Anna Götenstedt

«Harmonie»-Wirtin: «Schade, dass Basler nicht immer so gut gelaunt sind wie an der Fasnacht»

Für die «Harmonie»-Gäste ist die gebürtige Schwedin Anna Götenstedt eine Ersatzmutter, die in ihrer Stube alle willkommen heisst.

Für die «Harmonie»-Gäste ist die gebürtige Schwedin Anna Götenstedt eine Ersatzmutter, die in ihrer Stube alle willkommen heisst.

Seit 12 Jahren wirtet Anna Götenstedt in der «Harmonie». Bummelsonntage erfüllen die gebürtige Schwedin zweifach – die politische Wirtin im Porträt.

Der Cantautore Lucio Dalla konnte nicht voraussehen, dass es einen Teil seiner Anna wirklich geben würde. Als er «Anna e Marco» 1979 veröffentlichte, war Anna Götenstedt elf Jahre alt und lebte im schwedischen Kaff Otterbäcken. Sie nahm an Schwimmwettkämpfen teil, segelte mit der Familie auf dem See und sammelte Blaubeeren.

Es war in mancherlei Hinsicht eine Kindheit wie bei Pippi Langstrumpf: Die Wildnis war Spielplatz für alle und Mädchen hatten gleich viel zu sagen wie Buben. «In Sachen Gleichstellung ist Schweden der Schweiz eine Generation voraus», sagt Götenstedt. Trotzdem werde sie nicht nach Schweden zurückkehren. Der Staat sei zu einflussreich, «den Leuten fehlt es an Eigenverantwortung», sagt sie. Ihre Heimat sei Basel. «Egal, wo ich bin – ich habe Heimweh nach Basel.»

Vor 30 Jahren wanderte sie in die Schweiz aus; sie war 20 Jahre alt. Zuvor hatte sie je ein Jahr in Seattle und Paris verbracht, um Englisch und Französisch zu lernen, doch erst im Baselbiet blieb sie. Ihre einstige Babysitterin aus Schweden war mit Wirten aus Laufen befreundet und machte diese mit Götenstedt bekannt. Ihre Eltern hatten gehofft, sie würde Deutsch lernen und studieren. Die Uni sagte Götenstedt aber nichts, «zu wenig Adrenalin».

Auch ohne Amt politisch aktiv

Sie besuchte einen Deutschkurs und jobbte im Service. Im «Rathausstübli» lernte sie FCB-Spieler und Künstler kennen. «Halb Basel verkehrte dort», sagt sie. «Es war eine tolle Zeit, irgendwann zog es mich aber in die grosse Stadt.» Heute weiss sie: «Basel ist eine kleine Grossstadt oder ein grosses Dorf.» Sie verbringt die meiste Zeit am Rande dieser Dorfstadt auf der Lyss, lebt und arbeitet unter einem Dach. Für ihre Gäste ist sie eine Art Stern der Vorstadt; «Stella di periferia», wie Lucio Dalla singt. Die Gäste sehen Anna Götenstedt als «Ersatzmutter» in einer Stube, in der jeder willkommen ist – egal, ob er nur Bier trinken oder gediegen einen Viergänger essen will.

Seit 12 Jahren wirtet Götenstedt in der «Harmonie», inzwischen ist sie auch Pächterin. Es ist das erste Mal, dass es sie nicht nach wenigen Jahren an einen neuen Arbeitsplatz zieht. Und das erste Mal, dass sie ihr eigener Chef ist. Die Beiz läuft gut, sehr gut sogar. Das Rauchverbot kam der «Harmonie» entgegen: Seither kommen auch Nichtraucher, denen es zuvor zu verqualmt war, und die Gäste bleiben weniger lang, was zu mehr Bestellungen führt. «Ich wünsche mir, noch viele Jahre bleiben zu können – doch wir Wirte haben es nicht leicht», sagt Götenstedt. Zu hohe Einkaufspreise, zu viel Regulierung. In der Hoffnung, aktiv etwas ändern zu können, kandidierte sie vor zwei Jahren für den Grossen Rat. Ihre Partei, die LDP, ging als Gewinnerin hervor, für Götenstedt reichte es nicht.

Nun versucht sie, auch ohne Mandat Einfluss auf Entwicklungen zu nehmen, die sie als Wirtin betreffen. Als Mitglied des Initiativkomitees übergibt sie am heutigen Freitag die Unterschriften für die Initiative «Stadtbelebung durch vernünftige Parkgebühren». Ausserdem möchte sie sich künftig für weniger Hürden bei Boulevardcafés starkmachen. Vor der «Harmonie» würde sie gern mehr Gäste bewirten können, doch es werden nur zwei Meter Boulevard erlaubt. «Das Trottoir ist breit genug, auch mit mehr Tischen kämen Kinderwägen gut durch». Sie ärgert sich, findet es kleingeistig, spiessig.

So schätzt Euch doch glücklich

Gleichzeitig möchte sie nicht zu den Unzufriedenen zählen. Neulich lag sie wach und dachte über ihre Grabrede nach. «Ich möchte den Menschen auch posthum vermitteln, dass sie sich glücklich schätzen können, dass sie hier alles haben und die meisten von ihnen richtige Probleme nur vom Fernseher kennen», sagt sie. «Doch leider ist das vielen nicht bewusst.» Sie freue sich immer auf Anlässe wie die Fasnacht oder die Bummelsonntage. Weil in der Beiz noch mehr laufe als sonst. «Und weil alle gut drauf sind. Schade, dass die Basler nicht immer so gut gelaunt sind wie an der Fasnacht.»

Vor einigen Wochen feierte Anna Götenstedt ihren 50. Geburtstag. Sie ist gesund und glücklich. Die Grabrede-Gedanken seien ihr «einfach so» gekommen. «Doch», so sagt sie, «wenn ich morgen sterben würde – ich wüsste nicht, was mir in meinem Leben gefehlt hätte.» Am wichtigsten sind ihr die Töchter, beide über 20 und selbstständig. Mit deren Vater versteht sich Götenstedt auch nach der Scheidung gut, sie reisen oft zusammen nach Schweden. Aber nur ferienhalber. Ihre Heimat bleibt die Vorstadt.

Autorin

Martina Rutschmann

Martina Rutschmann

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