Literaturhaus

Hans Magnus Enzensberger schaut unverkrampft auf Flops zurück

Hans Magnus Enzensberger verströmt im Literaturhaus eine heitere Gelassenheit

Hans Magnus Enzensberger verströmt im Literaturhaus eine heitere Gelassenheit

Hans Magnus Enzensberger, kurz HME, las in Basel und verströmte eineinhalb Stunden so etwas wie ein kultiviertes Entertainment. Mit Vitalität und einer heiteren Gelassenheit beantwortete er die Fragen der Moderatoren Manfred Koch und Angelika Overath

Hans Magnus Enzensberger, HME. Dafür, dass er in gut einem Monat 82 Jahre alt wird, ist er von bewundernswerter Vitalität und Munterkeit. «Der Körper altert, das Gehirn wird jünger», sagt er, und vielleicht ist das ja das Rezept für die geistige Wachheit, mit der er am Donnerstagabend die Fragen der Moderatoren Manfred Koch und Angelika Overath beantwortete, ehe er aus seinem neuen Buch «Meine Lieblings-Flops gefolgt von einem Ideen-Magazin» vorlas und die Sätze mit manchmal fast komödiantischer Mimik kommentierte.

Ideenreiches und aktives Leben.

Blickt er zurück, sieht er ein ideenreiches und aktives Leben, was es ihm nun erlaubt, in heiterer Altersgenerosität und mit sympathischer Koketterie an all das zu erinnern, was einst schief gelaufen ist. Und das sind immerhin hier 27 Flops, zählt man jedoch «die Einfälle, ...die über das Stadium der Skizze nie hinausgekommen sind» dazu, ergibt das 36 Flops im weitesten Sinne.

Was ist ein Flop? HME schreibt: «a) Misserfolg und b) Niete.» Und «während der Arbeiter im Weinberg der Kultur seine Erfolge rasch zu vergessen pflegt, hält sich die Erinnerung an einen Flop jahre-, wenn nicht jahrzehntelang mit geradezu blendender Intensität.» Flops legen die Geschäftsgrundlage des (Kultur-)Betriebs offen, doch «jeder Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne», folglich bereichern sie das Leben.

Zwei seiner Flops las er vor, und wir hörten, wie er 1975 in München als Opernlibrettist Schiffbruch erlitt, und sein erstes Drama «Die Schildkröte», aus dem er 1961 in der «Gruppe 47» vorlas, bereits nach einer Viertelstunde aus war, weil der allmächtige H. W. Richter ihn «mit den Worten unterbrach: Ich glaube, das genügt. Wir machen jetzt eine Pause». Und danach? «Damit war ‹Die Schildkröte› lautlos, aber ein für alle Mal beerdigt.»

«Ich übersetze nebenbei»

Nach dieser amüsanten Lektüre sprach er, von den Moderatoren befragt über Probleme beim Übersetzen. HME hat viel übersetzt, doch er bekannte: «Ich übersetze nebenbei.» Das heisst, wissenschaftlich abgesicherte philologische Genauigkeit ist seine Sache nicht. Die Texte in seinem «Museum der modernen Poesie», das 1980 erschien, sind paraphrasierende Umschreibungen der Originale, und die sollen, wie er an Beispielen von Pablo Neruda, Bertolt Brecht und Rainer Maria Rilke vorlas, als verfremdete Neufassungen verstanden werden, also als zweite Originale. In seinen Augen ist das gerechtfertigt, und der Erfolg, den das «Museum...» hatte, gibt ihm recht.

Es waren muntere eineinhalb Stunden im Literaturhaus; dieser vitale Greis verströmt eine heitere Gelassenheit, die ansteckend ist. Wohl dem, der am Beginn seines neunten Lebensjahrzehnts so unverkrampft auf seine Flops zurückschauen kann!

Geistige Unabhängigkeit

HME wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren geboren und wuchs in Nürnberg in bürgerlicher Geordnetheit auf. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und promovierte mit einer Arbeit über Clemens Brentano. Seit 1957 arbeitete er als freier Schriftsteller und wurde dank seiner zahlreichen Aktivitäten als Lyriker, Essayist, Herausgeber, Büchermacher, Übersetzer und Kritiker einer der massgebenden Intellektuellen der alten Bundesrepublik, deren Wesen und Wandel er kritisch begleitete.

Der deutschen Linken zugeneigt, liess er sich dennoch nicht von ihr vereinnahmen, und behauptete seine geistige Unabhängigkeit, die ihn bis heute auszeichnet. Seit der Wiedervereinigung gilt sein politisches Interesse europäischen Fragen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1