Künstliche Intelligenz

Haus der elektronischen Künste präsentiert Arbeiten zur künstlichen Intelligenz

Surrealistisch wirkende Muster: «im here to learn so:))))))» von Zach Blas and Jemima Wyman, 2017.

Surrealistisch wirkende Muster: «im here to learn so:))))))» von Zach Blas and Jemima Wyman, 2017.

Ausstellung Mit «Entangled Realities» präsentiert das Haus der elektronischen Künste kritische und spielerische Arbeiten zur künstlichen Intelligenz.

Irgendwo da oben gibt es wohl versteckte Kameras. Denn gleich nach dem Eingang der Ausstellung begegnet man sich selbst. Weil das an die Wand projizierte Grossbild ziemlich verzerrt und verzogen ist, geht man auf das Holzpult mit den Reglern zu, um sich interaktiv in ein besseres Licht zu rücken.

Doch Pech gehabt: Beim Betätigen der Schalter verändert sich das Bild zwar leicht, doch werden die Formen und Farben noch verschwommener und irritierender, die Bewegungen langsamer.

«Membrane», die Installation von Ursula Damm, gibt die aufgenommenen Livebilder der Besucherinnen und Besucher nicht einfach weiter. Sondern sie lässt sie von einem System analysieren, das gelernt hat, auf bestimmte Bildmerkmale zu reagieren und diese nach einem Muster zu kombinieren. So sehen wir das, was Maschinen von uns sehen. Bild- und Gesichtserkennung, Roboter und sich selbst steuernde Fahrzeuge prägen unseren Alltag immer mehr.

Neue Bilder, neue Realitäten

Längst können Computerprogramme nicht mehr nur einfache Muster erkennen oder vorgegebene Arbeiten ausführen, sie sind auch imstande, selbstständig zu reagieren und Neues zu lernen. So etwa indem sie neuronale Netzwerke nachahmen, biologische Strukturen, die sich grob an jenen des Gehirns orientieren. Computer werden heute auch in eigentliche Trainings geschickt, damit sie im Umgang mit Daten noch fitter werden und für neue Wettbewerbe vorbereitet sind.

«Entangled Realities» – etwa: verwickelte, verstrickte Wirklichkeiten – lautet der Titel der Gruppenausstellung im Haus der elektronischen Künste (HeK), die dem hochaktuellen Thema der künstlichen Intelligenz gewidmet ist. Angedeutet wird damit, dass Maschinen nicht nur frische Bilder erzeugen, sondern auch ganz neue Realitäten schaffen können. Und dass wir zunehmend mit solchen «intelligenten» Systemen zusammenleben, die uns die eine oder andere Entscheidung abnehmen – oder gleich die ganze Arbeit. Wie die Kunst darauf reagiert, lautet eine relevante Frage der Ausstellung.

«Wir möchten die Entwicklung der künstlichen Intelligenz nicht bewerten», sagt Museumsdirektorin und Mitkuratorin Sabine Himmelsbach. «Vielmehr wollen wir zeigen, wie sie den kreativen Bereich beeinflusst hat, und dabei auch die spielerischen und visionären Seiten hervorheben – etwa die Tendenzen, die Technik zu demokratisieren.» Ziel müsse sein, das Miteinander von Mensch und Maschine bewusst zu gestalten.

Beteiligt an der Ausstellung sind rund 20 Künstlerinnen und Künstler aus Europa und den USA, die alle auf ihre Weise versuchen, Aspekte der intelligenten Systeme und Prozesse des maschinellen Lernens zu veranschaulichen und verständlich darzustellen. Neben den visuellen kommen auch akustische Welten nicht zu kurz. Und die Schweizer Künstlergruppe «fabric|ch» zeigt sogar eine Software, die beim Aufbau der Ausstellung mit künstlicher Intelligenz zu Diensten stand.

Ein beleidigender Chatroboter

Augenfällig präsentiert sich die grosse Videoinstallation «im here to learn so:))))))» von Zach Blas und Jemima Wyman. Die beiden führen uns an die Abgründe moderner Kommunikationsformen heran, indem sie an den kurzlebigen Chatbot namens Tay erinnern. Dieses Text-Dialogsystem musste im März 2016 wegen rassistischer und beleidigender Nutzer-Inputs nach weniger als 24 Stunden abgeschaltet werden.

An der künstlichen Figur der 19-jährigen Tay hatte die Firma Microsoft testen wollen, ob und wie künstliche Intelligenz lernt. Die surrealistisch wirkenden Muster in der Installation werden vom Google-Programm DeepDream geliefert, das Bilder verändern kann.

Die hoch komplizierte, immer stärker miniaturisierte und immer weniger verständliche Technik bringt es mit sich, dass es mit der angestrebten Anschaulichkeit in der Ausstellung etwas hapert. Manches lässt sich nur mit zusätzlichen Erklärungen und Informationen lesen, und auch dann ist die unmittelbare ästhetische Wirkung nicht garantiert. Diese stellt sich eher ein, wenn die Arbeiten Bekanntes wie Tulpen (Anna Ridler und David Pfau) oder Mikroorganismen (Anna Dumitriu und Alex May) einbeziehen.

Am Schluss schaut man in Sebastian Schmiegs «Decisive Mirror» an der Wand – und trifft wieder auf sich selbst. Es ist ein von künstlicher Intelligenz gesteuerter Spiegel, der das Gesicht des Besuchers nach gelernten Instagram-Hashtags beurteilt. «You are 7 % surprising», lautet eine der seltsamen Wertungen, die unter dem Spiegelbild erscheinen. Tatsächlich: So wird der Mensch von jenen künstlichen Maschinen ironisiert, die er doch selbst programmiert hat.

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