Die Sonderbehandlung des jungen Gewalttäters «Carlos» brachte viel Kritik. Die zu hohen Kosten, aber auch dass Carlos Kampfsporttraining erhielt, störte viele. Trainiert wurde er vom Profi-Thaiboxer Shemsi Beqiri in Reinach. Ob zu Recht, sei dahingestellt. Nur logisch erscheint aber der Ort des Trainings – schliesslich ist Basel so etwas wie das Mekka der Kampfkünste und des Kampfsports.

Basel hat schweizweit die wohl höchste Titel- und Meisterdichte in Kampfsportarten. Mehrere grosse und erfolgreiche Namen aus Boxen, Judo, Karate, Thaiboxen, Thai Chi oder Kung-Fu kommen aus der Region (siehe Auswahl unten). Auch das Trainingsangebot ist umfassend und vielseitig, es gibt immer mehr Dojos und Kampfsportcenter. «Als ich 1979 meine Schule eröffnete, gab es in Basel tatsächlich nur gut vier», sagt Salvatore Caprino vom Budo-Kampfkunstcenter Basel, der seit 41 Jahren unterrichtet. Heute gibt es um ein Zigfaches mehr.

Trend und Tradition

Die guten Strukturen spürt man auch im Sportamt Basel. «Kampfsport ist in Basel mittlerweile sehr gross», sagt Sandro Penta, Leiter Leistungs- und Nachwuchssport. «Es gibt jedoch auch viele Pseudoverbände», sagt Penta. Erfasst würden aber nur die olympischen Wettkampfsportarten wie Judo oder Taekwondo sowie zusätzlich Karate. Die Zahl der Kampfsport-Talente ist in den letzten Jahren dennoch steigend. «Im Judo sind wir mit derzeit gut zehn Supertalenten sensationell aufgestellt», sagt Sandro Penta. Im Karate hinke man trotz eigentlich ausgezeichneter Strukturen hinterher. «Das Problem ist, dass vieles nicht offiziell organisiert und verzettelt ist.»

Kampfsport ist in Basel nicht nur trendig, sondern hat ebenso Tradition. «In den letzten 30 Jahren lag Boxen in Basel immer im Trend», betont Angelo Gallina, Präsident des bald 90-jährigen Boxclubs Basel und Trainer des besten Schweizer Profis Arnold «The Cobra» Gjergjaj. Derzeit trainieren gut 350 Boxer, davon rund 100 Jugendliche im Klub. Arnold Gjergjaj sei natürlich ein guter Werbeträger für den Sport. «Kampfsport lebt von der Aura, den Geschichten und der Ausstrahlung», erklärt Gallina den andauernden Erfolg. Doch der Boxclub organisiere auch Wettkämpfe und aussersportliche Veranstaltungen – so morgen gemeinsam mit dem Antikenmuseum in der Skulpturhalle die Ausstellung «Antiker Faustkampf und modernes Boxen».

Faszination der Kampfkünste

Doch was fasziniert so sehr am Kampfsport, worin liegt der Erfolg? «Bösartig könnte man sagen: Es ist das, was uns medial inszeniert wird», sagt Soziologieprofessor Ueli Mäder. «Doch positiv formuliert: In der heutigen Gesellschaft, welche bestimmt ist durch sachliche und distanzierte Beziehungen, finden die Menschen im Kampfsport Direktheit, Körperbetontes und den Umgang mit Grenzen, Nähe und Distanz.» Die steigende Attraktivität ist so im urbanen soziodemografischen Umfeld Basel nachvollziehbar. Oft sei Kampfsport zudem mit einer Lebensphilosophie verbunden oder als Selbstverteidigung zu verstehen», ergänzt Mäder.

Salvatore Caprino, einer der weltbesten Kampfkunst-Lehrer, pflichtet bei: «Es werden Aggressionen ab- und eine innere Stärke aufgebaut.» Das stütze den Charakter, so der gebürtige Sizilianer, «für mich ist es nicht Kampfsport, sondern Kampfkunst».

Pragmatischer sieht es Angelo Gallina: «Kampfsport, besonders Fitnessboxen, beansprucht alle Körperelemente.» Doch 51 Prozent mache das Soziale aus. Dies, sowie das unabhängige und unverbindliche Training, suchten die Sportler. «Das Einfache macht in einer konsumistisch übersättigten Gesellschaft mehr an», so Ueli Mäder. Hohe soziale Verbindlichkeit werde oft als zu kontrolliert wahrgenommen. Kampfkunst sei ideal, da sie individuell erlebbar sei, aber dennoch gemeinschaftlich und sozial bleibe. «Es ist aber auch ein Spiegel der konkurrenzbetonten Gesellschaft», sagt Mäder, allerdings spielerischer und respektvoller.