Nähkästchen

Heiner Vischer: «Ein Leben ohne Velo ist unvorstellbar»

Heiner Vischer hat das Nähkästchen in den Grossratssaal mitgenommen.

Heiner Vischer hat das Nähkästchen in den Grossratssaal mitgenommen.

Grossratspräsident Heiner Vischer (LDP) plaudert aus dem Nähkästchen. Er spricht mit der bz über Herzschmerz, Rededrang und Klimaaktivisten.

Herr Vischer, worüber unterhalten wir uns?

Heiner Vischer: Über Zeit.

In der heutigen digitalen Welt ist Zeit für viele ein knappes Gut.

Und deshalb ein wertvolles. Man muss sich bewusst Zeit nehmen. Heute Morgen habe ich eine Massage genossen. Da kann ich voll und ganz abschalten. Diese Zeit gönne ich mir, konsequent ein Mal die Woche.

Sie amteten in diesem Jahr und noch bis Februar 2020 als Grossratspräsident. Da bleibt nicht viel Zeit für solche Genüsse.

In der Tat ist meine Agenda ziemlich durchgetaktet. Aber ich sehe das positiv. In diesem Jahr habe ich viele Dinge erleben und lernen dürfen und Aufgaben erhalten, die einmalig in meinem Leben sind. Insofern nehme ich mir gerne Zeit dafür. Etwa für Vorbereitungen der Grossratssitzungen, vor allem aber auch für Veranstaltungen.

Bei solchen Anlässen standen und stehen Sie als höchster Basler im Mittelpunkt. Sie gelten aber eher als Einer, der sich gerne im Hintergrund aufhält. Wie war das, im Rampenlicht zu stehen?

Ungewohnt. Ich bin aber in diese Rolle reingewachsen, es macht mir grossen Spass. Und es ist jetzt auch nicht so, dass ich einen Anlass besuche und der Scheinwerfer auf mich gerichtet ist. Das war vielleicht früher der Fall, läuft heute aber eher unspektakulär ab. Das Parlament ist Teil der Gesellschaft, steht nicht über ihr. Entsprechend überschätze ich meine Rolle auch nicht.

In drei Tagen ist dieses Jahr Geschichte. War es ein gutes für Basel?

Sicher ein intensives, wenn man an die Klimademos und -diskussionen, aber auch an den Frauenstreik denkt. Da waren viele Emotionen im Spiel.

Und Sie als Grossratspräsident gefordert.

Hin und wieder schon. Als der Klimanotstand ausgerufen wurde und die Klimaaktivisten die Grossratssitzung besuchten, hatten wir ein klein wenig Angst, dass das zu Aktionen im Saal führt. Ich habe den Organisatoren die Regeln im Voraus beschrieben, es lief dann ganz friedlich ab. Ich war positiv erstaunt darüber, wie ruhig die Aktivisten sich verhalten haben.

Als Bürgerlicher sind Sie sehr grün unterwegs, fahren seit Jahren Elektrovelo und haben Solarpanels auf dem Dach. Wie kommt’s?

Als Biologe liegt mir dieser Planet besonders am Herzen. Das ist zwar bei jedem Menschen der Fall, aber als Biologe sieht man mehr Hintergründe und begreift Zusammenhänge. So reiste ich etwa Ende der 1980er-Jahre zu Forschungszwecken ins Amazonasgebiet. Schon damals hat der Wald gebrannt. Das hat mir im Herzen weh getan. Insofern befürworte ich, dass Anstrengungen unternommen werden, um das Klima zu schützen. Aber: Es müssen realistische Forderungen sein, damit möglichst viele Leute dahinter stehen können.

Besitzen Sie gar kein Auto?

Doch, sogar deren drei. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie böse meine Autos mit mir sind, weil ich sie so wenig bewege (lacht). Ich fahre pro Jahr weniger als 500 Kilometer, bin in erster Linie mit dem öV oder mit dem Velo unterwegs. Die Vorteile des Velofahrens überwiegen einfach. Abgesehen davon, dass es sehr ökologisch ist und man schnell vorwärts kommt in der Stadt, befreit es den Geist. Ein Leben ohne Velo ist für mich unvorstellbar geworden.

Verkehrsthemen beschäftigen Sie, auch als Politiker. Als Ratspräsident durften Sie in diesem Jahr keine Vorstösse einreichen, als Votant auftreten oder ähnlich aktiv sein. Brennt es Ihnen unter den Nägeln?

Selbstverständlich! Das ist eine der wenigen negativen Punkte des Amtes. Ich stehe als Grossrat gerne und viel am Rednerpult.

Sie hatten im 2019 im Grossen Rat mit einer Flut an Vorstössen zu kämpfen. Nun wird diskutiert, die Anzahl dieser zu beschränken...

Es liegen parlamentarische Vorstösse bei mir, die seit Juni darauf warten, behandelt zu werden. Es ist also wichtig und richtig, Möglichkeiten zu prüfen, um diese Flut zu unterbinden.

Ab Februar haben Sie auch privat wieder mehr Zeit übrig. Wie werden Sie diese ausfüllen?

Zum Beispiel mit Arbeit für meine Stiftung für trinationalen Umweltschutz. Zu den neusten Projekten gehört die grenzüberschreitende Biotoppflege.

Stimmt es, dass Sie den Wirtekurs besuchen wollen? Eröffnen Sie demnächst ein Restaurant?

(lacht) Nein, das nicht. Aber ich liebe es, gut zu essen. Ich verspreche mir interessante Erkenntnisse hinsichtlich Gesundheit und Energieschonung, aber auch, was es im Hintergrund alles braucht, um eine Restaurant zu betreiben.

Haben Sie fürs 2020 Vorsätze gefasst?

Nein, ich habe Grundsätze. Zum Beispiel, auf andere Menschen einzugehen und ihnen Gutes zu tun. Dann kommt auch Gutes zurück. Darauf besinne ich mich jeweils zum Jahresende.

Wie feiern Sie Silvester?

Ich liebe Champagner, und ich liebe es, mit Freunden zu feiern. Das werde ich in meinem Chalet in Zermatt tun. Auch mit einem Feuerwerk. Die Grünen sind dagegen, weil es viel Feinstaub erzeugt. Aber man sollte sich hin und wieder etwas Schönes gönnen.

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