Jeder zweite Mensch in der Schweiz leidet einmal in seinem Leben an einer psychischen Krankheit. Wer nicht selbst psychisch belastet ist, wird früher oder später durch betroffene Personen im persönlichen Umfeld mit dem Thema konfrontiert. Doch wie soll man als Laie reagieren, wenn sich bei einer nahestehenden Person psychische Schwierigkeiten bemerkbar machen?

Das australische Programm «Mental First Aid» will diesem globalen Problem Abhilfe schaffen. Das vor rund 20 Jahren lancierte Projekt wird seit Jahresbeginn auch in der Schweiz angeboten – am 6. Mai findet der Erste-Hilfe-Kurs erstmals in Basel statt.

Dem Stigma entgegenwirken

Die Basler Psychologin Binia Roth hat sich von der Stiftung «Pro Mente Sana» zur Instruktorin für die sogenannten ensa-Kurse ausbilden lassen. Das Wort «ensa» stammt aus einer der verschiedenen australischen Aborigines-Sprachen und bedeutet «Antwort». Pro Mente Sana will mit ihren Ersthelfer-Kursen die passende Antwort für den Umgang mit psychisch belasteten Menschen liefern.

«Die Kurse werden seit 18 Jahren von ihren australischen Erfindern weiterentwickelt», sagt Pro-Mente-Sana-Geschäftsleiter Roger Staub. Die Wirksamkeit des Programms sei durch langjährige Studien erwiesen. Deshalb sei das System für das Kursangebot in der Schweiz praktisch eins zu eins übernommen und lediglich für das schweizerische Politik- und Gesundheitssystem adaptiert worden.

«Da psychische Erkrankungen in unseren Breitengraden stigmatisiert sind, versuchen die Betroffenen oft, ihr Leiden zu verstecken», sagt Roth. «Sie befürchten, als ‹schwach›, ‹nicht leistungsfähig› oder ‹verrückt› zu gelten.» Wer auf die psychische Not einer Person aufmerksam werde, sage aus Hilflosigkeit oft nichts. «Das ist ein Teufelskreis», so Roth. Viele liessen sich aus diesem Grund oft zu spät oder gar nicht behandeln.

In vier Blöcken zu jeweils drei Stunden vermittelt Roth gemeinsam mit ensa-Trainerin Liliana Paolazzi ein Basiswissen über die am häufigsten auftretenden psychischen Krankheiten und deren Behandlung. Der eigentliche Schwerpunkt des Kurses richtet sich jedoch vor allem auf eine Frage: Wie gehe ich mit einem Menschen um, bei dem ich ein anhaltendes psychisches Leiden vermute? «Ersthelfer werden sensibilisiert zu erkennen, ob Anzeichen für eine Krise vorhanden sind», sagt Roth.

Nur Nichtstun ist falsch

Steckt eine Person in einer solchen Krise, könnte sie eine Gefahr für sich selbst oder für andere darstellen – etwa weil sie suizidgefährdet ist oder sich aggressiv verhält. «In diesem Fall müssen Ersthelfer schnell reagieren und Drittpersonen involvieren.» Krisen gilt es von weniger akuten Situationen abzugrenzen: «Den Teilnehmern sollen Fähigkeiten vermittelt werden, um eine einfache Risikoabschätzung vorzunehmen», sagt Roth. Eine Grundkompetenz im Erkennen einer Risikosituation quasi, analog zur Ersten Hilfe bei Unfällen. Die Kursabsolventen lernen ebenfalls, wie sie wertfrei mit Betroffenen ins Gespräch kommen, wertschätzend zuhören und Sicherheit vermitteln.

«Es gilt die selbe Grundregel wie bei einem physischen Notfall: Falsch ist nur, wenn man gar nichts tut», sagt Roth. Es gehe im Kurs jedoch nicht darum, aus Laien Therapeuten zu machen. Psychische Belastungen sollen lediglich früher erkannt, das Gespräch mit Betroffenen gesucht und gegebenenfalls professionelle Hilfe vermittelt werden. «Projekte im psychischen Bereich, die der breiten Bevölkerung einen Zugang zu dieser Thematik ermöglichen, sind wichtig», sagt Roth. Es handle sich dabei nämlich um ein weitaus verbreiteteres Problem, als gemeinhin angenommen.

   

Der erste Kurs in Basel findet am Montag statt. Anmeldung: www.ensa.swiss