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Heidi Mück will in roten Hacken in die Regierung

Heidi Mück verrät beim Einkaufsbummel, in welchem Laden sie gerne eine Nacht lang eingesperrt wäre und warum sie nicht öfter hohe Absätze trägt – obwohl sie das gerne tun würde.

Das wichtigste am Stücki Shoppingcenter ist für Heidi Mück der Seiteneingang, der direkt zur Migros führt. Wenn Mück ihre Einkäufe erledigt, will sie nicht erst durch den ganzen Konsumtempel wandern. Einkaufen bis zum Umfallen. «Shop ’til you drop» auf 32'000 Quadratmetern, preist sich das Stücki an. Mücks Welt ist es nicht. «Ich finde das absurd.»

Mit Heidi Mück im Stücki: «Ich nehme immer den Seiteneingang»

Mit Heidi Mück im Stücki: «Ich nehme immer den Seiteneingang»

Die Regierungsratskandidatin der Basta ist auf Einladung der bz im Stücki. Ein Einkaufsbummel steht an. Obwohl sie nur zwei, drei Pedalentritte entfernt wohnt, nutzt sie das Center sonst nur für den Wocheneinkauf. «Zum Shoppen habe ich selten Lust und noch seltener Zeit», sagt Mück. Braucht sie neue Kleider, kauft sie gerne an Märkten in den Ferien ein. «Jetzt könnte man mir vorwerfen, die geht ins Ausland einkaufen», bemerkt sie und lacht.

Nächtelang durchfeiern

Vor dem H&M bleibt Mück stehen. Da habe sie früher Kleider für ihre drei Söhne gekauft. Im Laden entdeckt sie ein T-Shirt mit Nirvana-Aufdruck und ausgefranstem Kragen. «Das ist ja wie früher.» Mit früher meint sie die Zeit, in der auf dem Stücki-Areal noch kein Paradies für Shoppingwütige stand. In den 80er- und 90er-Jahren hatte sich auf dem Areal eine Szene aus Künstlern mit Ateliers und Musikern mit Probelokalen eingenistet. Konzerte, Partys, nächtelang durchfeiern – Mück war oft auf dem Stücki. Ihr Partner besass ein Atelier. «Als ich zum ersten Mal schwanger war, sagte ich es ihm hier.»

Das Stücki im Jahr 2001 und 2016

Im Kampf gegen den Bau des Shoppingcenters in Kleinhüningen war Mücks Stimme eine der lautesten. Sie prophezeite schon damals, lange vor den Euro-Franken-Turbulenzen, das Center werde, so nahe an der Grenze zu Deutschland, wenig Kunden anziehen. Ihr Kampf war umsonst, seit 2009 kann man im Stücki einkaufen bis zum Umfallen. «Es ist bitter, im Nachhinein recht zu bekommen.» Mück ist überzeugt: Das Center entspricht niemandes Bedürfnis.

Die Schuhe im Schaufenster von Navyboot lösen bei Mück keine Begeisterung aus. Gleichwohl biegt sie links ab und steuert die Hackenschuhe an. Das rosarote Modell gefällt ihr nicht. «Wenn, dann möchte ich etwas knallrotes.» Mück würde gerne öfter hohe Absätze tragen. Doch ihr Rücken erlaube das nicht, und sowieso könne sie in diesen Schuhen nicht richtig gehen. Sie begutachtet ein weiteres Modell, legt es aber schnell zurück. «Mein ältester Sohn besitzt mehr Schuhe als ich.»

Mücks Wunschdepartement

Rote Hackenschuhe – Heidi Mück würde sie auch als Regierungsrätin tragen. Nach 12 Jahren im Grossen Rat will sie am 23. Oktober in die Regierung einziehen. Das Erziehungsdepartement soll es sein, das ist für Mück schon klar. Was sie anpacken will, ebenso. Die Lehrer von administrativen Aufgaben entlasten. Flächendeckend Tagesschulen einführen. Spezialangebote, die der integrativen Schule zum Opfer gefallen sind, wieder aufleben lassen, etwa Einführungs- und Fremdsprachenklassen.

Sollte Baschi Dürr Regierungsratspräsident werden, würde neben ihrem Wunschdepartement auch das Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) frei. Mück, die die Arbeit der Polizei regelmässig kritisiert, als ihre Vorsteherin – «klar, das wäre schwierig», konstatiert sie. Das Departement würde sie gleichwohl übernehmen.

Im JSD könnte Mück wohl kaum so brillieren wie es der Kristallschwan in der Swarovski-Vitrine tut. In diesem Laden sei sie noch nie gewesen, Schmuck besässe sie nicht viel. Ihr Urteil fällt sie schnell und deutlich: «Hier glitzert es zu sehr.» Ihr kostbarstes Schmuckstück ist ein Armreif, den ihr ihr Partner einst aus Ägypten mitgebracht hat. Den Preis kennt sie nicht. «Aber ich habe gespürt, dass er mir etwas Wertvolles schenkt.» Sie trage den Armreif viel zu selten, aus Angst, ihn zu verlieren. Ein Accessoire, das Mück jeden Tag trägt, kommt zum Vorschein, als sie den linken Ärmel ihrer Jacke hochzieht: Eine Uhr mit dem Bild Che Guevaras auf dem Zifferblatt. Der marxistische Revolutionär hat es ihr angetan. «Er war ein schöner Mann.» Seine Visionen von Klassenlosigkeit und weniger Besitz findet sie «interessant».

«Vielleicht bin ich zu ehrlich»

Che wollte das System umkrempeln, Mück zumindest daran rütteln. Ihre Lösungsvorschläge für aktuelle Probleme haben etwas Revolutionäres. Anstatt die Stadt immer weiter zu verdichten, schlägt sie etwa vor, unseren heutigen Platzbedarf zu diskutieren, gemeinschaftliches Wohnen zu fördern. «Es ist an der Zeit, dass wir beginnen, gross zu denken», sagt Mück bei einem Espresso. Zu ihren grossen Ideen gehört auch die Überwindung des Kapitalismus. Dazu steht sie, auch jetzt im Wahlkampf. «Vielleicht bin ich zu ehrlich.» Aber ihre Haltung zum Kapitalismus sei nicht von Belang, weil ihre Idee eher eine Vision als Alltagspolitik sei.

Vor dem Schokoladengeschäft Läderach überkommt Mück die Freude. «Ich liebe Pralinen.» Ihre Mutter betrieb das Café Gaiser bei der Heiliggeistkirche. Mück verbrachte viel Zeit in der Konditorei darüber. Dennoch sind ihr Berliner, Apfelstrudel und Co. nie verleidet. «In einem Süsswarenladen wäre ich gerne mal eine Nacht eingesperrt», sagt Mück und beisst in die Zitronen-Cheesecake-Praline, die ihr die Verkäuferin als Müsterchen gereicht hat.

Mück verlässt das Stücki schliesslich ohne Einkäufe – die im Läderach noch gekauften Pralinen hat sie bereits verputzt. In den Papeterieshop zieht es Mück nicht, obwohl sie «schöne Stifte und schönes Papier» mag. Dafür will sie sich zum Schluss ein Bild machen von den leerstehenden Läden im Stücki. Davon hat es einige, sie scheinen Mück in ihrer Ansicht zu bestätigen, dass das Shoppingcenter Kleinhüningen mehr schade denn nütze. Lieber sähe Mück Basler Kleingewerbe auf dem Stücki-Areal. Oder die freie Künstlerszene. So wie früher. Doch diese Zeit scheint weit entfernt, sie schlummert im Boden versunken wie die Überreste römischer Siedlungen. Darüber thront das Stücki. 32'000 Quadratmeter einkaufen bis zum Umfallen.

Mit Heidi Mück im Stücki: «Es ist bitter, im Nachhinein recht zu bekommen»

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