Basler Baudirektor

Hans-Peter Wessels: «In zehn Jahren kennt mich niemand mehr»

Der Basler Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels (SP) hat keine Angst vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit.

Der Basler Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels sorgte für die Schlagzeile der Woche. Er tritt im nächsten Jahr nicht mehr für die Regierungswahlen an. Die «Schweiz am Wochenende» traf sich mit demjenigen Basler Magistraten, der in den vergangenen Monaten und Jahren am meisten Kritik einstecken musste, von Politikern und Medien.

Sie haben gesagt, man solle dann gehen, wenn es am schönsten ist. Ist es momentan wirklich so schön, oder machen sich nicht allmählich Verschleisserscheinungen bemerkbar?

Hans-Peter Wessels: Ich merke natürlich schon, dass ich älter geworden bin, aber es macht auch Spass – wir haben derzeit so viele Projekte am Laufen. Ich fühle mich mittendrin, deshalb ist jetzt der optimale Zeitpunkt zum Gehen. Ich will einfach nicht warten, bis ich keinen Spass mehr habe. Als ich mit 46 gewählt wurde, da wusste ich: Nach zwölf Jahren bin ich immer noch in einem Alter, in dem ich etwas anderes machen kann.

Viele erstaunt es, dass Sie noch Spass haben. Sie mussten in den vergangenen Jahren so viel einstecken. Den Linken waren Sie zu autofreundlich – die Bürgerlichen beschimpften Sie als gewerbefeindlich. Und dann wurde Ihnen Untätigkeit in der BVB-Krise vorgeworfen.

Natürlich geht Kritik nicht spurlos an einem vorbei. Aber wenn man in so einem Amt ist, muss man damit leben können. Handkehrum ist es ja auch so, dass man plötzlich ganz viele Freunde hat, wenn man ein solches Amt innehat. Das hat auch nicht nur mit mir als Person zu tun, sondern vor allem mit dem Amt. Ich habe gelernt, zu differenzieren zwischen Kritik und Lob an mir als Person und an meiner Funktion.

Obwohl er nah am Wasser gebaut ist, kann er mit Kritik umgehen: Hans-Peter Wessels.

Obwohl er nah am Wasser gebaut ist, kann er mit Kritik umgehen: Hans-Peter Wessels.

Es gibt Politiker, die giften Journalisten an, wenn sie mit der Berichterstattung unzufrieden sind. Ihr ehemaliger Regierungskollege Christoph Eymann rief sogar ab und an mal einen Leserbriefschreiber an, wenn er nicht einverstanden war.

Ja, ich weiss (lacht)! In den elf Jahren in der Regierung habe ich das kein einziges Mal gemacht. Ich hab zwar schon Feedbacks gegeben, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, auf die Chefredaktion anzurufen und mich zu beschweren. Der Chefredaktor liest die Zeitung ja auch und weiss, was drinsteht.

Welches ist Ihre grösste Schwäche als Politiker?

Ich gebe den Leuten relativ viel Freiheit bei der Arbeit. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, meinen Unterstellten zu sagen, wie sie zum Ziel gelangen sollen und betreibe kein Mikromanagement. Das bedeutet, dass man viel Vertrauen schenkt. Grundsätzlich traue ich Menschen; das erleben viele als motivierend. Aber ich riskiere dadurch, dass jemand das Vertrauen missbraucht. Kommt hinzu, dass ich geduldig bin und Lösungen bevorzuge, die nicht hingepfuscht sind. Dies kann als Untätigkeit missverstanden werden.

Waren das jetzt eben Schwächen? Dann haben Sie diese sehr gut verkauft. Was Sie aber sagen wollten, ist, dass Sie der BVB nach der Auslagerung besser auf die Finger hätten schauen sollen.

Richtig. Ziel war ja, das Unternehmen auszulagern, um es zu entpolitisieren. Das geschah vor meiner Zeit als Regierungsrat. Der damalige öV-Direktor Ralph Lewin sass ja anfangs auch im Verwaltungsrat der BVB. Für mich kam das gar nicht infrage: Ich war der Meinung, dass die Ausgliederung sauber vollzogen werden müsse. Das war ein Fehler: Das Eine oder Andere hätte ich früher kommen sehen und reagieren können. Das Gegenbeispiel sind die IWB, wo mein Kollege Christoph Brutschin anfangs noch im Verwaltungsrat sass. Das war geschickt von ihm.

Sie haben sich nicht gescheut, sich mit der eigenen Partei anzulegen. Ihr Einsatz für Strassenbauprojekte wie den Gundeli-Tunnel stiess auf breite Kritik. Wieweit fühlen Sie sich bei der SP noch zu Hause?

Ich politisiere bei der SP, seit ich 19 Jahre alt bin. Natürlich gibt es Differenzen zwischen der Fraktion und mir als Regierungsrat – wir haben ja auch unterschiedliche Rollen. Aber ich habe mich von der Partei immer getragen gefühlt. Sie akzeptiert andere Meinungen.

Diese Woche gaben Sie ein Radiointerview, in dem Sie unter anderem den Gewerbeverband als inkompetent und reaktionär bezeichneten. So scharf hat man Sie noch nie austeilen gehört. Müssen wir uns nach Ihrer Rücktrittsankündigung auf das Jahr der Narrenfreiheit gefasst machen?

Vielleicht lags auch daran, dass ich bisher noch nicht zu meiner Meinung zum Gewerbeverband befragt wurde. Tatsache ist: Unter den früheren Direktoren Christoph Eymann und Peter Malama nahm ich den Verband als zukunftsorientiert und liberal wahr, aber die Entwicklung in den vergangenen Jahren… Das ist übrigens ganz anders bei der Handelskammer, mit der ich immer gerne diskutiere und in einigen Bereichen eng zusammenarbeite.

Können Sie sich gut ein Leben ohne Politik vorstellen? Oder streben Sie dereinst einen Sitz in Bern an?

Ein Nationalratsmandat kommt für mich überhaupt nicht infrage. Ich bin vom Naturell her eher ein Exekutivpolitiker. Die Legislative? Das wäre nichts mehr für mich. Aber in einem Quartierverein mitzumachen? Wieso nicht! Ich werde sicher der Partei treu bleiben, der ich seit fast vierzig Jahren angehöre.

Haben Sie berufliche Pläne oder Verwaltungsratsmandate in Aussicht?

Noch überhaupt keine. Ich habe ja auch ziemlich verschiedene Sachen gemacht in meiner Laufbahn. Ich bin Biochemiker, habe im Kommunikationsbereich und im Hochschulwesen gearbeitet und war Wirtschaftsförderer.

Sie gelten als Filmliebhaber. Vielleicht könnten Sie auf Schauspielerei setzen, so einen Patron verkörpern, der ein ansteckendes Lachen hat …

(lacht sein berühmtes Lachen) Neinnein, oh mein Gott! Ich war in jungen Jahren Statist am Stadttheater St. Gallen. Mein bester Jugendfreund ist danach an die Schauspielschule gegangen. Aber für mich wär das nichts. Allerdings mag ich Filme: Ich freue mich schon auf den neuen Star Wars, den ich mit meinem Sohn anschauen werde.

Ihr Lachen ist stadtberühmt. Sieht man Sie auch mal weinen?

Es kann durchaus passieren, dass ich bei Filmen weine. Ich bin grundsätzlich nah am Wasser gebaut. Wenn ich an eine Abdankung oder an eine Beerdigung gehe, nimmts mich praktisch jedes Mal.

Graut Ihnen nicht vor der Zukunft? Davor, was in etwas über einem Jahr passieren wird? Dieser Fall in die Bedeutungslosigkeit?

Nein, auch wenn ich gerne arbeite, freue ich mich sehr auf die wiedergewonnene Freiheit. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich einfach mal eine längere Reise machen konnte. Aber fragen Sie mich in 15 Monaten noch mal!

Wohin wollen Sie reisen?

Alleine schon Europa ist riesig und enorm vielfältig. Das Baltikum würde mich reizen, allgemein Osteuropa, Polen, Bulgarien und Rumänien. Ich finde Zugreisen äusserst angenehm. Und wissen Sie was? Interrail gibt es mittlerweile auch für Senioren (lacht)!

Welche Verdienste des Bau- und Verkehrsdirektors Wessels werden in zehn Jahren in dieser Stadt noch spürbar sein?

Den Regierungsrat Wessels wird man schnell vergessen. Ich glaube nicht, dass man mich in zehn Jahren noch kennt. Aber das ist auch nicht wichtig. Ich glaube, dass ich gewisse Dinge bewirken konnte, die länger spürbar sein werden. So hat die Lebensqualität in Basel zugenommen, die Stadt ist velofreundlicher geworden und das Rheinufer viel belebter. Und dann gelang es auch, grosse und sehr zentrale Projekte anzustossen, die in rund zwei Jahrzehnten in Betrieb gehen werden – etwa die beiden grossen Verkehrsinfrastrukturen Herzstück und Rheintunnel.

Wie stark schmerzt es, dass Ihr Name noch ganz lange mit der unrühmlichen BVB-Million in Verbindung gebracht werden wird?

Ach, das gehört dazu. Es gibt eben Sachen, die sich optimal für Schnitzelbänke eignen.

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