Interview
Hansjörg Schneider: «Basel ist für mich Heimat»

Hansjörg Schneider erzählt über sein Basel, die Kunsthalle, das Theater und den Rhein. Der in Zofingen aufgewachsene Schriftsteller fühlt sich in Basel heimisch.

Drucken
Teilen

Herr Schneider, Sie sind vor 54 Jahren von Zofingen nach Basel gekommen. Weshalb eigentlich?

In Aarau habe ich die Matur gemacht und wollte Germanistik studieren. Die meisten Aargauer gingen damals nach Zürich zu Professor Emil Staiger. Ich hatte einen Kollegen aus Strengelbach, zwei Jahre älter, der schon in Basel war und der mir gesagt hat: Komm doch nach Basel, da ist der Walter Muschg, der hält Vorlesungen über die Expressionisten. Das war damals moderne Literatur. So bin ich nach Basel gekommen.

Vielmehr an die Universität Basel.

Natürlich bin ich auch in die Stadt gekommen, da habe ich schliesslich gewohnt. Und sie hat mir gefallen. (Denkt nach) Es ist allerdings schwierig zu sagen, weshalb. Sie ist irgendwie besonders, eine Grenzstadt eben. Damals war Paris meine Lieblingsstadt. In Basel kann man in den Zug einsteigen, der fährt direkt nach Paris.

Das Schönste von Basel ist der Zug nach Paris?

Das hatte eben etwas Weltoffenes.

Wussten Sie, was Sie hier erwartet?

Ich kannte Basel nicht, es war mehr eine Vorstellung.

Hat sich diese bestätigt?

Basel hatte eine Weltklasse-Universität. Da lehrten Koryphäen. Der Philosoph Karl Jaspers, der Wirtschaftswissenschafter Edgar Salin, der Theologe Karl Barth. Das waren alles ältere Herren, super Professoren. Die haben mir schwer imponiert. In der Stadt suchte ich die Orte, die mich interessierten: Die Bodega, die Rio-Bar vor allem. Das war eine wahnsinnig spannende Beiz. Am Abend war ich immer dort. Ich fand eine intakte Künstlerszene vor mit tollen Leuten.

Das war Ende der 50er-Jahre.

Ich war immer ein schweigender Gast, habe zugehört, habe sie angestaunt. Etwa den Autor Jürg Federspiel, den Lyriker Rainer Brambach oder auch Arnold Rüdlinger, den Chef der Kunsthalle.

Wie lange dauerte der Zauber an?

Sicher zwei Jahre. Dann war ich für ein halbes Jahr in Paris.

Sie haben den Zug erwischt?

Nein, per Autostopp natürlich. Für den Zug fehlte das Geld. In Paris war ich dann gleich im Quartier Latin. Ich habe gerochen, wo es spannend ist.

Konnte man von Paris nach Basel zurück?

Der Schritt von Zofingen nach Basel war grösser als der Schritt von Basel nach Paris. Zofingen war ein stilles, ruhiges Aargauer Städtchen, wo die Freisinnigen alles bestimmten. Wenn es einmal einen Künstler gab, hat dieser Landschaften gemalt. Schöne Landschaften. Literateten gab es keine, vielleicht abgesehen von der Lyrikerin Erika Burkart. Es gab keine Künstlerszene im Aargau.

Aber in Basel gab es sie.

Sicher und in Paris war alles nochmals eine Stufe grösser. Jeden Abend bis morgens früh hockte ich im Tabou, einem Treffpunkt der Künstler. Da war etwa Anouschka, die immer barfuss unterwegs war. Mädchen und junge Männer, die malten.

Als sie zurückkamen, hatten Sie in der Rio-Bar etwas zu erzählen.

Ich erzählte nicht viel. Und geschrieben habe ich damals noch nicht entschlossen genug. Das war gut, der Weg von Zofingen nach Basel und dann nach Paris.

Versuchen wir einen Zeitsprung ins Jahr 1968.

Werner Düggelin war damals an das Theater Basel gekommen. Die grosse Zeit des Basler Theaters fing an. Da wollte ich unbedingt hin. Ich war Regieassistent, Statist, in Weihnachtsmärchen konnte ich auch eine Hauptrolle spielen. Das war natürlich wieder eine ganz heisse Zeit. Das war ein Vulkan.

Und Basel nahe am Zeitgeschehen?

Auf jeden Fall. Ich war auch Berichterstatter der «National-Zeitung» für «studentische Belange». Für die Zeitung besuchte ich alle Sit-ins und Diskussionen der Studierenden. Im Mai 1968, während des Generalstreiks, war ich für die Zeitung in Paris. Ein Bus fuhr vom Elsässer Bahnhof direkt dorthin. Er hatte eine Menge Benzin geladen, weil in ganz Frankreich keine Tankstelle offen hatte. Ich stiefelte eine Woche lang im Quartier Latin herum und schrieb einen langen Artikel darüber für die «National-Zeitung».

Weshalb sind Sie nicht im Journalismus geblieben?

Journalismus interessierte mich brennend. Ich hatte auch das Angebot, Feuilleton-Redaktor zu werden. Ich wollte aber Schriftsteller werden.

Seit 1972, nach der Aufführung Ihres «Sennentuntschi» am Zürcher Schauspielhaus, arbeiten Sie als freier Autor. Was hielt Sie in Basel?

Ich habe geheiratet. Wir haben zwei Kinder. Meine Frau hatte hier eine Stelle. Basel ist einfach mehr und mehr der Ort geworden, wo wir als Familie wohnten.

Ist Basel «Heimat» geworden?

In einem meiner ersten «Hunkeler»-Romane schreibe ich, wie Hunkeler aus dem Bauernhaus im Elsass in die Stadt zurückfährt. Bei Folgensburg sieht man auf Basel herab, in die Rheinebene hinein, und da denkt Hunkeler: Eigentlich eine wunderbare Gegend, «fast ein Stück Heimat». Das wäre auch meine Meinung.

Sie sind Hunkeler.

Für mich ist Basel der Lebensmittelpunkt der vergangenen fünfzig Jahre. Das Zofingen, das ich im Kopf habe, ist das Zofingen der 1940er- und 1950er- Jahre, als ich dort aufwuchs. Das heutige Zofingen kenne ich gar nicht. Basel kenne ich gut, da fühle ich mich wohl. Wenn man mich fragt, wo ich zu Hause bin, dann ist die Antwort Basel.

Wenn Sie Gäste von auswärts haben, was zeigen Sie ihnen?

Sicher gehen wir an den Rhein. Zum Rheinbadehäuschen St. Johann. Da habe ich den Schlüssel. Dann kommt es darauf an, wer mich besucht: Vielleicht zum Münster, ins Kunstmuseum. Ich gehe mit ihnen ins Restaurant Kunsthalle. Und sicher fahren wir ins Elsass.

Der Rhein steht bei Ihnen wie in manchen Hunkeler-Romanen an erster Stelle. Es scheint, Ihnen ist der Rhein wichtiger als manchem Basler.

Basel ist doch der Rhein. Wenn man allerdings mit dem Auto von Zürich nach Strassburg fährt, dann führt die Route zehn Minuten durch eine Betonröhre und Basel ist vorbei. Aber die Stadt ist eigentlich dem Rhein zugewandt. Die Prunkfassade vom Münster, Augustinergasse, Mittlere Brücke bis zum Drei König geht zum Rhein. Man muss den Rhein hinunterschwimmen, um Basel zu sehen. Oder zumindest auf einem Schiff sein. Der Rhein ist wichtig.

Aber nicht für die Basler selbst.

Ich bin da nicht so sicher. Ich ging einmal, lange ist es her, über die Mittlere Brücke. Da stand ein junges Paar, und er, ein Basler, sagt seiner Freundin, die offensichtlich nicht aus Basel war: «Da, schmeck die gute Basler Luft!» – Basel ist eine Flussstadt.

Kennen Sie den Rheinhafen?

Seit ich 16 Jahre alt war. Da wollte ich mit dem Schiff nach Rotterdam. Mit einem Kollegen bin ich in den Rheinhafen, ins Restaurant «Schiff». Da verkehrten die Schiffer, Holländer, Belgier, Luxemburger, Deutsche. Wir haben ein Schiff gefunden, das fuhr um Mitternacht ab. Es nahm uns mit, und wir konnten in der Matronsenkajüte am Boden schlafen. Todmüde sind wir gleich eingeschlafen. Als ich erwachte, sah ich die gotische Kirche von Breisach vorbeiziehen, da dachte ich: Das ist es!

So sind Sie fast Matrose geworden?

Das schon nicht.

Zwei Stichworte haben Sie zu Basel nicht genannt: Fussball und Fasnacht.

Fasnacht sagt mir nichts, das ist etwas für Basler und nichts für Zugezogene. Fussball war mir wichtig. Zu Odermatts Zeiten war ich bei jedem Spiel im Stadion. Jetzt gehe ich schon lange nicht mehr hin. Mir ist nicht mehr wohl, wenn es zu viele Leute an einem Ort hat.

Gab es zu Düggelins Zeiten tatsächlich diese Verbrüderung des Theaters mit dem FC Basel?

Düggelin selbst war gar kein so grosser Fussball-Fan. Er verstand sich aber einfach gut mit dem Trainer Helmut Benthaus. Sie sassen zusammen im Kunsthallen-Garten und hatten eine Flasche Weisswein im Eiskübel vor sich. Dass sie zusammenspannten, war aber super Werbung, um das Theater in der Stadt zu verankern.

Der Doppelpass funktionierte.

Düggelin hat zwei Sachen genial gemacht: Er hat gute Aufführungen ermöglicht und das Theater in der Stadt verankert. Die Premierefeiern waren öffentlich. Da sind alle gekommen. Das waren gesellschaftliche Anlässe bis morgens um 3 Uhr. Leute waren dabei, die der Aufführung gar nicht beiwohnten. Heute verkriechen sich ja die Schauspieler nach der Vorstellung.

Haben Sie mit Theaterdirektor Georges Delnon darüber geredet?

Zweimal habe ich bisher mit ihm gesprochen. Ich finde ihn übrigens prima. Er wird immer noch schwer unterschätzt. Heute ist aber eine andere Zeit. Theater haben überall Schwierigkeiten. Früher stand das Theater im Zentrum. Es war ein Vulkan, dessen Funken über der ganzen Stadt niedergingen. Heute sind Theater – weiss der Gugger, was sie heute sind.

Sie gehen mit dem aktuellen Theater nicht gnädig um.

Das beginnt schon bei diesem grässlichen Theaterneubau, das ist ein Bunker. Die Schauspieler verstecken sich darin. Sie gehen nicht mehr zum Plebs.

Gleich neben dem Theater steht das Restaurant Kunsthalle.

Ja, die Kunsthalle ist die zentrale Beiz. Zumindest in der Zeit von Peter Wyss war sie das Kulturzentrum. Im weissen Teil tafeln die Sarasins und wie sie alle heissen, der Galerist Beyeler hatte seinen Tisch. Auf der anderen Seite, im Schlauch, treffen sich die Jungen und der Plebs. Auch in Zeiten, als es grosse gesellschaftliche Spannungen gab, etwa während der 80er-Unruhen, sassen auf der einen Seite diejenigen mit der Macht und auf der anderen Seite die Jungen. Und ich habe nie gesehen, dass ein Glas von einem Teil in den anderen geflogen ist. Die Kunsthalle ist auch baulich genial, mit den offenen Bögen zwischen den beiden Teilen.

Die Kunsthalle scheint Ihnen Inbegriff zu sein für Basel.

Ja, man kommt aus miteinander. Das ist das Grossartige an Basel: der liberale Geist, der herrscht. Das ist nicht nur ein blöder Spruch, das ist ernst gemeint. Auf eine ganz tolerante Art lässt man einen leben, auch wenn man nicht von hier ist. Wenn ich in die Kunsthalle komme, denke ich immer: Hier kennt mich niemand – obwohl ich natürlich weiss, dass mich mittlerweile sicher die Hälfte kennt.

Machen wir den Sprung über die Grenze. Sie hatten lange Zeit ein Haus im Elsass. Waren Sie da im Ausland?

Nein, eher im Umland. Und doch ist alles anders, sobald man über die Grenze fährt. Sogar die Bäume wachsen anders, hat man den Eindruck. Historisch, auch sprachgeschichtlich gehören das Elsass und Basel aber zusammen, sie sind sich jedenfalls näher als Basel und Zofingen. Aber das Seltsame ist doch: Jeden Tag kommen über 20000 Elsässer in die Schweiz zur Arbeit. Kaum haben sie diese verrichtet, steigen sie in ihr Auto und kehren wieder in ihr Elsass zurück, so rasch wie möglich. Die wollen nichts von Basel wissen, ausser vom Schweizer Franken. Aber das macht nichts. Es ist so gut. Es gehört zusammen, es findet aber keine Verbrüderung statt.

Das isoliert Basel aber auch.

Basel ist durch und durch urban. Die Basler verstehen deshalb bis heute nicht, weshalb ihnen die Bauern und die Seidenbandweber bei der Kantonstrennung weggelaufen sind. Die Städter meinen noch heute, dass sie die besten Herren für diese Bauern gewesen wären.

Sie leben in Basel, aber auch in Todtnauberg, im Schwarzwald, wo Sie sich in einem Hotel einquartiert haben. Weshalb?

Ich bin gerne in der Stadt, bin aber ein Mensch vom Land. Ich will die Vögel hören, Kühe sehen. Sonst geht es mir nicht gut. Wir hatten ein Stöckli im Emmental, dann ein Bauernhaus im Elsass. Nachdem meine Frau vor 15 Jahren gestorben ist, habe ich es nicht mehr besucht. Es begann zu wuchern. Sträucher wuchsen aus dem Dach. Ich habe es verkauft. Das Hotel hier in Todtnauberg kannte ich vom Winter her. Mit den Wirtsleuten habe ich mich angefreundet, mache hier auch Lesetage. Ich rede hier schweizerdeutsch, so wie ich im Elsass schweizerdeutsch gesprochen habe.