Kennen Sie Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer?

Jacques Herzog: Ja, klar.

In den Geschichten von Michael Ende kommt ein Scheinriese vor, Herr Turtur. Er wird grösser, je weiter man sich von ihm entfernt. So geht es einem in Basel mit dem Roche-Turm: Aus der Ferne wirkt er riesig, wenn man ihm näher kommt, wird er immer kleiner.

Pierre de Meuron: Ich kann diesem Eindruck folgen. Der Turm bringt einen anderen Massstab in die Stadt und von weitem ist die Differenz zur Stadt viel sichtbarer, als wenn man direkt davor steht. Direkt davor wirkt der Turm viel niedriger als von weitem.

Herzog: Ein Grund für den Effekt ist die sich verjüngende Silhouette: Der Teil des Turms, der über die Stadt hinausragt, ist filigraner. Wenn der Turm von oben bis unten gerade wäre, dann wäre er monumentaler und würde den Menschen klein machen. Das wollten wir vermeiden.

Auf englisch würde man sagen: «You shaped the city.» Sie haben die Kontur der Stadt verändert.

Herzog: Sowohl der Roche-Turm als auch die Messe sind Gebäude, welche tatsächlich eine andere Dimension einführen in die Stadt. Es gibt auch andere Orte, an denen sich die Stadt in die Vertikale entwickeln wird, etwa am Bahnhof, auf dem Dreispitz, vielleicht am Hafen. Die Stadt Basel wächst und braucht neuen Wohnraum, neuen Büroraum und neuen Lebensraum, wenn sie eine lebendige Stadt sein will, die auch im 21. Jahrhundert attraktiv ist.
Interessant ist dabei, dass der Turm nicht einfach sich selbst ist, sondern die Stimmung in der Umgebung reflektiert.

De Meuron: Wir haben das im Vorfeld intensiv untersucht: Wie wirkt der Turm von verschiedenen Seiten, von verschiedenen Standpunkten der Stadt und wie wirkt er während der verschiedenen Jahres- und Tageszeiten? Unterschiedliche Lichtverhältnisse geben dem Turm unterschiedliche Erscheinungsformen. Dies zu verstehen, zu antizipieren, bevor der Turm gebaut ist, war eine grosse Herausforderung.

Basel hat nicht nur positiv auf den Turm reagiert. Viele Basler scheinen Mühe zu haben mit der Selbstbewusstheit, die im Turm steckt.

Herzog: Es hat damit zu tun, dass es neue Dimensionen sind und es ist verständlich, dass die Leute am Anfang Mühe haben. Ich stelle aber persönlich fest, dass die Leute den Argwohn und die Ablehnung ablegen, wenn die Gebäude eine Weile da sind und die Effekte spielen, die wir uns vorgestellt haben. Bei der Messe ist es ganz klar so, beim Roche Bau 1 hat das auch schon eingesetzt. Der Turm verändert sein Erscheinungsbild mit der Beleuchtung. Er ist manchmal ganz weiss, manchmal hat er Streifen, manchmal glüht er im Licht und diese Veränderungen tragen dazu bei, dass die Leute zum Gebäude eine positive Haltung einnehmen können.

De Meuron: Wir sind uns bewusst, dass der Messeneubau und der Roche Bau 1 Bauten sind, die eine neue Dimension in die Stadt bringen. Wir sind uns auch der Verantwortung bewusst, die damit verbunden ist. Doch die Stadt um die Gebäude herum bleibt nicht stehen. Rund um die Messe entstehen weitere Gebäude wie der Claraturm. Der Bau 1 wird einen Nachbarn erhalten, der den jetzigen Turm überragend wird. Beide Gebäude werden dann als Ensemble miteinander in Beziehung treten. Das heisst: Roche Bau 1 wird nicht mehr als Solitär im Stadtbild wahrgenommen. Es wird eine Verdichtung mit mehreren höheren Gebäuden im Ort stattfinden.

Bleibt der Stadt nur noch die Vertikale?

Herzog: Basel hat nur ein sehr begrenztes Territorium. Basel wird damit zum Modell für die ganze Schweizerische Urbanisierung, welche Verdichtung anstrebt und auch anstreben soll. Es wäre verhängnisvoll, wenn wir die Landschaft weiter mit Einfamilienhäusern belegen und damit zerstören würden, was wir alle lieben. Es gilt aber, die Verdichtung klug anzugehen und neue Wohn- und Arbeitsformen zu finden, welche diese vertikalen Gebäude wirklich attraktiv machen für den Nutzer. Früher waren Hochhäuser verpönt. Sie hatten etwas Hermetisches und waren auch im Innenleben nicht so attraktiv wie niedrige Gebäude.

Basel kann der Schweiz zeigen, dass man gut in die Höhe bauen kann. Der Bau 1 bietet innen neue räumliche Qualitäten, weil er auch intime Zonen hat, weil er auch Orte hat, die wie grosse Wohnräume funktionieren, wo die Leute sich treffen, wo mehrgeschossige und eingeschossige Räume zusammenkommen. Es ist wichtig, dass die Schweizer realisieren, dass ein Wohn- oder Büroturm heute ganz andere Qualitäten haben kann als die Gebäude der frühen Moderne, welche einfach aufgestellte Schuhschachteln waren. 

Sie haben Schlüsselwerke gebaut für Paris, Hamburg, oder Peking. Tickt Basel im Umgang mit sich selbst anders?

De Meuron: Jede Stadt hat ihre eigenen Stärken, Schwächen und Entwicklungsprobleme. In Basel hat Architektur einen hohen Stellenwert. Firmen wie Roche, Novartis, Vitra oder Ricola setzen auf gute Architektur, weil sie den Mitarbeitern gute Arbeitsplatzbedingungen geben und nach aussen vermitteln wollen, dass dieses Qualitätsbewusstsein in ästhetischen Fragen im Vordergrund steht.

Diesbezüglich ist Basel einzigartig, wenn man bedenkt, wie viele weltweit renommierte Architekten in Basel bereits Gebäude haben bauen können. Natürlich stösst das auch immer wieder auf Ablehnung. Städte verändern sich in Schüben. Wenn ein markanter Schub kommt, werden viele Dinge in Frage gestellt und das ertragen nicht alle gleich gut.