Asylwesen

Heim für junge Flüchtlinge ist besetzt - nun dürfen Familien sie aufnehmen

Im Wohnheim hats keinen Platz mehr, im Bild ein junger unbegleiteter Flüchtlinge am Basler Wettsteinplatz.

Im Wohnheim hats keinen Platz mehr, im Bild ein junger unbegleiteter Flüchtlinge am Basler Wettsteinplatz.

Seit längerer Zeit ist das Wohnheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende im Kanton Basel Stadt voll. Neu dürfen in Basel deshalb Gastfamilien auch unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge aufnehmen.

Vor drei Wochen ist in Basel die Kontaktstelle der GGG eröffnet worden, die Flüchtlinge an Gastfamilien vermittelt. Die Projektleiterin und Vermittlerin Gabi Mächler zieht auf Anfrage der bz eine erste – wie sie sagt – erfolgreiche Bilanz. Mittlerweile wurde die Kontaktstelle von der Realität aber eingeholt: Noch an der Medienkonferenz vom 1. Dezember hiess es klar und deutlich, dass die Gastgeber keine unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (kurz: UMA) aufnehmen dürfen.

Diese Vorgabe wird nun gelockert, denn das Basler Wohnheim für UMA sei besetzt. Und das schon «seit einiger Zeit», wie Jacqueline Lätsch, stellvertretende Amtsleiterin der Sozialhilfe Basel Stadt, auf Anfrage der bz sagt. «In Zusammenarbeit mit dem Kinder- und Jugenddienst werden deshalb laufend andere betreute Plätze gesucht». Damit meint sie Pflegefamilien, Heime, betreute Wohngemeinschaften oder eben Gastfamilien, die sich freiwillig melden.

Zivilschutzanlage oder WG-Zimmer

Mächler hat den Behörden bereits unter die Arme greifen und eine Familie vermitteln können, die sich für die Aufnahme von zwei minderjährigen Asylsuchenden eignet. Für die Jugendlichen ist so eine alters- und situationsgerechte Unterbringung gewährleistet. 50 UMA seien schätzungsweise gemäss Angaben des Kinder- und Jugenddienstes Basel-Stadt (KJD) in diesem Jahr aufgenommen worden – die 15 Plätze im Basler Wohnheim für minderjährige Flüchtlinge waren schnell besetzt. «In sehr kurzer Zeit wurden Basel sehr viel mehr vom Bund zugewiesen als zuvor», sagt KJD-Leiter Stefan Blülle.

In diesem Jahr nahmen die Schweizer Behörden mehr als doppelt so viele Asylgesuche von UMA entgegen (2378) als im vergangenen Jahr (794), wie das Staatssekretariat für Migration kommuniziert. Die Situation sei im Vergleich zu Deutschland überschaubar, aber dennoch müssten die Behörden die Anstrengung meistern, die UMA möglichst rasch und sicher unterzubringen, meint Blülle.

Darum möchten die Basler Behörden nun auch jugendliche Flüchtlinge an Gastfamilien weitervermitteln. Das Bewilligungsverfahren wird hierfür vereinfacht und beschleunigt. Der Vorteil in der Zusammenarbeit mit der Kontaktstelle der GGG ist, dass die Projektleiterin Gabi Mächler die Gastfamilien schon kennen gelernt hat und den Behörden ihre Empfehlungen abgeben kann. Die Bewilligungs- und Aufsichtsstelle des Erziehungsdepartements prüft ihre Eignung und erteilt den Gastfamilien die Bewilligung zur Aufnahme von UMA — auch nachträglich. Den Gastfamilien sollen keine unnötigen Hindernisse in den Weg gestellt werden.

Herausfordernde Verantwortung

«Wir würden uns sehr freuen, wenn sich mehr Gastfamilien melden würden», sagt Blülle und weist auch auf die Herausforderung hin, die eine solche Verantwortung bedeutet. «Die Jugendlichen können bei ihrer Ankunft in sehr unterschiedlicher Verfassung sein. Manche sind verhaltensauffällig, manche sehr angepasst und kooperativ. Einige Jugendliche brauchen — weil sie Traumatisierendes erlebt haben — professionelle Betreuung.» Es dürfe zudem nicht unterschätzt werden, wie zeitintensiv die Betreuung von jugendlichen Flüchtlingen sei und welche sprachlichen Hürden in gewissen Fällen bewältigt werden müssen.

Die Motivation, Flüchtlingen zu helfen und bei sich zu Hause aufzunehmen, sei noch nicht erlahmt, obwohl seit über einem Jahr die Flüchtlinge in den Medien täglich ein Thema sind. «Es ist schön zu sehen, dass mit so einem Projekt auch ein Gefäss für die hilfsbereite und aktive Seite der Bevölkerung existiert und nicht alles dem Staat überlassen wird», sagt Mächler. Von den vielen Anmeldungen, die sie erhalten habe, kommen nun nach drei Wochen 23 Gastfamilien, die hauptsächlich erwachsene Asylsuchende aufnehmen wollen, grundsätzlich infrage. Drei davon wollen es sich nochmals überlegen. Den restlichen Interessenten musste Mächler absagen, weil sie die Bedingungen nicht erfüllen, kein separates Zimmer anbieten können, nicht in Basel wohnen, neun Monate als Untermietdauer bedenklich lange finden oder Kinder haben, die von der Idee, dass ein fremder Mensch im eigenen Haus wohnt, nicht besonders angetan sind.

Verhinderung von Betrug

Mächler hat in den vergangenen drei Wochen alle 23 Familien besucht und ist auf unterschiedliche Wohnkonstellationen gestossen: Ob Einzelhaushalte, junge und ältere WGs, Familien mit bis zu drei Kindern oder Paare aus luxuriösen und einfachen Domizilen – zur Freude von Mächler wolle am Gastfamilienprojekt ein repräsentativer Ausschnitt der Basler Bevölkerung teilnehmen.

Bei den ersten Treffen mit den möglichen Gastfamilien befragt sie diese nach ihrer Motivation, damit Mächler gewährleisten kann, dass die Gastfamilie die Flüchtlinge nicht nur aufnehme, um die eigene Miete zu senken. Die Sozialhilfe zahlt je nach Konstellation für die Miete eines möblierten Zimmers monatlich bis zu 500 Franken. «Manche Gastgeber haben schon immer ein Zimmer vermietet und wollen dies auch weiterhin tun». Andere wollen ihren Teil beitragen und helfen.

Vergangene Woche hat Mächler der Sozialhilfe Basel Stadt eine Liste mit möglichen Gastfamilien überreicht. Nun liegt der Ball bei der Sozialhilfe. Diese muss nun Mächler Flüchtlinge weitermelden, die sich für Zimmer bei Gastfamilien interessieren. «Ich bin zuversichtlich, dass wir im Januar mit den ersten Umzügen rechnen können».

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