Urgestein
Helmut Hubacher: «Sesselkleber? Hier sitzt einer!»

Der ehemalige Nationalrat und SP-Präsident Helmut Hubacher teilt in seinem neuen Buch politische und persönliche Erinnerungen. Im Interview mit der bz nimmt er sowohl Eva Herzog als auch Christoph Blocher in Schutz.

Martina Rutschmann
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Der SP-Doyen ist sicher: Eva Herzog folgt im Ständerat auf Anita Fetz.Kenneth Nars

Der SP-Doyen ist sicher: Eva Herzog folgt im Ständerat auf Anita Fetz.Kenneth Nars

Kenneth Nars

Alt SP-Präsident und Nationalrat Helmut Hubacher (90) legt sein bisher persönlichstes Buch vor. Grund genug für ein Gespräch über Politik – und Frauen.

Herr Hubacher, reden wir über Vergangenes oder über die Gegenwart?

Helmut Hubacher: Über beides.

Dann beginnen wir mit der Zukunft: Wer wird im zweiten Wahlgang in die Regierung gewählt?

Ich denke, die Bisherigen schaffen es. SP-Kandidat Hans-Peter Wessels hat zwar eine Ohrfeige erhalten, abwählen wollen ihn die Basler aber nicht. Und auch Baschi Dürr als einziger Freisinniger wird kaum abgewählt – obwohl die Freisinnigen im Grossen Rat nicht mehr stark und mit keiner einzigen Frau vertreten sind. Die FDP verdrängt die Frauenprobleme. Seit 30 Jahren verlangt die Verfassung Lohngleichheit, die Realität sieht aber ganz anders aus.

Auch das bürgerliche Viererticket besteht nur aus Männern.

Das geht gar nicht! Man kann keinen Machtwechsel beanspruchen mit Männern, die in Badehosen auftreten, aber keine Frau in ihrem Bündnis haben. Das ist nicht mehr konkurrenzfähig.

Hat das Bündnis deshalb verloren? Oder weil die SVP Teil davon ist?

Das Ticket ist sicher keine Liebesbeziehung, der SVP-Kandidat hat aber doppelt so viele Stimmen geholt wie 2012.

Klare Gewinnerin ist mit Eva Herzog eine linke Frau. Ausgerechnet sie wird jetzt von SP-Präsident Christian Levrat kritisiert, weil sie für die Unternehmenssteuerreform kämpft. Schlechter Stil?

Eva Herzog nimmt die kantonalen Interessen wahr. Ausserdem wird sie zu 99,9 Prozent Nachfolgerin von Ständerätin Anita Fetz. Sie macht gute Arbeit.

Sie hätten sie also nicht kritisiert?

Nein. Man kann von einer städtischen Finanzdirektorin nicht erwarten, dass sie gegen den Kanton politisiert.

Warum sind Sie so sicher, dass Eva Herzog Ständerätin wird?

Das ist ein offenes Geheimnis. Wer etwas von Politik versteht, weiss das.

Was ist mit der erfolgreichen LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein, die sich jetzt ins Spiel bringt?

Seit 1935 hat in Basel-Stadt mit einer Ausnahme die SP den Ständeratssitz. Natürlich kann Frau von Falkenstein auch kandidieren, aber mit Eva Herzog haben wir eine sehr starke Kandidatin.

Die Jungen bleiben auf der Strecke.

Hören Sie mir auf mit Jungen! Eva Herzog ist qualifiziert und zudem nicht alt.

In der SP sitzen viele Sesselkleber.

Einer davon sitzt vor Ihnen! Man kann schon nach vier Jahren ein Sesselkleber sein, das sind die, die nichts bringen.

Sie sind seit bald 20 Jahren nicht mehr politisch aktiv und dennoch nach wie vor ein sehr gefragter Mann. In Ihrem neuen Buch schreiben sie erstmals sehr persönlich, etwa, dass sie schüchtern waren ...

... das war eine andere Zeit. Ich war mit 18 Jahren erstmals im Kino. In dem Film wollte sich eine Frau an einem Gewässer entkleiden, als der Zug kam. Ich hab mir den Film drei Mal angeschaut, weil ich hoffte, der Zug käme später. Damals war das Konkubinat verboten, und es wäre unmöglich gewesen, sich auf der Strasse zu küssen. Sowieso sprach man nicht über Sex. Mein Vater wollte mich mit 17 aufklären, indem er mir ein Buch über Bienen schenkte.

Ihr neues Buch ist trotz solcher Anekdoten politisch. Erneut kommt Christoph Blocher vor. Sie sind abgestossen und angezogen zugleich.

Blocher ist eine Realität und ein starker Politiker mit grossem Einfluss. Seit Jahrzehnten wiederholt er seine Botschaft, jeder weiss, was er denkt. Ich finde nicht, dass man automatisch alles, was er sagt, ablehnen muss. Aktuell ist er nicht einverstanden mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Wenn sich daran nichts ändert, wird die SVP die Personenfreizügigkeit abschaffen wollen. Und ich bin mir nicht sicher, ob sie da verlieren würde.

Die Einwanderungsinitiative sollte nach SVP-Gusto gestaltet werden?

Ich denke bloss, dass man es sich vielleicht ein wenig einfach macht und nicht alles versucht, um mit der SVP eine Lösung zu finden. Klar, Kompromissbereitschaft ist nicht deren Stärke, aber wenn die Personenfreizügigkeit abgeschafft wird, haben wir genau die Situation, welche die Wirtschaft auf keinen Fall wollte. Ich hingegen frage mich, ob man die Personenfreizügigkeit unbegrenzt akzeptieren kann. Doch wenn man das laut sagt, wird man als Blocher-Freund gebrandmarkt.

Warum haben Sie das noch nie in Ihrer «BaZ»-Kolumne thematisiert?

Manchmal kommen die Ideen im Gespräch. Ausserdem beschäftigt mich Blocher nicht Tag und Nacht. Doch bei solchen Themen wäre ich gern noch dabei in der Politik. Mit dem zentralen Problem Zuwanderung wird oft zu wirtschaftsfreundlich umgegangen.

Ihre Partei, die SP, überlässt das Thema weitgehend der SVP. Geben Sie Ihren Genossen doch einen Rat.

Nein, das tue ich nicht. Das mag man nicht. Ich gebe Ratschläge auf Fragen.

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