Seit Ende Mai dieses Jahres steht eine kleine Tafel auf dem Tresen der Bar in der Aktienmühle. «Café Surprise» steht dort, und darunter sind mit weisser Kreide viele kleine Striche eingezeichnet. 19 sind es inzwischen. Die Striche stehen für die Zahl der aufgeschobenen Kaffees, die es in der Aktienmühle gratis zu trinken gibt. Seit Ende Mai haben also Gäste 19-mal für einen Café Surprise bezahlt. Das heisst einen Kaffee bestellt, einen Kaffee getrunken und dann aber zwei Kaffees bezahlt. Für jeden aufgeschobenen Kaffee gibt es einen Strich mit der Kreide auf die Tafel. Kommt ein finanziell schlechter gestellter Gast in die Aktienmühle, so sagt ihm der Blick auf die Tafel, ob noch ein Gratis-Kaffee zu haben ist.

Das Konzept des Café Surprise beruht auf dem Solidaritätsprinzip: Wer sich mehr leisten kann, bezahlt für solche, die es sich weniger leisten können. Eine schöne Idee, ein tolles Angebot! Das Problem ist nur: Niemand nutzt es.

Der Trick mit dem Gratis-Kaffee

Warum?, frage ich mich. Offenbar gibt es genug Leute, die gerne mehr für ihren Kaffee bezahlen. 20 an der Zahl in der Aktienmühle. Aber keine Gäste, die einen Gratis-Kaffee konsumieren wollen. Ist der Café Surprise zu wenig bekannt? Sitzen Menschen, die wenig Geld haben, nicht gerne in Cafés? Ist es den Baslern zuwider, sich von fremden Personen etwas offerieren zu lassen? Auf der Suche nach Antworten gelange ich zur Gassenküche.

Mein Begleiter ist 61 Jahre alt, IV-Rentner und Stammgast in der Gassenküche. Viele Jahre hat er in Basel auf der Strasse gelebt. Seit Ende letzten Jahres kann er sich ein kleines Zimmer in einer Wohngemeinschaft im Kleinbasel leisten. Jeden Monat bekommt er etwas über 1000 Franken von der Unfallversicherung. Er kennt viele Tricks, wie man an Gratis-Kaffees kommt. Sein liebster war jener im Nespresso-Geschäft: So tun, als ob man neue Kaffee-Kapseln kaufen will, sich durch das Sortiment probieren und am Schluss nichts kaufen. Er erzählt mir das und lacht spitzbübisch. Sein Haar ist schütter, ein paar Strähnen trägt er zu einem Rossschwanz gebunden.

Die Aktienmühle kennt mein Begleiter. Den Café Surprise kennt er hingegen nicht. Die Idee des Gratis-Kaffees kommt ursprünglich aus Italien, genauer gesagt aus Neapel. Nach dem Ersten Weltkrieg, als sich nur die reiche Oberschicht den Kaffee in der Bar leisten konnte, begann diese aus Solidarität mit den ärmeren Italienern für einen «caffè sospeso», einen aufgeschobenen Kaffee also, zu bezahlen. Wer sich keinen Espresso leisten konnte, fragte in der Bar: «C’è un caffè sospeso?» und bekam einen Gratis-Kaffee offeriert. Das Konzept hat in Neapel überlebt, wobei es heute nur noch in der Altstadt praktiziert wird.

Nachdem die Post-Bar das Konzept des Gratis-Kaffees nach Basel geholt hat, will der Verein Surprise das Angebot jetzt bekannter machen. «Eine Tasse Solidarität!» So bewirbt der Verein, der alle zwei Wochen ein Strassenmagazin herausgibt, den Café Surprise, also seine Variante des italienischen «caffè sospeso». Weitere Bars wurden angefragt, ob sie bereit wären, den Café Surprise im Angebot zu führen. Neben der Post-Bar und der Aktienmühle konnten sie auch das Café und Restaurant Haltestelle, die Café-Bar Elisabethen und die Trattoria da Sonny ins Boot holen.

Gemeinsam machen mein Begleiter und ich uns auf, den Gratis-Kaffee zu testen. Auf dem Weg zur Bar grüsst er hier und da ein paar Leute. Wer auf der Strasse gelebt hat, kennt viele, sagt er. Dann die Ernüchterung: Die Aktienmühle ist geschossen. Wir machen uns auf zu «da Sonny» und versuchen unser Glück dort. «Ich hätte gerne einen Café Surprise», sagt mein Begleiter, als wir das Lokal erreichen. Die Dame hinter der Bar schaut verwirrt. Mein Begleiter versucht es nochmals: «Café Surprise, den aufgeschobenen Kaffee? Gratis-Kaffee?» «Haben wir nicht», sagt sie und wendet sich einem anderen Gast zu. Vor ihr auf dem Tresen steht ein Plastikständer mit gestapelten Flyern, die über den aufgeschobenen Kaffee informieren. Vor dem Tresen zu stehen, nach einem Gratis-Kaffee zu verlangen und ihn dann nicht zu bekommen, ist nicht nur meinem Begleiter, sondern auch mir unangenehm.

In Athen funktioniert das Konzept

«Armut ist immer noch etwas, wofür man in der Schweiz stigmatisiert wird», sagt Paola Gallo, Geschäftsleiterin des Vereins Surprise. In einer Bar nach einem Gratis-Kaffee zu fragen, brauche Überwindung. Diese Hemmschwelle zu durchbrechen, sei nicht einfach. Bei Surprise laufen darum verschiedene Kampagnen, um das Projekt bekannter zu machen. «Das Ziel ist, dass es irgendwann ganz normal ist, wenn armutsbetroffene Leute an der Bar einen Café Surprise bestellen.» Gallo hat den Gratis-Kaffee in Athen entdeckt. In einer Bar sassen zwei Männer am Tresen und schlürften aus ihren Tassen, als ob es das Normalste der Welt sei. Laut Gallo funktioniert in Athen das Konzept richtig gut. In Basel sei man davon noch weit entfernt.

Als ich eine Woche später, ohne meinen Begleiter, nochmals die Aktienmühle aufsuche, muss ich mich überwinden, um die Barfrau nach einem «Café Surprise» zu fragen. Als ich es dann wage, wiederholt sich die Szene, die ich eine Woche zuvor mit meinem Begleiter bei «da Sonny» erlebt habe: Sie hat keine Ahnung, wovon ich spreche. Auch nicht, als ich ziemlich deutlich frage, ob sie denn keinen Gratis-Kaffee für mich habe. Irritiert verneint sie, und ich erkläre ihr, peinlich berührt, meine Absichten. Erst, als ich ihr die Tafel mit den 20 Strichen zeige, die neben der Kasse auf der Bar-Theke steht, begreift sie, was ich will. Ich sei die Erste, die danach gefragt habe, sagt sie.

Gönner gibt es genug

Das sei natürlich nicht der Sinn der Sache, sagt Daniel Jansen, Betriebsleiter der Aktienmühle. Er wolle sein Personal nochmals darauf aufmerksam machen, dass bei Café-Surprise-Gästen Fingerspitzengefühl gefragt ist. «Den Kaffee sollte man kommentarlos bekommen, wenn man danach fragt», sagt er. Jansen hofft, dass Leute kommen, wenn man ihnen noch ein wenig Zeit gibt. «Das muss sich jetzt zuerst herumsprechen.» Bisher konnte er nur fünf Gästen einen Café Surprise ausgeben.

«Klar würde ich das Angebot nutzen», sagt mein Begleiter. Jetzt, wo er wisse, in welchen Bars es das Angebot gibt, werde er vielleicht einmal vorbei schauen und es auch seinen Freunden weitersagen. Das Problem sei halt, dass sich Armutsbetroffene nicht in Bars zum Kaffee trinken herumtreiben.

Eine junge Frau steuert auf die Bar-Theke der Aktienmühle zu. «Einen Cappuccino, bitte.» Ihr Blick fällt auf die schwarze Tafel neben der Kaffeemaschine. «Und zusätzlich bezahle ich noch einen Café Surprise.» Jansen stellt ihr den Cappuccino hin und macht einen Strich auf die Tafel. Es ist der Zwanzigste. An spendenfrohen Gönnern mangelt es dem Projekt nicht.