Es gibt ein Foto vom «Zipfelmützenrennen» 1947 im Wallis, auf dem man Heini Walter (1927-2009) im Rennwagen sitzend um eine Kurve brausen sieht. Auf dem Kopf hat der Aescher Autorennfahrer gerade mal eine Wollmütze, um den Hals einen wärmenden Schal. Am äusseren Kurvenrand stehen Zuschauer, nicht mal mit Strohballen geschützt. Auf dem bröckligen Asphalt ist ein Stückchen Felsen.

Auf anderen Fotos sieht man Walter in Rennen, die mitten durch Städte führen, umgeben von Zuschauermassen, ohne Leitplanken. Und wenn man weiss, dass die Fahrer ihre Fahrzeuge für die Rennen meist selber herrichteten, erscheinen die dünnen Reifen noch wackliger.

Mensch hinter der Technik

Autorennsport, das war in der Nachkriegszeit eben noch Freiheit, Abenteuer und Risiko. Sicherheit hingegen war kaum ein Thema. Manch ein Aescher erinnert sich heute noch, dass Walter oft auf die Challhöhe raste, um Getriebeübersetzungen zu testen. «Das störte niemanden, die Leute hatten Freude an ihm, und die Polizei wusste ja, wer er war», sagt Remo Bader.

Er kannte Walter noch persönlich, verwaltet seinen Nachlass und hat jetzt daraus für das Heimatmuseum Aesch eine Sonderausstellung gestaltet, die einerseits die Figur Walter in den Mittelpunkt stellt, andererseits einen Einblick in eine vergangen Epoche des Rennsports ermöglicht.

Bader hat über Walters Karriere Statistiken erstellt und jeden Schnipsel gesammelt. Von den Autos, die Walter fuhr, hat er Modelle gefunden oder anfertigen lassen. Nur etwa die Hälfte des Materials, das Bader in einem eigens gemieteten Raum aufbewahrt, zeigt er im Museum.

Am historischen Rennsport interessiert Bader weniger das Technische als viel mehr die Menschen dahinter, und das merkt man der Ausstellung an. Er zeigt viele Fotos von Walter auf und neben der Piste, aber auch Auszeichnungen und Pokale, Plakate und Verkaufsverträge, Broschüren und handgeschriebene Notizen.

Walter war in der Region kein Einzelgänger. Es gab einen «Ecurie Basilisk» genannten Rennstall, eine wichtige Rolle in der Autorennszene spielte der spätere Autobauer Peter Monteverdi (1934-1998).

In einem Glaskasten ist Walters Rennfahrerkluft ausgestellt, die natürlich nicht feuerfest war – in einer Zeit, als Rennfahrer oft in ihren Autos verbrannten. «Walter war sich der Gefahr bewusst», sagt Bader. «Aber sein Drang, noch schneller zu sein als die anderen, war grösser.»
Drei Mal entkam Walter in schlimmen Unfällen dem damals verbreiteten Rennfahrertod. Die Fotos zeigen völlig zusammengelegte Wracks. «Knautschzone» war offensichtlich ein Fremdwort.

Er blieb immer Amateur

Und dann sieht man den Aescher in unterschiedlichen Rennen, in den Bergen, auf Flughäfen, in Städten und auf Rennpisten, in der Region und in ganz Europa. Er wechselte mehrfach das Auto, von Bugatti über Ferrari bis zu Porsche. Erzählt wird im Aescher Museum auch die Geschichte von einem seiner Ferraris, der einen Dachschaden erlitt. Kurzerhand wurde er zum dachlosen Spyder umgebaut.

Fast 200 Rennen fuhr Walter zwischen 1947 und 1967, viele mit sonderbar klingenden Namen wie Grosser Bergpreis der Schweiz, Deutsche Tourenwagenmeisterschaft und Tour de France automobile. Höhepunkt seiner Karriere war der zweimalige Gewinn der Berg-Europameisterschaft 1960 und 1961, einer damals sehr beliebten Disziplin.

Reich wurde Walter trotzdem nicht – was der Grund ist, warum im Heimatmuseum keines seiner Autos in echt zu sehen ist. «Er musste jeweils sein altes verkaufen, um sich das nächste leisten zu können», erklärt Bader. Ein ausgestellter Kaufvertrag zeigt: 100 000 Franken musste Walter 1964 für einen Ferrari berappen. Dafür hätte er ein ganzes Haus kaufen können. Um seine Autos kümmerte er sich selber, zusammen mit seinem langjährigen Mechaniker Fritz Meier.

Dies geschah alles in der Freizeit, denn Walter blieb immer Amateur. Er hatte die elterliche Auto-, Motorrad- und Velowerkstätte übernommen, war gleichzeitig Taxiunternehmer, leitete eine Autofahrschule und ein Bestattungsunternehmen und war später auch noch Wirt im Aescher «Hofgarten».

Vor den Wettbewerbswochenenden hängte er einen Anhänger mit dem Rennwagen drauf an sein Auto, fuhr damit an die Rennen in ganz Europa, dies in einer Zeit, als es kaum Autobahnen gab. Und am Montag sass er wieder im daheim im Geschäft.
Inzwischen ist Walter etwas in Vergessenheit geraten - aber nicht ganz.

Anlässlich der Aescher Ausstellung haben sich Motorsporthistoriker aus der ganzen Welt bei Bader gemeldet. Denn in seiner aktiven Zeit erlangte er einen gewissen Ruhm. Die Zeitungsausschnitte aus aller Welt, die Bader gesammelt hat, zeugen davon. Zudem hatte Motorsport damals eine andere Bedeutung als heute.

Stippvisite in der Formel 1

Doch im Gegensatz zu Jo Siffert und Clay Regazzoni nach ihm schaffte er nie den ganz grossen Durchbruch. Im Grand Prix von Deutschland auf dem Nürburgring 1962 erreichte er den 14. Platz. Es blieb seine einziger Teilnahme in der Formel 1. 1962 hätte er Werksfahrer bei Abarth werden können, doch er blieb lieber seiner Marke Porsche treu.

Und in den 60ern stand er Mal auf einer Startliste für die 24 Stunden von Le Mans – doch seine Mutter fand es für ihn zu gefährlich, in der Nacht zu fahren, und er verzichtete. «Walter hätte in seiner Karriere sicher mehr erreichen können», sagt Bader. «Er war wohl zu zurückhaltend.»