Kaufsucht

Hallo Black Friday: Exzessives Kaufen ist die häufigste Verhaltenssucht

Der Black Friday steht vor der Tür (Archivbild).

Der Black Friday steht vor der Tür (Archivbild).

Glück und Verhängnis zugleich: Tage wie «Black Friday» sind für Kaufsüchtige eine Herausforderung. Von einer Kaufsucht sind in der Schweiz mehr Leute betroffen als von einer Glücksspielsucht. Die Basler Abteilung Sucht kämpft nun mit Präventionskampagnen gegen den Konsumrausch.

«Mehr als 10'000 verrückte Angebote» bei Conforama, «Black Friday Beauty Sale» bei Marionnaud und «unglaubliche Rabatte» bei Melectronics. Bunt und aufdringlich locken vielversprechende Anzeigen kaufwillige Kunden zum Black Friday in die Läden und Online-Shops. Für Kaufsüchtige bedeutet der heutige Tag Glück und Verhängnis zugleich. Dagegen will die Abteilung Sucht nun mit Präventionsmassnahmen in Schulen und einer breiten Plakatkampagne vorgehen.

«Eine Shoppingepisode kann mit einem Durchlaufen verschiedener Gefühlsprozesse beschrieben werden», sagt Natasa Milenkovic, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Sucht beim Gesundheitsdepartement Basel-Stadt. Mit einem Kauf würde versucht, negative Empfindungen zu verdrängen oder abzubauen. Nach einer kurzzeitig erlebten «Entlastung» folgen daraufhin aber häufig ein Schamgefühl und ein schlechtes Gewissen. An Konsumfeiertagen wie dem Black Friday werden Sonderangebote in sehr grossem Stil beworben und umfassen die unterschiedlichsten Produkte. «Dadurch ist die Versuchung gross, Waren in übermässig grossen Mengen zu kaufen, die gar nicht benötigt werden. Bei einer Kaufsucht steht nicht der Besitz der Ware im Vordergrund, sondern die Kauftätigkeit», sagt Milenkovic. Deshalb sei es wichtig, gefährdete Personen auf solche Tage vorzubereiten, um einen unkontrollierten «Kaufrausch» zu vermeiden.

Black Friday in Basel: Fröhlich locken die Läden mit Prozentschildern.

Black Friday in Basel: Fröhlich locken die Läden mit Prozentschildern.

Die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) haben spezielle ambulante und stationäre Angebote. Seit 2010 hat die UPK eine Ambulanz für Verhaltenssüchte. Sie geht davon aus, dass aktuell rund fünf Prozent der Bevölkerung von einer Kaufsucht betroffen sind. Somit stellen die Kaufsüchtigen die grösste Gruppe unter den von Verhaltenssucht Betroffenen dar. Unter Symptomen des pathologischen Glücksspiels leidet laut dem Jahresbericht der UPK rund ein Prozent der Bevölkerung, unter exzessivem Sexualverhalten rund drei Prozent.

25 von Kaufsucht betroffene Personen werden laut dem Bericht aktuell in der UPK ambulant behandelt. Die Zahl der Betroffenen ist in den letzten Jahren angestiegen. Laut Milenkovic liegt die Zunahme auch an der breiteren Bekanntheit der Sucht in der Forschung und der Bevölkerung. «Verhaltenssüchte wie die Kaufsucht waren im Vergleich zu substanzgebundenen Süchten längere Zeit in der Öffentlichkeit weniger bekannt, was auch mit dem geringen Forschungsstand zusammenhing. Heute wird der Aufklärung zum Thema Kaufsucht mehr Beachtung geschenkt. Deshalb werden immer mehr Fälle bekannt und die Inanspruchnahmen von Unterstützungsangeboten sind gestiegen.»

Zunehmend sind auch Männer betroffen

Zum Schamgefühl und dem schlechten Gewissen, das viele Kaufsüchtige nach einer Shoppingtour plagt, käme häufig auch eine hohe Verschuldung, sagt Natasa Milenkovic. Deshalb würde oft mit Schuldenberatern zusammengearbeitet und, zusätzlich zur Therapie, auch eine finanzielle Beratung angeboten. Von der Kaufsucht betroffen seien mehrheitlich Frauen, sagt Milenkovic. Die Geschlechterunterschiede würden sich allerdings immer mehr angleichen. Zunehmend seien auch Männer betroffen, diese wiesen spezifische Präferenzen bezüglich der Einkaufswaren auf. So seien beispielsweise Sneakers, Unterhaltungselektronik oder Online-Schnäppchen bei Männern besonders beliebt.

Neben Personen im mittleren Alter sind auch schon 17-Jährige von der Kaufsucht betroffen. Deshalb bietet die Abteilung Sucht Sensibilisierungsworkshops in Schulen an. Dennoch sagt Milenkovic: «Es müsste noch viel mehr getan werden.» Eine nationale Sensibilisierungskampagne wie beispielsweise bei der Glücksspielsucht gäbe es noch nicht und auch die spezialisierten Beratungs- und Behandlungskampagnen seien selten und werden nicht flächendeckend angeboten.

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