Biografie

Hansjörg Schneider: «Das war eine wunderbare Zeit in Basel»

Hansjörg Schneider im Hotel Engel in Todtnauberg. Juri Junkov

Hansjörg Schneider im Hotel Engel in Todtnauberg. Juri Junkov

Der Aargauer Hansjörg Schneider kam wegen der Uni nach Basel – und ist geblieben. Heute ist er einer der erfolgreichsten Schweizer Autoren.

Wir sitzen mit Hansjörg Schneider an dem Tisch, an dem Martin Heidegger jeweils um fünf Uhr Kaffee und Kuchen bestellte. Der Freiburger Philosophie-Professor hatte in Todtnauberg eine Hütte. Nun schaut er uns in der Gaststube des Hotel Engel von einem Bildchen über die Schulter. Das Haus strahlt eine gemütliche Ruhe aus. Der grüne Kachelofen erinnert daran, dass es einst eine Bauernwirtschaft war, bevor die Touristen kamen.

Etwa die Hälfte des Jahres lebt Hansjörg Schneider hier in einem Appartement im Hotel. «In letzter Zeit war ich öfters hier oben. Aber dann habe ich wieder lange Zeit nach Basel, nach meinen Freunden», sagt Schneider. Er sagt von sich auch, er sei kein Städter, er komme vom Land. «Ich will mich immer wieder aufs Land zurückziehen. Die Stadt ist etwas für junge Leute, da ist etwas los, da geht man hin und ist neugierig. Ich brauche die Stadt eigentlich gar nicht mehr.»

Staigers Vorlesung

Schneider ist im aargauischen Zofingen aufgewachsen, hat in Aarau die Kantonsschule besucht und ist für das Studium nach Basel gekommen – vor 58 Jahren. Seither ist er in Basel geblieben, obwohl er immer viel gereist ist und zeitweise im Jura gewohnt hat. Basel sei eine wunderbare Stadt. Warum genau, sei schwer zu sagen. «Ich bin eigentlich fast zufällig nach Basel gekommen. Ich wollte Germanistik studieren. Die Zofinger, die Germanistik studierten, sind damals nach Zürich gegangen, zu Emil Staiger», sagt Schneider. Einmal habe ihn ein Freund mitgenommen in Staigers Vorlesung. Der Zürcher Professor war ihm zu salbungsvoll. «Da dachte ich, nein, zu dem will ich nicht. Ich hatte einen anderen Kollegen, der war in Basel bei Walter Muschg. Der nahm mich auch mit und ich dachte, ja zu dem gehe ich.»

«Die Uni war Weltklasse damals. Die hatten wirklich gute Leute, Karl Barth etwa oder der Philosophie-Professor Karl Jaspers. Emigranten, die wegen der Naziherrschaft in die Schweiz gekommen waren.» Schneider schloss sein Studium mit dem Doktorat bei Walter Muschg über den Expressionismus in der Literatur ab. Danach arbeitete er ein halbes Jahr als Lehrer an der Bündner Kantonsschule in Chur. Aber er wollte zur Zeitung, hat Bewerbungen geschickt an den «Tages-Anzeiger», die «National-Zeitung» und die «Basler Nachrichten». Vom «Tagi» und der «National-Zeitung» kam keine Antwort. Die «Basler Nachrichten» wollten ihn haben und dort lernte er das Handwerk des Zeitungsmachens. Nach einem halben Jahr zog er in ein Bauernhaus im Jura, wo er Buchbesprechungen für das Feuilleton der «National-Zeitung» schrieb. «Ich wollte immer schreiben», sagt Schneider.

Düggelins Stipendium

1968 brachte seine Frau Astrid Zwillinge zur Welt. Schneider verfasste zu der Zeit ein Theaterstück über Antonius und Kleopatra. Als er nicht mehr weiterkam, kontaktierte er Werner Düggelin, der gerade Direktor des Basler Theaters geworden war. Düggelin wollte ihn kennenlernen, sie trafen sich in der Kunsthalle. Der Regisseur war von Schneider offenbar angetan und wollte ihn am Theater haben.

Düggelin hat ihm ein Stipendium ermöglicht. So konnte Schneider nebenbei kleine Reportagen für die «National-Zeitung» schreiben, Nebenrollen am Basler Theater spielen und seine ersten Stücke schreiben. «Der Erfinder» wurde von Kurt Gloor mit Bruno Ganz in der Hauptrolle verfilmt. Sein berühmtestes Stück, das «Sennentuntschi», wurde im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. «Das Schauspielhaus war gerammelt voll. Eine Stimmung wie im Kino. Das war mein Start. Das war grossartig.»

Mit seiner Frau hatte er ein altes Bauernhaus im Elsass. Auch in Carona im Tessin hatten sie ein Haus. «Zwei Zimmer mit zwei Garagen», sagt Schneider. Astrid Schneider war Chefsekretärin im Architekturbüro von Martin Burckhardt, später war sie für den Basler Kunstkredit verantwortlich. Sie starb 1997 an Krebs. Im «Nachtbuch für Astrid» beschreibt er seine Liebe zu ihr und seine Trauer.

Schneiders Paradies

Schneiders Krimireihe um den Basler Kriminalkommissär Hunkeler umfasst bisher neun Bände. Zurzeit schreibt er eine Art Tagebuch. 2012 ist ein Auszug seiner Tagebücher unter dem Titel «Nilpferde unter dem Haus» erschienen. Zuletzt hat der Diogenes Verlag von Schneider den Roman «Lieber Leo» neu aufgelegt.

In Todtnauberg, wo er Ende November die Literaturtage «Lesen auf dem Berg» organisiert, geniesst Hansjörg Schneider die Ruhe und die wunderschöne Landschaft. «Ich bin ein grosser Spaziergänger, ein Wanderer. Die Leute sind sehr nett hier. Wenn ich in Basel aus meiner Wohnung komme, sehe ich vor allem Autos, keine Natur.» Im Sommer sei es ihm zu heiss in Basel. Im Herbst habe es hier oben dagegen kaum Nebel, im Winter hat es Schnee. «Es ist wunderbar. Für mich passt beides zusammen, Stadt und Land. Meine Frau und ich hatten das immer so.»

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