «Warum müssen wir das alles lernen? Meine Mami hat gesagt, sie hat im Leben keine Vektorgeometrie gebraucht.»

Was sagen Sie dann?

Die Schule vermittelt eine breite Allgemeinbildung. Je mehr die Schüler kennen, desto besser können sie später entscheiden, was sie vertiefen möchten. Das Studium, auf das wir sie vorbereiten, scheint vom Lebensalltag zunächst auch weit weg zu sein. Wenn mal etwas vorkommt, dessen Sinn den Schülern nicht einleuchtet, rede ich darüber. Beim Futur Passiv gäbe ich zu, dass man ihn selten braucht. Wir behandeln ihn dann, wenn er uns begegnet.

Gehen Sie auch auf Alltagsprobleme ein?

Im Deutsch ist das einfach. Es gibt viele Romane, die von aktuellen Problematiken handeln. Wir haben zum Beispiel einen hohen Anteil an Scheidungskindern und lesen Literatur auch zu diesem Thema. Wir bekommen zudem immer mehr Kinder aus unterschiedlichsten Kulturen. Es ist eine relativ grosse Aufgabe, sich in die Gepflogenheiten anderer Kulturen einzufinden. Ich habe mich etwa intensiv mit Zwangsehe befasst, weil einmal die Frage der Verheiratung einer Schülerin im Raum stand. Allzu privat soll die Schule aber nicht werden. Es ist nicht unsere Aufgabe, Familienprobleme zu lösen.

Ist es schwieriger geworden, tradierte Werte und Bildung zu vermitteln?

Die Werte werden mehr über das Vorleben und Gespräche vermittelt als über einfaches Bestimmen. Es wird an das Verständnis appelliert.

Wie kann man eine Respektsperson sein für die Schüler und ihnen trotzdem auf Augenhöhe begegnen? Ist das überhaupt ein Ziel?

Natürlich respektiert man die Schüler und will, dass sie sich anerkannt und wohlfühlen. Sie sollen sich auch zu sagen trauen, wenn sie etwas bedrückt. Heute setzt man stark auf Individualität, es gibt regelmässig Gespräche unter vier Augen. Aber es gibt eine gewisse Grenze.

Welche Probleme stehen im Basler Schulalltag im Vordergrund?

Bei uns sind die Probleme- und Schwierigkeitswörter gestrichen worden, bei uns heisst das «Herausforderungen». Im Moment ist die Umstrukturierung, Harmos, ein grosses Thema. Im Schulalltag ist es Gerechtigkeit – im Umgang mit den Schülern, in der Bewertung.

Als Lehrerin steht man immer allein einer Gruppe gegenüber. Das Stück zeigt, wie rasch sich eine Gruppendynamik gegen die Lehrerin richten kann. Wie kommt man aus so einer Situation heraus?

Es gibt keine Pauschalrezepte, den Alltag kann man allein aus Büchern nicht lernen. Je routinierter ich bin, desto eher kann ich Gruppendynamik beobachten und eingreifen, bevor eine Situation eskaliert. Wenn ich mal einen schlechten Tag habe, wird das sofort von der Klasse gespiegelt. Das ist das Spezielle an diesem Beruf. Man muss sehr viel miteinander reden. Das Unterrichten kostet viel Energie, man ist nun mal ausgestellt, beobachtet, muss immer sehr präsent sein. Umgekehrt kann es einem viel Energie zurückgeben, wenn man merkt, dass es gut läuft und dass man einen Platz im Leben der Jugendlichen einnimmt.

Waren Sie schon einmal völlig verzweifelt und wussten nicht mehr wie weiter mit einer Klasse?

Ich hatte noch nie das Gefühl, dass es nicht mehr gut kommt. Aber ich hatte schon weniger gute Phasen. Einmal hatte ich eine Klasse, die das Gefühl hatte, dass ich zu viel verlange, einmal eine, in der im Plenum keiner je etwas sagen wollte. Beide Male musste ich den Unterricht anpassen. Man muss lernen, sich einerseits selbst zu akzeptieren und nicht zu schnell an sich selbst zu zweifeln. Anderseits auch, sich ehrlich zu fragen, welchen Anteil man selber an einer Gruppendynamik hat und wie man etwas ändern kann.

Sie unterrichten an einem Gymnasium bei Riehen. Es wäre anders, wenn Sie an einer Realschule im Kleinbasel oder, wie in der Buchvorlage «Entre les murs», in der Pariser Banlieue Lehrerin wären.

Ja, im Buch, im Film und im Theater wird von anderen Schülern gesprochen, als wir sie haben. Wir haben längst nicht so viele Disziplinarprobleme, auch die Konzentrationszeit und die Lernbereitschaft der Schüler ist hier viel grösser.

Könnten Sie sich vorstellen, im 20. Arrondissement von Paris zu unterrichten?

(lacht) Wenn ich ehrlich bin, unterrichte ich gern da, wo ich jetzt bin. Es gibt hier so vielfältige und interessante Unterrichtsformen – etwa «gb Plus», bei dem sehr individuell auf die Schüler eingegangen wird. Viele Schüler sind sehr wissbegierig und interessiert. Ich weiss nicht, ob ich die Kraft dazu hätte, im Alltag den im Stück gezeigten Kampf zu leben.

Wie ist die Umsetzung des autobiografischen Pariser Schulromans auf Basler Verhältnisse gelungen?

Das System in Frankreich ist mehr auf Distanz aufgebaut. Manches, das übernommen worden ist, hat nicht ganz gepasst. Im Stück wird zudem wie aus heiterem Himmel eine Schülerin rausgeschmissen, danach funktioniert der Unterricht plötzlich. Schade, dass keine Entwicklung gezeigt wird. Den Teil, den die Schüler umsetzen konnten, fand ich gut gelungen. Toll, dass sie das konzentrationsmässig durchgestanden haben. Was auch schön gezeigt wird, ist die ständige Wiederholung im Schulalltag, für die es viel Ausdauer braucht.

Andere Romane und Stücke, in Basel zuletzt «Morning», vermitteln ein erschreckendes Bild von Jugendlichen, geprägt von Vernachlässigung, Konsumkultur und Gewalt. Wie sehen Sie das?

Das nehme ich nicht so wahr. Ich habe selber zwei Kinder, die am Gymnasium sind. Sie haben sehr viel Freude, viele Interessen und viel mehr Möglichkeiten, als ich in ihrem Alter hatte. Ich habe mit meinen Schülern auch schon drastische Jugendliteratur gelesen, und sie fanden das selber erschreckend. Es hat nicht ihrem Alltag entsprochen. Aber die Welt ist, glaube ich, tatsächlich gefährlicher geworden, gewaltbereiter.

Es wird viel an der Schule herumgewerkelt: Harmos etc. Bringt das die Schule weiter oder führt das nur zu mehr Administration?

Von Zeit zu Zeit eine Revision halte ich für richtig. Stellen Sie sich vor, wir würden immer noch unterrichten wie vor 100 Jahren! Ich sehe eine Umstellung vor allem als Chance, die eigene Arbeit zu reflektieren und über Verbesserungen nachzudenken.

Es gibt viele Bücher und Filme, auch Theaterstücke, über die Schule. Lernen Lehrer daraus?

Ein grosser Teil des Lehrerdaseins ist Selbstreflexion. Man geht in eine Klasse, hält eine Stunde und fragt sich danach sofort, weshalb dies oder jenes schlecht oder gut lief. Auch Literatur, Filme und Weiterbildungen regen an. Bei diesem Stück wurde mir wieder einmal bewusst, wie wichtig es ist, täglich die Freude am Stoff mitzubringen und zu erhalten.

«Die Klasse» läuft bis Mai meist gegen Ende des Monats am Schauspielhaus.