Philosophie
«Heute wäre Friedrich Nietzsche ein multimediales Ereignis»

Nirgendwo lebte der grosse Philosoph länger als in Basel. Hier lebte, unterrichtete und schrieb er zehn Jahre lang. Die bz hat mit der Nietzsche-Kennerin Franziska Trenkle einen Rundgang auf seinen Spuren gemacht.

Susanna Petrin
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Das Erinnerungsschild an Nietzsches Domizil in Basel.
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Hier ging Nietzsche ein und aus.
Friedrich Nietzsches Zeit in Basel
Die Nietzsche-Kennerin Franziska Trenkle führt Interessierte auf den Spuren des radikalen Philosophen durch Basel.

Das Erinnerungsschild an Nietzsches Domizil in Basel.

Kenneth Nars

Manchmal fiel eine seiner Vorlesungen an der Universität Basel komplett aus, weil sich zu wenig Studenten dafür eingeschrieben hatten. Ab drei Interessierten fand sie statt. Zum Beispiel über «Platons Leben und Werke» im Wintersemester 1873/74. Vier Hörer nahmen daran teil. Friedrich Wilhelm Nietzsche, aus heutiger Sicht einer der bedeutendsten europäischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, ein Genie, weltweit rezipiert, verehrt, diskutiert – und umstritten, das auch.

«Heute wäre eine Nietzsche-Lesung ein multimediales Ereignis», beteuert Franziska Trenkle, Nietzsche-Kennerin. Wir stehen beim Rheinsprung 9. In diesem einstigen Hauptbau der Uni Basel hielt Nietzsche zwischen 1869 und 1879 die meisten seiner Vorlesungen. Sein Rekord: Elf Hörer, wie er selbst in seiner schlanken Kursivschrift auf Formularen festhält, von denen Trenkle Kopien dabei hat. Sie zeigt auf die halbleeren Blätter: Bei der Rubrik «Mitteilungen» habe er nie etwas hinzugefügt: «Er hasste Administratives, da hat er das absolute Minimum gemacht.»

Mit 24 Jahren Professor in Basel

Wo bleibt der Nietzsche-Platz? Kommentar von Susanna Petrin Friedrich Wilhelm Nietzsche, einer der grössten und modernsten Denker der Philosophiegeschichte, lebte länger in Basel als an irgendeinem anderen Ort. Zehn Jahre hat er hier am heutigen Humanistischen Gymnasium unterrichtet, an der Universität Basel gelehrt und nebenbei seine ersten wegweisenden Werke verfasst. In anderen Städten weltweit hätte dieser Umstand längst zu schier unerträglichen kommerziellen Auswüchsen geführt. Nicht nur ein Nietzsche-Museum, eine Nietzsche-Allee und ein Nietzsche-Institut wären etwa einer amerikanischen oder asiatischen Stadt sicher, vermutlich auch die Nietzsche-Kaffeetasse, das Nietzsche-Schinken-Ei-Brot, der Dionysos-Themenpark. Basel tickt anders. Und es ist ja gut, dass Nietzsche nicht peinlich ausgeschlachtet wird; es würde nicht zum kritischen Philosophen passen, der mittelmässige Massenkultur verabscheute. Aber falsche Bescheidenheit war auch nicht sein Ding. Basel dürfte ruhig stolzer darauf sein, diesem Philosophen Heimat und moralische wie finanzielle Stütze gewesen zu sein. Umgekehrt hätte er hier und heute etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Zumal auch die furchtbare Vereinnahmung seiner Schriften durch die Nationalsozialisten längst vorbei ist. Sie war höchst unangemessen: Nietzsche war jeder Fanatismus zuwider, und der Antisemitismus, etwa seines Freundes Richard Wagner, stiess ihn nachweislich ab. Ein Nietzsche-Platz oder eine -Strasse sind das Mindeste, das sich in dieser Situation für Basel anbietet. Darüber dürfte das Stadtmarketing gerne vertieft nachdenken. 

Wo bleibt der Nietzsche-Platz? Kommentar von Susanna Petrin Friedrich Wilhelm Nietzsche, einer der grössten und modernsten Denker der Philosophiegeschichte, lebte länger in Basel als an irgendeinem anderen Ort. Zehn Jahre hat er hier am heutigen Humanistischen Gymnasium unterrichtet, an der Universität Basel gelehrt und nebenbei seine ersten wegweisenden Werke verfasst. In anderen Städten weltweit hätte dieser Umstand längst zu schier unerträglichen kommerziellen Auswüchsen geführt. Nicht nur ein Nietzsche-Museum, eine Nietzsche-Allee und ein Nietzsche-Institut wären etwa einer amerikanischen oder asiatischen Stadt sicher, vermutlich auch die Nietzsche-Kaffeetasse, das Nietzsche-Schinken-Ei-Brot, der Dionysos-Themenpark. Basel tickt anders. Und es ist ja gut, dass Nietzsche nicht peinlich ausgeschlachtet wird; es würde nicht zum kritischen Philosophen passen, der mittelmässige Massenkultur verabscheute. Aber falsche Bescheidenheit war auch nicht sein Ding. Basel dürfte ruhig stolzer darauf sein, diesem Philosophen Heimat und moralische wie finanzielle Stütze gewesen zu sein. Umgekehrt hätte er hier und heute etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Zumal auch die furchtbare Vereinnahmung seiner Schriften durch die Nationalsozialisten längst vorbei ist. Sie war höchst unangemessen: Nietzsche war jeder Fanatismus zuwider, und der Antisemitismus, etwa seines Freundes Richard Wagner, stiess ihn nachweislich ab. Ein Nietzsche-Platz oder eine -Strasse sind das Mindeste, das sich in dieser Situation für Basel anbietet. Darüber dürfte das Stadtmarketing gerne vertieft nachdenken. 

bz

Nietzsche war erst 24 Jahre alt, als er als Professor für griechische Sprache und Literatur nach Basel berufen wurde. Sehr früh also, zumal Nietzsche noch nicht mal einen Doktortitel hatte, geschweige denn eine Habilitation. Sein Ruf, ein hochbegabter Wissenschaftler zu sein, war ihm aus Leipzig vorausgeeilt. «Basel war zwar nicht sexy», sagt Trenkle, «aber ein guter Ort zum Anfangen.» Auch wenn manche Deutsche die Uni Basel als «Winkeluniversität» verspotteten.

Basler deckten ihm den Rücken

Es war eine kleine Uni (1870 studierten hier 116 Studenten), aber eine durchaus feine. Die relativ liberalen Basler waren stolz auf ihren Nietzsche und gaben ihm Rückendeckung – auch als er mit der Zeit immer radikaler wurde und auch, als er nach seiner ersten hier verfassten Publikation «Die Geburt der Tragödie» scharf von einem anerkannten deutschen Gelehrten angegriffen wurde. Am Ende gewährte ihm die Uni gar eine grosszügige Rente.

Der Daig lud ihn gern in ihre Salons ein, er pflegte mit Professor Jacob Burckhardt im Hirschen in Haltingen essen zu gehen, und er genoss die Gesellschaft weiterer Kollegen, allen voran des Theologen Franz Overbecks. An den Wochenenden besuchte er seinen Freund Richard Wagner im luzernischen Tribschen. Sehr zu Nietzsches Ärgernis begann sein Weekend allerdings erst ab Samstagmittag, denn morgens hatte er noch Griechisch am Pädagogium zu unterrichten (heute das Humanistische Gymnasium). Umgekehrt fühlte sich Nietzsche der Basler Uni verpflichtet. Aus Loyalität liess er sich gar die preussische Staatsbürgerschaft aberkennen. Er sollte den Rest seines Lebens offiziell staatenlos bleiben.

Die Liebe zu Basel scheint aber immer mehr zur Hassliebe mutiert zu sein. Nietzsche litt unter Migräneattacken und diese führte er auf das Basler Klima zurück: «Ceterum censeo Basileam esse derelinquendam (...) man stimmt überein, dass Basel eine schlechte, drückende, zu Kopfleiden disponierende Luft habe», schrieb er an Oberbeck. Nietzsche schlug zunehmend Einladungen aus, wollte in der wenigen Zeit, die ihm neben Lesungen, Unterricht und Kopfweh blieb, arbeiten. «Er hat trotz allem in kurzer Zeit sehr viel geschrieben», sagt Trenkle, «und nichts davon ist grottenschlecht». Selbst auch Autorin, bewundere sie ihn «als Stilisten».

Vielleicht seine glücklichste Basler Zeit erlebte Nietzsche in seiner ersten, richtigen Bleibe am Schützengraben 45. Hier beginnt Trenkles Führung. 2014 liegt das Haus mitten in der Stadt, in den 1870ern lag es am Rand, neben Feldern. Beim Hintereingang des Hauses am Spalentorweg 5 erinnert eine Tafel daran, dass der Philosoph von 1869 bis 1875 hier lebte. Heute lebt hier Fredy Stingelin. Er lässt uns in sein Studierzimmer, das einst Nietzsches Wohnzimmer war. Hat die Wohnung ihn dem Philosophen nähergebracht? Früher habe er ein bisschen nachgeplappert, was er so über Nietzsche gehört hatte, gibt Stingelin zu, doch dann habe er gemerkt: «Es steckt viel mehr dahinter.» Nietzsche, 1844 in einem ostdeutschen, lutheranischen Pfarrhaus geboren, sei «viel gottesgläubiger, als viele meinen». Es sei zudem spannend, wie nah Nietzsche «Freuds Gedankenwelt» sei.

Einmal habe ein Japaner ehrfürchtig auf das Haus geschaut. Als Stingelin ihn ansprach, stellte sich heraus: «Es war ein Professor, der Nietzsches Werke ins Japanische übersetzt hat.» In Asien, ergänzt Trenkle, sei er besonders beliebt.

Zunehmend krank und irr

Vor dem Haus steht ein Sodbrunnen. Braute Nietzsche aus dessen Wasser seinen Kaffee? «Er liess ihn brauen», präzisiert Trenkle, «von seiner Vermieterin und Haushälterin Anne Baumann, die ihm auch die Wäsche machte.» Dank präzisen Konsumationslisten wissen wir, wann Nietzsche zu Hause was ass und trank. Darunter viel Kamillentee. Nietzsche litt zu allem Übel auch an einem empfindlichen Magen. Erst recht, seit er sich im Deutsch-Französischen Krieg, wo er in einem Anflug von Patriotismus freiwillig als Sanitäter arbeitete, mit der Ruhr angesteckt hatte.

Wahnsinnig ist er am Ende wahrscheinlich wegen seiner Syphilis geworden. Als nie verheirateter Mann habe er sich wohl als Student oder während seines Kriegseinsatzes in einem Bordell damit angesteckt, vermutet Trenkle. Ironie des Schicksals: Nietzsche war Frauen gegenüber sehr scheu.

Sein letzter Zwischenhalt in Basel führte Nietzsche 1889 in die Irrenanstalt «Friedmatt». Overbeck, alarmiert durch Nietzsches seltsame Briefe, hatte ihn aus Turin geholt. In einem dieser «Wahnsinnsbriefe» hatte Nietzsche an Burckhardt geschrieben: «zuletzt wäre ich viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen.»Kommentar Seite 34