Jahrhundert-Projekt

Herzstück überfordert Planer: Sie scheitern schon an den Zufahrten

«Massive Eingriffe»: Laut Fachleuten müsste für das Herzstück auch die Einfahrt zum Bahnhof SBB umgekrempelt werden.

«Massive Eingriffe»: Laut Fachleuten müsste für das Herzstück auch die Einfahrt zum Bahnhof SBB umgekrempelt werden.

Beide Basel bestellten ein Vorprojekt zum geplanten milliardenteuren Tunnel. Doch es kam nicht zustande – denn das Vorhaben ist komplexer als gedacht.

Im Jahr 2040 soll der erste Zug vom Bahnhof SBB zum Badischen Bahnhof fahren – unterirdisch und ohne wenden zu müssen, via das so genannte Herzstück. Das jedenfalls schwebt den Planungsbüros vor. 2014 jedoch fürchteten Basel-Stadt und Baselland, dass der Bund den Tunnel zwischen den beiden Kopfbahnhöfen auf die lange Bank schiebt. Die Kantone wollten deshalb Fakten schaffen: Sie sprachen rund 30 Millionen Franken für das Vorprojekt Herzstück, also für vorgängige Planungen. Nun zeigt sich: Von diesen 30 Millionen Franken wurden lediglich 7,1 Millionen beansprucht, also nur rund ein Viertel der zur Verfügung gestellten Gelder. Und der Erfüllungsgrad des bestellten Vorprojekts liegt bei 10 Prozent – ein eigentliches Vorprojekt wurde gar nicht erarbeitet.

Stutzig wurde bei den Beträgen auch die Bau- und Planungskommission (BPK) des Baselbieter Landrats. Die BPK wollte von der Verwaltung wissen, «wie die Diskrepanz zu erklären sei und weshalb das Ganze abgeschlossen werde, obwohl kein Vorprojekt vorliege». So steht es im kürzlich publizierten Kommissionsbericht zum Vorprojekt an den Landrat.

Die Tunnels sind gar nicht das Problem

Laut dem Dokument erklärte die Verwaltung, es seien «gewisse Grundlagenarbeiten erfolgt». Der Tunnel zwischen Bahnhof SBB, Badischem Bahnhof und Bahnhof St. Johann hätte zwar Vorprojektniveau erreicht. Das Problem sei jedoch nicht der Tiefbau an sich, «sondern die Anbindung an die Bahnhöfe». Die bisherigen Bahnhofplanungen hätten «neu konzipiert werden müssen». Die Eingriffe an den Bahnhöfen würden massiv ausfallen. Deshalb sei es notwendig, dass die SBB im Lead sei, unter Miteinbezug von Deutscher Bahn und SNCF.

Zudem habe man, führt die Verwaltung gemäss Bericht aus, «zahlreiche andere, übergeordnete Arbeiten» erledigt, die «eigentlich nicht Bestandteil des Kredits» gewesen wären. Somit liege der Erfüllungsgrad höher, bei über 10 Prozent.

Konnte man damit rechnen, dass der Bund übernimmt?

Die Verwaltung wertet gemäss Bericht ihre Arbeit trotzdem als Erfolg. Per 1. Januar 2020 wurde der Bund zuständig für die Planungen fürs Herzstück. Mit diesem Übergang sei «ein wichtiges Ziel» erreicht worden.

Die Kommissionsmitglieder liessen aber noch nicht locker. Sie wollten von der Verwaltung wissen, ob 2014, als der Landrat und der Grosse Rat die Gelder für das Vorprojekt sprachen, schon bekannt gewesen sei, «dass das eigentliche Ziel nicht die Erarbeitung eines Vorprojekts, sondern die Übernahme durch den Bund sei». Die Verwaltung habe erläutert, die Projektierung wäre eigentlich bereits 2014 Bundesaufgabe gewesen, «jedoch seien häufig Vorleistungen der Regionen notwendig, damit etwas geschehe». Sprich: Wenn die Kantone ein Projekt nicht selber vorantreiben, stellt der Bund auf stumm.

Als Beispiel wurde der Kanton Zürich genannt. Er finanzierte seine zweite Durchmesserlinie unter der Stadt vor, danach sprang der Bund ein.

SP-Landrat Urs Kaufmann ist Präsident der BPK des Landrats. Er sagt auf Anfrage der bz: «Wir sollten uns als Region glücklich schätzen. Das Projekt wurde von Seiten Baselland und Basel-Stadt so gut aufgegleist, dass es der Bund übernommen hat. Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt.» Von den damals gesprochenen Beiträgen habe man nur rund einen Viertel gebraucht. «Auch hier kann man sich glücklich schätzen, dass man Geld sparen konnte.»

Basel muss bauen – sonst droht Passagier-Kollaps

Zu den im Bericht erwähnten grossen baulichen Herausforderungen sagt Kaufmann: «Die Verantwortung für die weiteren Planungen des Herzstücks liegen jetzt beim Bund. Doch damit ist die Arbeit für beide Basel noch nicht erledigt.» Es gelte jetzt unter anderem, die Planungen für das ganze Umfeld voranzutreiben: Also die Erschliessung der Bahnhöfe anzupassen und zu verbessern, die Perronzugänge auszubauen sowie die Fahrpläne von Tram und Bus zu optimieren.

Die weiteren Arbeiten betreffen vor allem Basel. Die Basler Regierung hielt im vergangenen April in einem Ratschlag zum Thema Herzstück fest, die Planungen hätten gezeigt, «dass die Erschliessung des Bahnhofs SBB zwingend verbessert werden muss». Vorgesehen ist der Ausbau auf der Seite der Markthalle: Der Platz soll zu einem zweiten Bahnhofseingangsprotal umgestaltet werden und den Centralbahnplatz ergänzen. Bereits seit Längerem bekannt ist, dass Basel die Margarethenbrücke verbreitern will, um von ihr aus möglichst viele Perrons zu erschliessen.

Das Herzstück ist zwar ein partnerschaftliches Geschäft. Basel-Stadt leistete beim Vorprojekt Herzstück jedoch zwei Drittel der rund 30 Millionen Franken. Dementsprechend erhält der Stadtkanton von den nicht gebrauchten Beiträgen auch mehr zurück: 14,7 Millionen Franken. Auf Baselland entfallen 7,4 Millionen Franken.

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