Herzstück
Er shoppt Kleider

Unser langjähriger Kolumnist Martin Dürr verabschiedet sich von der bz-Leserschaft mit Beobachtungen von einer Tätigkeit, die er gar nicht mag.

Martin Dürr
Martin Dürr
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Eine Hitparade der Dinge, die ich ungern tue:

1. Zum Zahnarzt gehen.

2. Kleider shoppen.

3. Haareschneiden.

Dass die wenigsten Menschen sich gerne am Gebiss herum flicken lassen, leuchtet wahrscheinlich ein. Es tut nämlich weh. Darum rufe ich schon nach einer Spritze, wenn ich in die Praxis komme. Haare schneiden schmerzt dagegen nur, wenn die Coiffeuse einen sehr schlechten Tag erwischt hat und einen pikst mit der Schere. Hier ist es viel mehr die Tatsache, dass ich meine Brille ausziehen muss und nur noch schemenhaft erkenne, was vor sich geht. Es ist dieses völlige Ausgeliefert-Sein, das mich abschreckt.

Bis die Motten kommen

Während erstens und drittens zwischendurch notwendig ist, leuchtet mir gar nicht ein, wozu ich neue Kleider brauche, wenn die alten noch lange nicht von den Motten gefressen worden sind. Aber manchmal sagen meine Frau und meine Töchter: «Du brauchst was Neues.» Das war kürzlich wieder mal der Fall. «Ich war in einem Laden und dort hat es Kittel mit Rabatt», sprach meine Frau. Da ist Widerstand zwecklos. Also ging ich hin. Natürlich kam sie auch mit, damit ich es mir nicht in letzter Minute noch anders überlege.

Der Verkäufer erinnerte sich sofort wieder an meine Frau. «Wir suchen einen Kittel für ihn», sagte sie. Der Verkäufer mass mich kurz mit seinem professionellen Auge aus. «Wir finden sicher was für ihn», sagte er zu meiner Frau. «Sucht er eher etwas Helles oder etwas Dunkles?» «Ich finde, er sollte mal etwas Helles ausprobieren». «Da habe ich einiges im Angebot, sehr gut dazu wäre zum Beispiel dieses Hemd dazu.» «Das sieht gut aus, er hat es aber lieber grösser.» «Gut sagen Sie das, mir ist wichtig, dass ihm wohl ist», sagte der Verkäufer und lächelte meine Frau an.

Applaus nach getaner Arbeit

So langsam wurde mir klar, wie sich der Pudel unserer Nachbarin fühlt, wenn sie andere Leute antrifft. «Er ist ein ganz Lieber», sagt sie dann. Und der Pudel schweigt dazu, was soll er auch sagen. Ich schwieg auch und ging in eine Umkleidekabine, um das Hemd anzuziehen. Meine Frau guckte ab und zu hinein und berichtete dem Verkäufer den Stand der Dinge. Der war jetzt voll in seinem Element und schleppte weitere Hemden und Kittel an, in vielen gewagten Farben und, ganz wichtig, mit Rabatt. «Er könnte mit diesem Kittel aber auch gut nur ein T-Shirt tragen, er muss gar nicht immer ein Hemd nehmen.»

Ich durfte auch mal raus aus der Kabine, um mich meiner Ehegattin, dem Verkäufer und immer mehr anderen Kundinnen zu präsentieren, die offensichtlich auch einen Rabatt-Kittel für ihre Partner suchten. Der Verkäufer hatte ein weiteres T-Shirt hervorgeholt. «Es ist nicht im Ausverkauf, aber ich ziehe Ihnen 20 % ab, es ist ein Einzelstück.» «Sehr schön, das steht ihm gut!» Mit 3 T-Shirts, 2 Hemden und 2 Kitteln kann man sehr viele verschiedene Kombinationen machen. «Hauptsache, er fühlt sich wohl», sagte der Verkäufer. «Keine Sorge», sagte ich, «er fühlt sich wohl.» Die anderen Kittel-Sucherinnen und das Personal brachen in Applaus aus.