Herr Wessels, Sie sind bestimmt froh, dass das Jahr bald zu Ende ist.

Hans-Peter Wessels: Ja, ich freue mich auf ein paar Tage im Schnee mit meiner Familie. Aber es war ein spannendes und vielfältiges Jahr.

Es war ein unangenehmes Jahr für Sie.

Das empfand ich nicht so. Klar, die Diskussionen um die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) waren unangenehm. Wir haben dennoch viel erreicht für die Entwicklung der Region. Der Durchbruch beim Herzstück der Regio-S-Bahn ist nur ein Beispiel. Ein anderes Schlüsselprojekt ist der Rheintunnel, den das Bundesamt für Strassen als Lösung für die Engpassbeseitigung auf der Osttangente bauen will.

Das Herzstück soll 2030 in Betrieb genommen werden, die Rheintunnel-Bauarbeiten beginnen 2025. Aktuelle Themen beschäftigen die Leute mehr.

Da gibt es einiges: Aktuell und ebenfalls wichtig ist die Tramlinie 8 nach Weil, die wir kürzlich in Betrieb nehmen konnten.

Bei anderen Verkehrsfragen wird der ideologische Graben immer tiefer.

Als ich als junger Mann in den Grossen Rat gewählt wurde, wurde mindestens so heftig über die Nordtangente diskutiert wie jetzt über das Verkehrskonzept.

Die Nordtangente ist ein Jahrhundertprojekt, das Verkehrskonzept bedeutet letztlich nur ein Fahrverbot.

Ja, das stimmt – und es ist etwas, das wir nach etlichen anderen Städten nun mit grosser Verspätung auch einführen. Die Ideologie war bei der Nordtangente jedoch auch stark spürbar. Verkehrspolitik war ideologisch schon immer aufgeladen.

Wenn Sie von «Verspätung» reden, sagen Sie: Wer gegen das Verkehrskonzept ist, hinkt der Zeit hinterher.

Absolut! Überall, wo Fussgängerzonen eingeführt wurden, gab es dieselben Diskussionen wie bei uns. Manche Gewerbeexponenten haben Angst, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Leute gibt, die ohne Auto einkaufen. Doch überall, wo das Konzept eingeführt wurde, konnte man sich wenig später nicht mehr vorstellen, wie es vorher war. Das wird hier auch so sein. Und das ist wichtig, denn wir müssen konkurrenzfähig sein.

Die «Tageswoche» titelte 2014: «Alle gegen Wessels», Telebasel fragte: «Kritik von überall: Wie handlungsfähig sind Sie noch?» Wie gehen Sie damit um?

Wenn man eine Exekutivfunktion anstrebt, muss man mit Kritik leben, auch wenn diese massiv ist. Wer als Regierungsrat keine Kritik erträgt, ist im falschen Job.

Ist man nur ein guter Politiker, wenn man Rückschläge gut übersteht?

Das gehört dazu. Die Frage ist: Wie geht man mit Rückschlägen um? Die Antwort lautet: Man muss die Situation analysieren – und dann motiviert weitermachen.

Das mussten Sie 2014 oft tun. Baustellen, «Schwedenreisli» und das Verkehrsregime sind nur drei Beispiele, die Negativ-Schlagzeilen machten.

Das sind alles Fasnachtsthemen. Was die Reise nach Schweden betrifft, so halte ich es für notwendig, andere Städte zu besuchen und zu erfahren, wie dort mit Verkehrs- und Bauthemen umgegangen wird. Wir bereisen jedes Jahr eine Stadt. Kommendes Jahr fahren wir nach Winterthur.

Das ist sehr bescheiden von Ihnen.

Darum geht es nicht, wir waren in früheren Jahren oft in Schweizer Städten. Gern würde ich auch einmal nach Mulhouse gehen mit dem Departement, unter anderem, weil dort wie hier das Tramsystem ausgebaut wird und neue Stadtquartiere aus Industriebrachen entstehen.

Ein heikles Thema: In Basel sind kürzlich zwei Stadtrandentwicklungsvorlagen an der Urne gescheitert. Was haben die Leute gegen neue Quartiere?

Die Menschen sind nicht grundsätzlich gegen Entwicklung. Derzeit entwickelt sich Basel so stark und rasch wie seit langem nicht mehr. Wir befinden uns in einem enormen Transformations- und Verdichtungsprozess. Nicht nur Roche baut, auch an vielen anderen Orten wird gebaut. Das Gebiet um den Bahnhof SBB und jenes beim Grosspeter sind nur zwei Beispiele. Es wird enorm viel investiert und gebaut – und dabei denke ich jetzt nicht an Strassenbaustellen (lacht) ...

Das sind aber oft Projekte, die das Volk nicht direkt beeinflussen kann.

Na ja, in den meisten Fällen durchlaufen die Projekte den politischen Prozess, weil der Grosse Rat zuerst die planungsrechtlichen Grundlagen genehmigen muss.

Hochhäuser wurden von vielen Seiten für das Scheitern der zwei Stadtrand-Vorlagen verantwortlich gemacht.

Das ist aber unlogisch, der Claraturm wurde ja auch gutgeheissen – am stärksten in Riehen, wo die Stadtrandentwicklung Ost dann abgelehnt wurde. Daraus schliesse ich, dass die Leute nicht generell gegen Hochhäuser sind, sondern gegen den Grünflächen-Verlust.

Dann ist es Aufgabe der Politik, die Ängste der Leute ernst zu nehmen.

Natürlich. Und das tun wir, indem wir bereits vorhandene Grünanlagen gut instand halten und dort, wo es möglich ist, neue entstehen lassen. Auf dem Erlenmatt-Areal beispielsweise entsteht derzeit ein Stadtpark mit viel öffentlichem Grün. Und wenn am Hafen ein neues Quartier entsteht, muss es dort auch grün sein.

Die Gegner der Hafenentwicklung befürchten, dass Grünflächen wegfallen.

Das ist eine Angst. Eine andere ist die Befürchtung, das Quartier werde attraktiver und entsprechend teurer, wenn erst einmal mehr Grünflächen vorhanden sind.

Auch diese Angst ist berechtigt.

Aber es ist kein Grund, das Quartier schäbig zu behandeln, damit es billig bleibt.

Was tun Sie, damit günstiger Wohnraum weiterhin gewährleistet bleibt?

Entscheidend ist, dass kein Wohnraum verloren geht, sondern im Gegenteil mehr Wohnraum geschaffen wird. Es ist wichtig, dafür zu sorgen, dass die Bedürfnisse aller Schichten erfüllt werden können.

Das klingt wie aus dem Werbekatalog.

Das ist die Realität, so betreibt Basel Wohnbaupolitik. Ein gutes Beispiel ist das Kleinbasler Schorenareal, wo derzeit Wohnraum für alle Schichten entsteht.

Sie wollen 2016 wieder antreten, doch es haben sich bereits junge Genossen in Position gebracht. Grossrat Tobit Schäfer etwa wird als Ihr Nachfolger gehandelt. Macht Ihnen das Angst?

(Lacht). Nein, es ist super, dass wir ehrgeizige Politiker in der Partei haben. Es ist gut, wenn sie sich in Position bringen.

Was finden Sie eigentlich nicht toll?

(Denkt lange nach). Ich bin grundsätzlich positiv eingestellt und ein Optimist.

Sie ärgern sich also nie über die vielen Baustellen in der Stadt?

Basel hätte ein Problem, wenn er keine Baustellen gäbe. Wir machen das ja nicht aus Freude am Bauen, sondern weil wir die Infrastruktur in Schuss halten müssen. Dass sich niemand über Baustellen freut, ist klar. Gleichzeitig sind die Leute froh, wenn sie immer Wasser und Strom haben.

Mit anderen Worten: Die Leute sollen aufhören zu schimpfen und einsehen, dass es all die Baustellen braucht.

Natürlich! Wir müssen die Infrastruktur aufrechterhalten. Es gibt aber auch Baustellen, die nicht durch kaputte Rohre und dergleichen ausgelöst werden. Ein prominenter Ort, wo gebaut wird, ist die Kreuzung beim Kunstmuseum. Wir investieren für die Museumserweiterung 100 Millionen Franken auf engstem Raum an einem der verkehrstechnisch heikelsten Knoten der Stadt. Dass es da zu kleinen Verkehrsbehinderungen kommt, ist völlig normal.

Kleinen? Es ist ein grosses Ärgernis für viele Leute. Übertreiben sie alle?

Völlig! Einer Credit-Suisse-Studie zufolge hat Basel im Vergleich zu anderen grossen Städten mit Abstand am wenigsten Stau.

Warum waren die vielen Baustellen denn 2014 Fasnachtssujet Nummer 1?

Weil gleichzeitig an mehreren kritischen und viel genutzten Stellen wie Autobahnzufahrten gebaut wurde.

Was wird uns 2015 beschäftigen?

Ich hoffe, dass wir mit der Tramverbindung Margarethenstich erfolgreich sein werden. Ausserdem freue ich mich auf den Baubeginn des 3er-Trams nach Saint-Louis. Und auch die Fertigstellung des Kunstmuseums wird ein Highlight sein.

Zuerst wird aber die Innenstadt autofrei. Das Chaos ist programmiert.

Das glaube ich nicht. Im Gegenteil denke ich, es wird einfacher, sich zurechtzufinden. Die Regeln werden ja vereinheitlicht.

Auch da gibt es nur positive Aspekte ...

Natürlich!