Musikkritiker

Herr Schibli, schreiben Sie ruhig weiter!

Musikkritiker und Barpianist: Sigfried Schibli (1997).

Musikkritiker und Barpianist: Sigfried Schibli (1997).

Der Basler Musikkritiker Sigfried Schibli hat einen kleinen Band mit seinen Erinnerungen veröffentlicht.

So hatte ich ihn mir immer vorgestellt: in einem Büro sitzend, das überquillt vor Büchern, eine Pfeife rauchend. So hätte ich ihn mir nie vorstellen können: in einer Bar, am Klavier sitzend und U-Musik spielend. Als ich 1994 bei Sigfried Schibli in der BaZ-Redaktion an der Hochbergerstrasse vorsprach, wollte ich Musikkritiker werden und hatte gehörigen Respekt. Das Feuilleton dieser Zeitung war intellektuell wie schreiberisch erstklassig besetzt und wurde im ganzen deutschen Sprachraum beachtet: Reinhardt Stumm, Hans-Joachim Müller, Christine Richard hiessen die Redaktorin und die Redaktoren.

Und: Sigfried Schibli. Dieser Grosskritiker, tatsächlich in einem engen Büro voller Bücher sitzend und Pfeife rauchend, nahm mich unter seine Fittiche, wurde mein Mentor und später ein Freund. Seit einigen Jahren ist er pensioniert. Mit dem Schreiben aufhören kann ein «anti-intellektueller Intellektueller» (sehr zutreffendes Zitat eines BaZ-Leserbriefschreibers) wie er natürlich nicht. Schibli hat jüngst einen Band mit seinen Memoiren veröffentlicht. «Fragen Sie ruhig weiter!» lautet dessen Titel und bezieht sich auf eine Aufforderung des berühmten Philosophen Hans-Georg Gadamer, mit dem Schibli 1995 ein Interview führte.

Wer Sigi, wie ihn seine Freunde nennen, gut kennt, dem kommt die eine oder andere Passage bekannt vor. Er ist ein begnadeter Erzähler von Anekdoten, die er, je nach Inhalt und Stimmung, mit feiner Ironie oder einer Portion Sarkasmus würzt. «Es entspricht meiner Grundhaltung, die dem Leben mit ironischer Distanz begegnet», schreibt Schibli im Vorwort. Wer sich auf seine ausgewählten, sprachlich wie gewohnt sehr präzisen Erinnerungen ­einlassen mag, erfährt viel über seinen beruflichen Werdegang, der in Basel bei diversen Blättern begann, ihn über die Intellektuellenhochburg Frankfurt und wieder zurückführte.

Wo sind die Crèmeschnitten geblieben?

Sein Buch ist reich an prominenten Figuren: Marcel Reich-­Ranicki, Matthias Döpfner, Paul Sacher, Reinardt Stumm. 1988 wurde Schibli Musikredaktor bei der BaZ. Mit gemischten Gefühlen landete er wieder in ­Basel. «Die Selbstzufriedenheit meiner Heimatstadt wurde mir wieder richtig bewusst.» Und: «Wenn man einmal hier ist, kommt man nicht mehr weg, dachte ich, und so war es dann auch.»

Heute schreibt Sigi immer noch. Für Publikationen der E-Musik, aber auch für den «Quartierkurier» aus der Breite. Hin und wieder ist er in einer Basler Bar am Klavier zu finden. Somit endet die Lektüre seiner Memoiren für den Freund und Leser mit einem guten Gedanken: Es wird noch viele Anekdoten zu erzählen geben. Sigi ist auf wunderbare Weise noch immer «durchtränkt von der Adorno’schen Rancune gegen alles Affirmative». Diese Haltung ist in unserer optimierungswütigen Gegenwart herrlich erfrischend. Selbstverständlich hat er recht in der niederschmetternden Beurteilung unseres Berufsstands: Heute in der Zeitung, morgen im Papierkorb. Und doch bleibt gerade von Schiblis Beiträgen mehr hängen, als er sich vielleicht eingestehen mag. Unvergesslich seine Kolumne darüber, dass es in dieser Stadt nirgendwo mehr richtige Crèmeschnitten zu kaufen gibt. Das Thema ist aktueller denn je.

Sigfried Schibli: «Fragen Sie ruhig weiter! Von der Orgel zum Journalismus - Selektive Memoiren aus meinen Berufsjahren». Verlag Das Archiv.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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