Es muss um das Jahr 1220 gewesen sein, als Caesarius von Heisterbach in seinem «Dialogus miraculorum» eine Szene beschrieb, in der sich zwei Gruppen von Dämonen gegenseitig eine Menschenseele in Form eines Balles zuspielten. Die Forschung nimmt heute an, es sei die erste, offensichtlich stark entfremdete Schilderung eines Tennis-Matches zwischen christlichen Mönchen. Sportarten haben in ihrer Entstehung für Aussenstehende seit je etwas Unnatürliches. Auch Quidditch wirkt bei erstmaliger Betrachtung ziemlich albern.

Das liegt wohl auch daran, dass das Unnatürliche gar nicht weit weg ist: Der bekannteste Quidditch-Spieler der Welt heisst Harry Potter. Dessen Sport ist so fiktiv wie er selbst. Weil sich Harry Potter aber inzwischen fast so gut verkauft wie die Bibel und seine Fans die Welt der Magie in die hiesige holen wollen, gibt es Quidditch für Normalsterbliche. Für Muggel. Die Basel Basilisks trainieren ihren Sport zwei- bis dreimal die Woche, soeben sind sie aus einem Trainingslager zurückgekehrt.

Vier Spieler und zwei Spielerinnen haben sich am Mittwochabend eingefunden. Sie tragen Kickschuhe, Sportbekleidung und Stirnbänder. Das Auffälligste sind aber zweifellos die Stäbe zwischen ihren Beinen. Sie markieren die Besen, auf welchen die Protagonisten in der Buchvorlage durch die Luft fliegen. Die Basel Basilisks sind allerdings an die Gesetze der Schwerkraft und damit an den Rasen im Margarethenpark gebunden, deshalb müssen sie selber rennen. Überall dort, wo das Spiel an die Grenzen der Realität gelangt, entsteht unweigerlich eine Komik. Der Schnatz, ein kleiner goldener Ball mit einem Eigenleben, ist in Büchern und Filmen für spektakuläre Actionszenen verantwortlich. Die Spieler müssen ihn auf dem riesigen Spielfeld finden, sein Fang beendet das Spiel. In der Real-Version simuliert den Schnatz ein neutraler Spieler mit einem Socken am Hosenbund, in welchem ein Tennisball steckt. Solche Fangis-Elemente lassen daran zweifeln, dass sich Quidditch je als Sportart ausserhalb der Potter-Fans etablieren wird.

Rugby, Völkerball, Fantasie

Dennoch: Es geht durchaus unzimperlich zu und her zwischen und hinter den sechs Toren. «Quidditch ist eine Kontaktsportart und eine Mischung aus Rugby, Hand- und Völkerball», sagt Samson Rentsch. Er hat die Sportart im Ausland kennen gelernt und den Basler Verein gegründet. Das Training führt aber Patricia Schwan. Nicht ungewöhnlich: Im Quidditch gibt es keine Geschlechtertrennung. Energisch ruft die Übungsleiterin: «Drehen, kommt!», «Nimm den Ball!» und «Schneller!» – Sätze, wie sie auf fast jedes Spielfeld passen würden. Immer wieder fallen aber seltsame Worte, «Bludger», «Quaffle» oder «Chaser». Die Begriffe für Spielgeräte oder Positionen orientieren sich am englischen Original von J. K. Rowling. Auch die Teamnamen sind gespickt mit Hommagen an die bekannte Fantasy-Serie. In der noch kleinen Schweizer Liga messen sich die Basilisken in einer Gruppe mit den Turicum Thunderbirds aus Zürich und den Hippogreifen Hägendorf. Nach einem Spieltag sind die Basler noch sieglos auf Rang drei.

Das könnte daran liegen, dass das Basler Team noch Spieler braucht. «Gestern hat es für ein Mätchli gereicht», sagt Schwan. Dafür braucht es aber doppelt so viele Spieler, als sich heute auf der Margarethen eingefunden habe. Der Fokus liegt deshalb heute auf technischen und strategischen Übungen. Um Spielpraxis zu sammeln, reisen die Basilisken auch ins Ausland. Der deutsche Verband etwa umfasst 21 Teams, welche sich um die Meisterschaft streiten. Rentsch ist an diesem Mittwochabend leise enttäuscht: Das Training wäre für neue Spieler offengestanden, gekommen war allerdings niemand.

Ungeachtet dessen: Die Pottermanie ist ungebrochen. Davon zeugt das Harry-Potter-Quiz, welches Rentsch bald im «Didi Offensiv» veranstaltet. Von Einladungen überrannt, ist bereits ein Wiederholungstermin geplant, «und vielleicht braucht es auch noch eine dritte Ausgabe». Vielleicht finden sich dann noch ein paar Fans, die für ein paar Stunden so tun, als könnten sie fliegen.