Theater

Herr Levy, was ist eine Komödie, die keinen Spass versteht?

Dani Levys Karriere begann am Jugendtheater in Basel, heute ist er ein international beachteter Filmregisseur.T+T Fotografie

Dani Levys Karriere begann am Jugendtheater in Basel, heute ist er ein international beachteter Filmregisseur.T+T Fotografie

Der Basler Filmregisseur Dani Levy inszeniert am Schauspielhaus Zürich eine Aussteiger-Komödie mit einem Untertitel, der zuerst einmal Fragen aufwirft. Was ist eine Komödie, die keinen Spass versteht?

Herr Levy, Sie inszenieren eine «fundamentalistische Komödie», so heisst es im Untertitel. Was ist das? Eine Komödie, die keinen Spass versteht?

Dani Levy: In einem Freak-Moment kam mir diese Bezeichnung in den Sinn. Mein Impuls dafür war, dass es sich um eine Komödie handelt, bei der es um fundamentale Dinge geht: um das Fundament einer Gesellschaft, darum, wie sie leben soll. Der andere Grund ist, dass es zu einer Konfrontation zwischen zwei fundamentalen Positionen kommt: Auf der einen steht der Aussteiger Balz Häfeli, der zum überzeugten Störfall wird. Auf der anderen eine Gesellschaft, die ihren sozialen Frieden verteidigt, wenn nötig mit Gewalt. Ich zeichne eine Gemeinde namens Wohlstadt, die rigoros auf ihre Lebensformen pocht.

«Fundamentalistische Komödie» ist ein interessanter Begriff in einer Zeit, in der Fundamentalisten uns das Lachen über bestimmte Dinge mit Gewalt austreiben wollen.

Klar, Fundamentalismus bringt man in der heutigen Zeit mit dem Islamismus in Verbindung, mit extremistischen Attentätern. Das Wort nun im Zusammenhang mit dem bürgerlichen Schweizer Mittelstand zu verwenden ist natürlich eine Ironie. Es geht um eine andere Art von Grundsatzverteidigung. Und die Schweizer Bevölkerung in der von mir beschriebenen Gemeinde reagiert ziemlich humorlos auf das, was dieser Rebell anstellt. Aber dieser Balz Häfeli macht es den Leuten auch nicht leicht. Er versucht, in jede Wunde reinzustechen. Er baut ein kleines Minarett an seinen Geräteschuppen an ...

Das also doch!

Ja. Er zieht sich eine Burka an. Und er sagt: Das sind meine Grundrechte, ich darf doch in meinem Garten tun, was ich will, ich darf auch nackt, nur mit der Schweizer Fahne bekleidet, hier herumtanzen. Aber es gibt eben schon eine Art Verpflichtung zur Normalität, zum Anständigen. Nicht nur in der Schweiz, in jeder mittelständischen Gesellschaft.

Und diese gutbürgerlichen Fundamente stellen Sie in diesem Stück infrage?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin keiner, der eine Message hat. Ich will die Schweiz auch nicht kritisieren. Ich zeige eine Geschichte, in der eine beschauliche Schweizer Gemeinde ihre Werte relativ aggressiv zu verteidigen versucht. Und ich erzähle die Geschichte eines Menschen in einer privaten Notsituation. Ein Familienvater, der nach einem Zusammenbruch in seinem Geräteschuppen ein neues Leben beginnt, das ihn seltsamerweise glücklich macht – ich wollte keine Opfergeschichte erzählen. Er beginnt seine persönliche Freiheit auszuleben. Dafür muss er nicht nach Australien in die Wüste, das tut er in seinem Garten. Er beginnt Gitarre zu spielen, legt falsche Höflichkeiten ab, redet mit seiner Familie plötzlich Klartext, will sich und seine Nächsten nicht mehr belügen. Und auf all das reagiert seine Umgebung mit Angst.

Entspricht das Ihren eigenen Ausbruchsfantasien?

Nein, mein Ausbruch sähe anders aus. Aber ich leide auch nicht so wie der Balz. Er hat diese Art von erfülltem Leben nicht: tun zu können, was er will, und darin relativ erfolgreich zu sein. Er ist stehengeblieben, ist dick geworden, hat sich auf dem Kopf herumtrampeln lassen. Er ist eine lächerliche Figur, ein klassischer Loser. Sein Ausbruch ist grundsätzlich, so etwas kenne ich nicht. Symbolisch gesehen war ich in meinem Leben schon von Anfang an im Geräteschuppen, ich glaube, ich bin dort quasi schon geboren.

Sie haben dem Schauspielhaus Zürich zugesagt, weil Sie eine Carte Blanche bekommen haben. Ist das ein Thema, das Ihnen ähnlich wichtig ist wie etwa Ihre Filmparodie auf Hitler?

Ich versuche, die relativ wenigen Arbeiten, die ich mache, aus mir herauszuschöpfen. Damit ich auch fünf Jahre später weiss, warum ich so viel Lebenszeit daran gegeben haben. Das ist ein Weg, um nicht zu Balz Häfeli werden. Ich bin ein Autor-Regisseur geblieben, trotz allen Zweifeln, Krisen und qualvollen Geburten, die das mit sich bringt. Aber es sind dann immer meine Kinder.

Möchten Sie mit dem jüngsten Kind «Schweizer Schönheit» provozieren?

Fürs Provozieren bin ich zu alt, das finde ich pubertär. Ich beobachte. Ich wollte etwas über die Schweiz machen, da, wo sie am Schweizerischsten ist. Aber eigentlich pflegt jede mittelständische Vorortgemeinde auf der ganzen Welt einen ziemlich starren Gesellschaftsbegriff und Verhaltenskodex: Hecken schneiden, Rasen mähen; nicht zu laut, nicht zu auffällig. Ich wohne zwar in Berlin, aber in einem Kleinfamilienbezirk. Schon da ist das so: Alle schauen alle an. Die ganze gegenseitige Begutachtung – wer ist wie, passt das noch in unsere Gesellschaft – findet da schon statt. Die Toleranz ist relativ schnell aufgebraucht, wenn jemand den eigenen Frieden stört. Das ist ein Thema, das mich persönlich bewegt. An sich ist es nichts Neues.

Wo ist ihr neuer, eigener Ansatz?

Es ist auf dieser Bühne ungewöhnlich, dass wir ein so realistisches Stück spielen. Meistens ist Theater heute sehr künstlich, sehr abstrahiert. Ich wollte ein Stück machen, das zupackend ist, mit einem aggressiven Hyperrealismus. Das ist neu.

Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Sie vom Film herkommen? Sie haben zwar am Theater in Basel begonnen, drehen aber seit vielen Jahren fast ausschliesslich Filme. Zurück am Theater, was machen Sie nun nach all diesen Filmerfahrungen anders?

Ich war früher am Theater nur Schauspieler und habe nicht selbst inszeniert. Ich bin in Basel am Jugendtheater gross geworden, wo wir sehr realistische Stücke inszenierten. In «Kasch mi gärn ha!» zum Beispiel ging es um Aufklärung und Sexualität. Insofern setze ich eine Tradition fort, die ich vor gut 40 Jahren als junger Schauspieler mitbekommen haben. Auch, weil ich davon ausgehe, dass private, gesellschaftliche Zustände sehr politisch sind. Ich würde im weitesten Sinn sagen, dass ich politisches Theater mache, das komödiantisch ist. Was ich filmisch und was ich theatralisch mache kommt aus derselben Befindlichkeit. Ich bin am Theater nicht plötzlich ein ganz anderer Dani Levy als auf dem Filmset.

Der Unterschied zwischen Theater und Film ist für Sie nicht so gross?

Nein, wahrscheinlich müsste er grösser sein. Das ist meine erste Arbeit auf der Bühne. Ich bin noch nicht richtig in der Lage, eine Theaterfantasie zu entwickeln.

Sie hatten am Anfang etwas Angst vor der Theaterbühne.

Ja, ich finde sie immer noch sehr beängstigend. So ein Theaterabend ist so zerbrechlich. Es muss so viel klappen. Beim Film arbeite ich so lange am Schnitt, bis es stimmt. Und am Ende zeige ich genau den Film, den ich machen wollte. Ob der Abend, der am Freitag gezeigt wird, mit dem zu tun hat, was ich wollte, weiss ich noch nicht. Das hängt an so vielen Kabeln, die keinen Wackelkontakt haben dürfen, an so vielen Schauspielern, die ihren Text nicht vergessen dürfen.

Gehen Sie nachher zurück zum Film?

Mein Respekt vor dem Theater ist wirklich gewachsen. Ich finde es erheblich anstrengender als Filmemachen.

Sie bringen gern das Lachen und das Weinen zusammen. Das ist die höchste Kunst.

Ob der Zuschauer das Stück eher lustig oder traurig findet, ist mir egal, Hauptsache, er empfindet irgendeine Art von Gefühl. So viel Theater zielt nur auf den Kopf, ist ein rein intellektueller Prozess. Das wichtigste ist mir, die Zuschauer überhaupt empathisch zu erreichen.

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