Nicht einmal eine Million kostet der Betrieb der S9, umgangssprachlich «Läufelfingerli» genannt, pro Jahr. Die Baselbieter Regierung reut aber das wenige Geld für einen Zug in einem Seitental des Oberbaselbiets, das sie höchstens dann freiwillig besucht, wenn Wahlen sind. Daher empfiehlt sie dem Landrat, das Züglein für immer anzuhalten und stattdessen einen Bus auf die Strasse zu stellen. Wären Wahlen, würde kein Mitglied von Regierung oder Landrat das Läufelfingerli auch nur erwähnen. Jetzt aber, in der Mitte der Legislatur, ist alles erlaubt. Neu ist dieser Ansturm auf eine der ältesten Eisenbahnlinien der Schweiz nicht. Wie eine böse Lawine rauscht dieses Ansinnen in unregelmässigen Abständen hernieder, wenn die Baselbieter Batzeli wieder einmal wegschmelzen wie Glace in der Augustsonne.

Andererseits gibt eine Bahnlinie viel zu reden, die erst auf einem Stadtplan existiert. Mitten durch Basel soll ein Tunnel für Regionalzüge gebaut werden, das «Herzstück». Man könnte das noch rührend finden, wenn unbezahlte Laien am Werk wären, die sich einer spleenigen Idee verschrieben haben. Hier aber wird mit der grossen Kelle angerichtet: eigene Geschäftsstelle, bezahlte Mitarbeiter, grosser Apparat. 30 Millionen werfen Stadt und Landschaft Basel für eine Planung auf, die an sich zum Scheitern verurteilt ist.

Zweifellos besteht bei der Eisenbahn im Raum Basel Handlungsbedarf. Drei Bahnhöfe dreier Länder im 21. Jahrhundert sind ein Anachronismus. Eine direkte Verbindung ohne Umsteigen von der deutschen Hauptstrecke ab Karlsruhe Richtung Liestal, Bern und Zürich wäre ausgezeichnet. Aber dafür ist das Herzstück nicht ausgerichtet.

Tunnel wäre für die SBB nutzlos

Das Herzstück will den S-Bahn-Verkehr aus dem Ergolztal unterirdisch durch die Stadt Basel zum Badischen Bahnhof leiten und von dort aus weiter ins deutsche Wiesental oder Richtung Waldshut schicken. Dabei werden Varianten handstreichartig ausgetauscht. Am Trinationalen Bahnkongress von Ende April wurde unerwartet eine neue Linienführung präsentiert. SBB-Chef Andreas Meyer, sehr erstaunt über diese plötzliche Neutrassierung, umriss in einem Fernsehinterview die Lage treffend: Solange der Fernverkehr nicht verbessert wird, ist das Herzstück für die SBB nutzlos. Der ICE aus dem Norden muss weiterhin im Bahnhof SBB zeitaufwendig die Richtung wechseln. Hinzu kommt die Konkurrenz zur Oberfläche: Von einer Haltestelle Marktplatz redet niemand mehr – zu offensichtlich war der Angriff auf die Hoheitsgebiete von BLT und BVB.

Unerwähnt bleibt der Umstand, dass diese Idee einer Durchbindung Liestal–Schopfheim nur funktioniert, so lange die SBB die Wiesentalbahn betreiben dürfen. Gewinnt zum Beispiel die DB Regio die nächste Ausschreibung, müsste am Badischen Bahnhof umgestiegen werden. Herzhafter Unsinn!

Diese halbe U-Bahn ist ein schönes, teures Tunnelprojekt (es geht um über eine Milliarde Franken) in einer erdbebensensiblen Zone, aber für die Fahrgäste aus dem Baselbiet ohne Vorteile. Niemand muss von Liestal direkt nach Schopfheim fahren. Umgekehrt aber schon. Nach dem Einkaufstram finanzieren wir den Deutschen nun die Pendlerbahn. Bequem kommen so Grenzgänger bis ins obere Ergolztal. Von Baselbieter Seite besteht kein Bedarf, ohne Umsteigen auf die deutsche Wiesentalbahn oder die Hochrheinstrecke Richtung Waldshut (die wir dann auf unsere Kosten wohl auch noch elektrifizieren sollten) zu gelangen.

Oberirdisch ist günstiger

Das Baselbiet hat ganz andere Interessen, die ohne grosse Baustellen zu realisieren wären: vor allem eine S-Bahn von Sissach nach Laufen, ohne den Bahnhof SBB anzufahren. Das geht, auf der Verbindungslinie hinter dem Basler Lokdepot. Die Zeitersparnis, um direkt vom Laufental nach Muttenz, Pratteln oder Liestal zu gelangen, wäre gewaltig. Und würde keinen Franken kosten. Dann brauchen wir eine S-Bahn, die bis zum Bahnhof St. Johann fährt, mit einer zusätzlichen Haltestelle auf der Elsässerbahn. Wenn man angeblich schnell von Liestal zum Badischen Bahnhof gelangen soll, könnte man von Muttenz aus (wie der Güterverkehr) direkt auf die Rheinbrücke einbiegen.

Mit solchen Linien würden neue Stadtgebiete mit dem Baselbiet verbunden und der Bahnhof SBB entlastet. Da wäre unsere kantonale öV-Abteilung gefordert, innovative Konzepte zu entwickeln. Ebenso beim bedrohten Läufelfingerli. Diese Linie sollte, statt aufgegeben, mit anderen S-Bahn-Ästen (auch ennet dem Jura) verknüpft werden. Aber wenn man das groteske Trauerspiel um die Erneuerung der Waldenburgerbahn verfolgt hat, sind jegliche Hoffnungen auf bahnbrechende Lösungen zum vornherein ausgeschlossen.

Die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion, die ihre Akzente aufs Bauen legt, hat sich weit davon entfernt, den öffentlichen Verkehr im Baselbiet als Gesamtsystem weiter zu entwickeln. Der Pioniergeist, mit dem einst ein U-Abo möglich war, ist längst im Verwaltungsstaub erstickt worden. Im Sinne der Regierung werden nun denen, die jetzt schon wenige Züge haben, auch noch diese genommen, damit künftig Züge dorthin fahren, wo wir gar nicht hinwollen.

*Lorenz Degen ist Beirat der Waldenburgerbahn und wohnt in Liedertswil