Sie hat Geschichte geschrieben. Helene «Helli» Stehle ist Radiopionierin – und zwar nicht nur, weil sie eine Frau ist. Im Jahr 1939 nämlich wurde die gebürtige Baslerin beim schweizerischen Landessender Beromünster als erste Radiosprecherin engagiert – heute Schweizer Radio SRF. Später stieg sie bei Radio Basel zur Chefsprecherin auf und bildete mehrere Generationen von Sprechern aus. Morgen feiert sie Geburtstag und ist mit ihren 108 Jahren die älteste Basler Bürgerin. Seit 2010 wohnt sie im Pflegeheim Adullam, erfreut sich guter Gesundheit, sah sich aber nicht mehr imstande, ein Interview zu geben.

Einer von denen, die von Helene Stehles Rhetorik profitiert haben, ist der Basler Schauspieler und ehemalige Tagesschau-Moderator Peter Richner. Der 73-Jährige kann sich bestens an das Jahr 1966 erinnern, als sie ihn beim Radio unter ihre Fittiche nahm. «Ich wollte eigentlich wegen der Schauspielerei zum Radio. Helene Stehle hat mich engagiert, weil sie fand, ich habe eine schöne Sprechstimme. Und ich brauchte das Geld, weil es als Schauspieler für mich noch nicht so gut lief.»

Dominant, streng, nie missmutig

Aber sie war streng, erzählt Richner weiter. Jedes Mal wenn er hinter dem Mikrofon gestanden habe und berichtete, hörte sie ihm im Nebenraum genau zu. «Sie hat dezidiert aufgepasst. Sie kam nach meinem Beitrag immer zu mir und erklärte mir, was ich so nicht sagen könne. Und dass ich die Manuskripte weglegen solle.» Zwar wurde Stehle ein Jahr nach Richners Anstellung pensioniert, hat aber auf Anfrage des Radios weitergearbeitet. In der Zeitschrift «Beobachter» sagte die Radiofrau im Jahr 2008 zu ihrem 100. Geburtstag, sie habe wie ein Geier darüber gewacht, ob ihre Kollegen alle Ausdrücke vor dem Mikrofon korrekt aussprachen. Sie habe immer wieder festgestellt, dass die Dialekte verflachen.

Bevor Helene Stehle beim Radio landete, besuchte sie nach dem Gymnasium die Schauspielerschule am damaligen Konservatorium. Danach stand sie drei Jahre lang mit Charakterrollen auf der Bühne des Stadttheaters Basel. Bereits während dieser Zeit arbeitete sie hin und wieder für das Radiostudio als Regisseurin eines Hörspiels.

Immer noch humorvoll

Über die Schauspielerei lernte Stehle die Grossmutter und Mutter von Karin Rampp kennen, von der sie die Patenschaft übernahm. Die heute 78-jährige Rampp kümmert sich zusammen mit Peter Richner regelmässig um die Jubilarin. Ein Mal pro Woche gehen sie zu dritt Mittagessen. «Sie ist sehr aufmerksam, nimmt ihre Umwelt genau wahr und beobachtet jede Szene», führt Richner aus. «Und sie ist nie um eine Pointe verlegen», doppelt Rampp nach.

Im Beobachter stellte die Radiofrau im Jahr 2008 zu ihrem 100. Geburtstag fest, jetzt sei sie schon viel länger pensioniert, als sie berufstätig war. Langweilig wurde es ihr auf jeden Fall nie, denn bis Ende 90 lernte sie intensiv russisch und reiste gerne, unter anderen nach Russland und Japan. Zudem ist ihr die Pflege der Sprache und des Dialektes immer noch ein Anliegen. «Wenn ich den ersten Satz eines Gedichtes zitiere, kann sie den Text sofort zu Ende sprechen», sagt Peter Richner. Er fasst die Beziehung zu «Helli» Stehle kurz zusammen: «Sie war eine gute Chefin, eine tolle Kollegin und ist heute eine grossartige Freundin.»