Herr Wessels, ein günstiges Pokémon-Filmli von Basel Tourismus erobert die virtuelle Welt im Sturm. Mehr Werbung für die Stadt geht nicht. Da kann man sich alle Marketing-Millionen sparen.

Hans-Peter Wessels: Unglaublich, wirklich. Man kann den Leuten von Basel Tourismus, die sowieso einen super Job machen, nur gratulieren zu diesem Coup. Sie sind innovativ, offen für Neues und immer für eine Überraschung gut. So gesehen ist es kein Zufall, dass sie mit einem solchen Film gekommen sind. Es zeigt, was möglich ist, wenn man schräge Ideen zulässt. Hier haben sie wirklich einen Volltreffer gelandet.

Was halten Sie denn davon?

Ich habe Tränen gelacht – und den Film auf Facebook gleich geteilt, als ich ihn gesehen habe. Er ist wirklich sehr lustig. Wie viele Leute deswegen nun zusätzlich nach Basel kommen, ist eine andere Frage. Es ist aber sicher eine tolle Imagewerbung.

Diese Frage stellt sich ja bei jeder Marketingmassnahme.

Stimmt. Basel ist ja schon sehr erfolgreich im Tourismusbereich. Die Übernachtungszahlen steigen Jahr für Jahr – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Regionen der Schweiz. Das zeigt, dass Basel Tourismus ein gutes Marketing betreibt, die Stadt mit ihrer schönen und lebendigen Innenstadt und ihrer sukzessive ausgebauten Hotelstruktur aber auch ein attraktives Angebot bietet. Wir machen ja auch viel dafür. Ich nenne mal den Erweiterungsbau des Kunstmuseums. Dazu kommen unter anderem auch der Easy-Jet-Hub im Euroairport, der immer mehr Touristen nach Basel bringt, sowie die Messen und Kongresse. Das alles ist möglich, weil Private und die öffentliche Hand gut zusammenarbeiten.

Der Pokémon-Film zeigt, wie wichtig die digitale Welt geworden ist, im Alltag und im Marketing. Das stützt eigentlich die Idee von Georg Kreis, eine virtuelle Expo 2030 abzuhalten (siehe Ausgabe vom 2. August).

Das ist schwierig zu sagen. Klar ist, dass man in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung und die Möglichkeiten der ganzen IT-Technologie konstant unterschätzt hat. Vor allem hat man die Geschwindigkeit der Veränderungen unterschätzt. Was heute selbstverständlich ist, war vor zehn Jahren noch pure Science-Fiction. Wer weiss, wie es in weiteren zehn Jahren aussehen wird? Allerdings hat der Besuch einer realen Welt ein ganz anderes Erlebnispotenzial …

… und eine andere Wertschöpfung …

Genau. Und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Das Ziel einer Expo war auch immer das Zusammenführen von Menschen – und damit das Erzeugen eines Wir-Gefühls. Das geht digital nur sehr beschränkt.

Das Wir-Gefühl wäre in der Region Basel besonders speziell, weil zum «Wir» auch das grenznahe Ausland gehört.

Deshalb könnte es keine herkömmliche Landesausstellung sein, welche eine nationale Nabelschau betreibt. Im Fokus müsste die europäische und nicht die rein schweizerische Identität stehen. Zumal es kaum eine Region gibt, die stärker von Grenzen und grenzüberschreitenden Projekten geprägt ist, als die Region Basel. Zwei Landesgrenzen mitten durch eine funktionale Stadt. Weil, Lörrach, Grenzach und St. Louis gehören genauso zum städtischen Zentrum der Region Basel wie die Baselbieter Gemeinden Allschwil, Münchenstein, Pratteln oder Muttenz, die immer urbaner werden. Deshalb müsste bei einer solchen Expo die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Zentrum stehen.

Wie soll das gehen ohne politische Konnotation? Mindestens eine schweizerische Volkspartei dürfte Amok laufen.

Selbstverständlich würde sie das. Aber alles andere als eine Euro-Ausstellung würde in Basel keinen Sinn machen. Schliesslich ginge es um den Alltag der Menschen hier. Ich bin allerdings nicht überzeugt davon, ob eine Expo wirklich erstrebenswert ist. Auf viel kleinerem Feuer, aber sehr erfolgreich, bereiten wir derzeit die Internationale Bauausstellung IBA Basel 2020 vor. Anhand einiger Projekte wird exemplarisch gezeigt, was man tun kann, um die grenzüberschreitende Identität zu stärken. Zum Beispiel der Rheinuferweg oder die Weiterführung von Tramlinien.

Gerade die Tramlinie nach Weil macht doch deutlich, wie viel Arbeit noch bleibt. Die unterschiedlichen ÖV-Tarife sind nun wahrlich kein Beweis einer engen Zusammenarbeit.

Das stimmt. Und ich ärgere mich unglaublich darüber. Seit Jahrzehnten bemühen sich viele Leute um ein einheitliches Tarifsystem. Leider ist das fast nicht möglich, weil der französische, der deutsche und der schweizerische Teil der Agglomeration zu den jeweiligen nationalen Tarif- und Preisgefügen gehören. Wir brauchen ein trinationales U-Abo. Nur ist das offensichtlich schwieriger zu erreichen, als Autobahnen, Brücken und Tramlinien grenzüberschreitend zu bauen.

Ist es nicht so, dass den Baslern ihre Stadt ziemlich genügt? Das grenznahe Ausland ist vor allem als Einkaufsziel interessant. Wird da nicht etwas heranpolitisiert, das wenig mit den Menschen hier zu tun hat?

Diese Wahrnehmung ist sicher richtig. Viele Baslerinnen und Basler bewegen sich gerne in der Stadt und gehen eher selten über die Grenze. Allerdings kommen sehr viele Leute aus dem Elsass, Südbaden und dem Baselbiet nach Basel. Ich denke, das ist in allen Zentren so. Man sieht aber schon Öffnungstendenzen. Das Kunstfreilager am Dreispitz steht auf Münchensteiner Boden. Überhaupt entwickelt sich dort ein neues Zentrum, bei dem die Grenzfrage keine Rolle spielt. Und die Tramlinie nach Weil am Rhein wird immer häufiger auch dazu genutzt, um anderen Interessen als dem Einkaufen nachzugehen. Oder die Velobrücke zwischen Huningue und Weil-Friedlingen: Dank ihr ist es heute völlig selbstverständlich, dass sich die Menschen beidseits der Grenze bewegen.

Könnte man ein wenig überspitzt formuliert sagen, die Stadtbasler dehnen das Stadtgebiet in ihren Köpfen langsam aus, wobei bei Frenkendorf dann endgültig Schluss ist?

(Lacht schallend) Ich sags mal so: Wir müssen Basel grösser denken. Denn die funktionale Stadt Basel ist weit grösser als ihre politischen Grenzen. Aber irgendwo endet der urbane Raum.

Wie erklären Sie sich den Widerspruch zwischen dem Alltag der Menschen in beiden Basel, in dem die Grenze überhaupt keine Rolle spielt, und der emotionalen Wucht, die jegliche Fusionsideen erdrückt?

Das hat schon mit den unterschiedlichen Entwicklungen von Stadt und Land zu tun. Das Baselbiet ist aufgrund der angespannten Finanzlage unter Druck. Das erschwert ein entspanntes Klima, das für neue Partnerschaften und Ideen wichtig ist. Das ist keine Kritik an der Politik unseres Nachbarkantons. Ich habe grossen Respekt vor der Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen. Es ist sehr schwierig, aus einer solchen Phase herauszufinden.

Gleichzeitig wächst in der Stadt das Gefühl, dass das Land übermässig profitiert. Wenn jetzt auch noch am Kostenteiler für die Uni geschraubt wird und das Land weniger Kulturbeiträge leisten will, könnte die Stimmung ganz kippen.

Grundsätzlich leistet die Stadt mehr als das Land. Das ist schon lange so. Die Uni gehört den beiden Kantonen je hälftig. Daran ist nicht zu rütteln. Es hat ja auch wesentlich mehr Studenten vom Land als aus der Stadt. Allerdings ist es richtig, dass ein substanzieller Teil der Uni in Baselland zu stehen kommt.

Was wäre mit Blick auf eine grenzüberschreitende Expo schwieriger, die Zusammenarbeit mit Deutschland und Frankreich oder mit dem Baselbiet?

(Lacht noch schallender) Wenn ich mit andern Baudirektoren rede, erzählen sie oft von Problemen bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Wobei sie meistens die Kantonsgrenzen meinen. Und sie staunen nicht schlecht, dass wir wesentlich mehr Kooperationen mit Deutschland und Frankreich haben, als fast alle Kantone kantonsüberschreitend. Selbstverständlich gibt es Differenzen mit dem Kanton Basel-Landschaft. Aber die reale Zusammenarbeit im Alltag ist wesentlich besser, als man in der Öffentlichkeit manchmal meint. Und natürlich ist es nicht einfach, Projekte über drei Länder hinweg zu realisieren. Die Finanzierungswege sind anders, die Rechtsgrundlagen auch.

Glauben Sie, die Expo-Idee würde in den Nachbarländern auf fruchtbaren Boden fallen?

Das war bislang noch nie ein Thema. Was ich aber feststelle: Die IBA Basel 2020 hat die volle Unterstützung von Deutschland, Frankreich und der Schweiz.

Es gibt einen grossen Unterschied: Bei der IBA geht es ums Bauen. Und da haben viele Leute einen handfesten Profit davon. Eine Expo wäre wesentlich flüchtiger.

Von meinem Naturell her habe ich viel mehr Interesse an konkreten Projekten: eine Brücke, eine Strasse, eine Tramlinie. Da kann man den Nutzen klar aufzeigen und beziffern. Zudem bleibt dieser Nutzen lange erhalten. Ich habe deswegen auch Mühe mit dem Gedanken, viel Geld für eine Expo in die Hand zu nehmen, von der wenig übrig bleibt.

Es könnte immerhin sein, dass eine Expo gewisse Infrastrukturprojekte beschleunigt. Das Herzstück für die S-Bahn etwa.

Mag sein. Aber wahrscheinlicher wäre, dass ein Seilbähnli über den Rhein gebaut würde. Eine nette Touristenattraktion vielleicht, aber kein wichtiger Verkehrsträger.

Was möchten Sie an einer Expo in der Region Basel unbedingt erleben?

Den Geist der europäischen Zusammenarbeit.