Basler Kommentar

Heimat zum Mitnehmen

Für viele geht der Patriotismus so weit, dass sie ihre Leibspeisen mit in die Ferien nehmen.

Für viele geht der Patriotismus so weit, dass sie ihre Leibspeisen mit in die Ferien nehmen.

Der Gaumen-Patriotismus von Schweizern im Ausland geht so weit, dass gewisse Eidgenossen ein halbes Dutzend St. Galler Bratwürste mit in die Ferien in die Toskana nehmen. Doch der Patriotismus geht weit darüber hinaus - bis hin zu den Jasskarten.

Meine Mutter pflegte die Sommerferien bis weit in den Oktober hinein zu verlängern, indem sie uns Kindern zum Frühstück den aus Spanien mitgebrachten Colacao und für die Erwachsenen den spanischen Kaffee zubereitete.

Diese entfernten Verwandten von Nesquick und Schweizer Kaffee reisten durch halb Europa im Kofferraum eines blauen Fiat 132 und teilten sich die Enge in den Koffern mit Morcillas (nicht zu verwechseln mit Blutwürsten) und Chorizos (die nicht bloss Paprikawürste sind). Irgendwie waren die letzten Tage des spanischen Kaffees gegen Mitte Oktober und der letzte Schluck Colacao wie ein zweites Ende der Sommerferien.

Lange Zeit hielt ich als Erwachsener solches Verhalten für antiquiert und dachte, man könne Basler Gipfeli durch Donuts ersetzen und Milch schmecke überall gleich. Doch diese Sommerferien warfen mich wieder 30 Jahre zurück im Gastro-Patriotismus.

Beim gemütlichen Grillieren in der Toskana erscheint doch wahrhaftig einer der Feriengäste mit einem halben Dutzend St. Galler Bratwürste am Grill. Diese in Därme gepresste Fleischmasse hatte er tatsächlich fast 1000 Kilometer, über zwei Alpenpässe und durch die Poebene, an der Hauptstadt des Parmaschinkens vorbei, bis nach Follonica geschleust. Dem danebenstehenden Helvetier entglitt ein Grinsen und er setzte seine Bierflasche an, auf der unverkennbar «Quöllfrisch» stand, was der Situation eine zusätzliche Komik verlieh.

Aufgeschreckt von unserem eigenen Gaumen-Patriotismus liessen wir den Blick über den Tisch am Thomy-Senf vorbeiwandern bis zum mitgebrachten Maggi-Gewürz. Das erinnerte mich an teils illegale Lebensmitteltransporte meiner Mutter (keine Angst Mami, es ist verjährt) und an die Geschenke, die ich bis heute den rückgewanderten Auswanderern aus Basel nach Spanien mitbringe.

Jedem Auslandschweizer und Auslandretour-Secondo geht das Herz auf, wenn er eine simple Schoggi-Tafel aus der Heimat oder eine Tube Senf als Mitbringsel erhält, und offenbar gibt es Leute, die diese Sehnsucht nicht einmal 14 Tage überstehen.

Am nächsten Tag musste ich dann mit einer Brise Meeresluft in der Nase feststellen, dass mir die Pizza des Türken in Basel, der eigentlich ein Kurde ist, besser schmeckt als jene auf der Piazza in Italien. Der Grillabend wäre aber nicht richtig eidgenössisch gewesen, wenn beim Verteilen der Jasskarten die Luzernerin nicht entsetzt festgestellt hätte, dass das gar keine richtigen Karten seien und irgendetwas über Schilte, Eichle, Rose und Schelle philosophiert hätte.

Auch da kamen mir Bilder von Spaniern in den Sinn, die beim Kartenspiel über regionale Regelunterschiede streiten konnten wie die Rohrspatzen. Bilder von heissblütigen Italienern, die den lauten Tschingge-Rufen beim Mora-Spiel ihren Spitznamen verdanken. Bilder von konzentrierten Türken, die grimmig in die Karten starren, während sie ihren heissen Tee schlürfen. So viel importierte und exportierte Heimat und Fremde kann einem an einem einzigen Grillabend unter fremden seinesgleichen in der gewohnten Ferne widerfahren.

Zurück in Basel, bei mediterranem Wetter, sehe ich nun gelassen der Feuerwerkseinkaufsorgie entgegen und wünsche Euch (wir sind ja wir, wir sind per Du) einen schönen 1. August! Lasst Euch die Heimat - nicht nur, aber auch - im Mund zergehen, egal ob süss, rezent oder hochprozentig!

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1