Herzstück
Zeitreisen als Gedankenexperiment in der Pandemie

Hat uns die Pandemie weiser gemacht? Wie würden wir unserem vergangenem Ich davon berichten, was davon nehmen wir in die Zukunft mit? Und was würden wir bei einem zweiten Anlauf anders machen?

Martin Dürr
Martin Dürr
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Zeitreisen sind immer etwas kompliziert. Jetzt besonders, weil unklar ist, ob der Impfpass dann schon oder noch gültig sein wird. Muss ich nach Ankunft in der Zukunft oder der Vergangenheit in Quarantäne? Und nach der Rückreise in die Gegenwart? Gilt im ÖZV (Öffentlichem Zeitverkehr) Maskenpflicht?

Nehmen wir einmal an, dass wir in die Zeitmaschine steigen und zurückreisen ins Jahr 2019. Übrigens: Waren Sie da glück­licher als heute? Warum? Was würden wir dann anders machen, wenn wir zum ersten Mal eine kurze Agenturmeldung von einem neuartigen Virus in China lesen? Gut, ich würde schon mal anfangen, WC-Papier zu hamstern, bevor die Panikeinkäufe losgehen, wenn Sie sich noch daran erinnern.

Was würden SIE anders machen? Nein, mal ausnahmsweise nicht, was «die Politik» oder «die Wissenschaft» alles falsch gemacht hat, sondern Sie persönlich? Mit Ihrem Wissen von heute? Wem würden Sie zuerst davon erzählen? Wie würden Sie andere Menschen überzeugen, dass da etwas ungeahnt Grosses die ganze Welt befällt? Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich sagen? Würde es Ihnen glauben oder Sie für verrückt erklären?

Die Schere zwischen Arm und Reich

Lassen wir die Vergangenheit. Reisen wir in die Zukunft: Sagen wir mal 2025. Ooo-kay, da sind wir. Was haben wir gelernt aus der ganzen Geschichte? Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht zu viel sagen darf, wegen des Raum-Zeit-Kontinuums und solcher Dinge, Sie wissen schon. Aber – Spoiler Alert! – DAS verrate ich Ihnen: nichts. Nichts haben wir gelernt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist noch weiter auseinander geraten.

Noch immer diskutieren wir über Parkplätze und Gendersternchen – täglich, von früh bis spät, als gäbe es keine anderen Themen. Klima? Oh weh. Seien Sie froh, dass Sie nichts wissen. Wörter, die unsere Enkel lernen müssen wie wir früher «Pest» und «Dampfmaschine», weil es sie nicht mehr gibt: Gletscher. Eisbär. Permafrost. Pech für euch. Wir wussten ja nicht, dass es so schlimm kommen wird. Wir hatten keine Ahnung. Uns hat das niemand gesagt. Wir haben uns auf ein Video verlassen, in dem jemand sagte, es sei alles gar nicht so schlimm.

Was haben wir uns nur vorgemacht, so am Anfang der Pandemie: Wir werden das Leben mehr schätzen, wenn alles vorüber ist. Wir werden besser unterscheiden zwischen den echten und den kleinen Problemen des Lebens. Wir werden mehr Sorge tragen zu einander und besonders zu den Schwächsten. Ha! Ha! Sorry. Ich wollte nicht bitter sein.

Die Kinder und Enkelkinder bekommen die Rechnung

Die bittere Wahrheit: Meine Generation wird in die Geschichte eingehen als jene, die nichts gelernt hat. Meine Eltern erlebten und überlebten den Zweiten Weltkrieg – und das hat sie dankbar und nachdenklich gemacht (ich behaupte nicht, dass alles gut war, das ihre Generation zu verantworten hat). Unsere Kinder und Enkelkinder werden dafür bezahlen, dass wir Demokratie, Wohlstand und Recht auf Bildung für selbstverständlich gehalten haben.

Halt, das ist alles viel zu schwarz. Es gibt Hoffnung im Heute. Also reise ich zurück in die Gegenwart. Etwas durchgeschüttelt, aber heil gelandet. Uff. Ich sehe eine Generation von jungen Frauen und Männern, die anfängt, anders zu denken und handeln. Nicht Gewinn- oder Selbstoptimierung ist ihr höchstes Ziel, sondern Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Für Frieden und Menschenwürde setzen sie sich ein. Zu Hass und Hetze sagen sie Nein. Digitalisierung und lernende Maschinen geben die Möglichkeit, menschlicher zu werden. Zu optimistisch? Wir werden sehen. Zeitreisen sind nur ein Spiel …

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel.