Fahrende
Hinter Gittern im Grünen: So leben die Fahrenden in Frankreich

In Frankreich muss jede Gemeinde mit mehr als 5000 Einwohnern den Fahrenden einen Standplatz bereit stellen: mit Wasser, Strom und sanitären Anlagen. Ein Augenschein vor Ort in Saint-Louis.

Annika Bangerter
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Die Situation in Frankreich sei in Ordnung, sagen die Fahrenden, die momentan auf dem Standplatz ausserhalb von Saint-Louis leben.

Die Situation in Frankreich sei in Ordnung, sagen die Fahrenden, die momentan auf dem Standplatz ausserhalb von Saint-Louis leben.

Nicole Nars-Zimmer

Wäsche flattert im Wind, Kinder spritzen sich kichernd Wasser aus Plastikpistolen an, ein Mann schleift ein Brett ab. Borado sitzt in einem älteren, dunkelgrünen Volvo. «Was wollt Ihr denn hier?» Besucher scheinen sich auf den Standplatz an der Dorfgrenze von Saint-Louis kaum zu verirren. «Ach ja, die Situation in Basel kenne ich. Jetzt protestieren einige Fahrende? Das ist gut», sagt Borado. Er lebe bereits seit drei Monaten in Saint-Louis. Bald gehe es für ihn und seine Familie weiter. Wohin, das ist noch unklar.

Venanz Nobel, Verein «Schäft qwant» «Die Hälfte der Plätze in Frankreich betreuen private Verwaltungsfirmen. Das funktioniert gut.»

Venanz Nobel, Verein «Schäft qwant» «Die Hälfte der Plätze in Frankreich betreuen private Verwaltungsfirmen. Das funktioniert gut.»

Kenneth Nars

Infrastruktur eines Campingplatzes

Dennoch gebe es mit der Regelung in Frankreich deutlich mehr Plätze als in der Schweiz. So beispielsweise in Huningue oder Saint-Louis. Beide Gemeinden haben einen Standplatz für 20 Wohnmobile, Autos und Anhänger. «Die Infrastruktur ist wie auf einem Camping. Es gibt Strom, Wasser und sanitäre Anlagen. Alles was es für die grundlegende Sauberkeit und Hygiene braucht», sagt Jacques Romon, Gemeindeverwalter von Huningue.

Erstes Gespräch mit den Fahrenden in Basel

Am Freitagnachmittag setzten sich in Basel Schweizer Fahrende , Vertreter vom Präsidialdepartement, Baudepartement und dem Verein I-Land an einen Tisch. Damit reagierte Basel-Stadt auf die Aktion der sechs Fahrenden, die seit einer Woche im Hafenareal protestieren. Damit wollten sie darauf aufmerksam machen, dass es in Basel keinen Standplatz gibt – obwohl dies vom Bund vorgesehen und im kantonalen Richtplan eingetragen ist. Venanz Nobel vom Verein «Schäft qwant» zieht eine positive Bilanz des gestrigen Treffens: «Es fand ein vertrauenvolles Gespräch in einer konstruktiven Atmosphäre statt.» Maximal einen Monat können die drei Wohnwagen der Fahrenden auf dem Ex-Esso-Areal bleiben. Dem Kanton sei bewusst, dass die Fahrenden vor der Schaffung einer Dauerlösung auf improvisierte Haltemöglichkeiten angewiesen seien und er bietet die Hand für eine Zwischennutzung an, heisst es im Communiqué. Eine Lösung für einen dauerhaften Standplatz im Kanton Basel-Stadt werde in absehbarer Zukunft realisiert. Vorübergehend (für maximal einen Monat) können die drei Wohnwagen auf ihrem Platz auf dem Ex-Esso-Areal bleiben.

Beliebte Grenzregion

Für sie gibt es auf dem asphaltierten Standplatz ausserhalb von Saint-Louis acht Toiletten und acht Duschen. Und einen knapp zwei Meter hohen Zaun rund um das Gelände. Sträucher schützen vor allzu neugierigen Blicken von der Strasse, die von Saint-Louis nach Barthenheim führt. «Die Situation in Frankreich ist in Ordnung», sagt ein Kollege von Borado. «Aber in der Schweiz ist es für uns schwierig. Die wenigen Plätze sind immer voll.»

Dies sei durchaus auch ein Problem im Elsass, sagt Jacques Romon, Gemeindeverwalter von Huningue: «Unsere Region nahe der Grenze ist beliebt. Die Fahrenden suchen häufig vorübergehend Arbeit in der Schweiz.» Insbesondere im Sommer reichen die Standplätze so gut wie nie. «Dann gibt es immer wieder Streit, weil sie auf öffentlichem Areal ihre Wohnwagen aufstellen», sagt Romon.

Regelmässig berichten französische Medien, dass Fahrende in Frankreich freie Flächen besetzen. «Wenn eine Gruppe nirgendwo unterkommt und die Gemeinden sich nicht an das Gesetz halten, dann können sich die Fahrenden relativ unbehelligt auf öffentlichen Grundstücken niederlassen. Das führt zwar zu Aufregung und die Polizei erscheint, aber die Gemeinden müssen sie tolerieren. Denn sie haben es versäumt einen Standplatz einzurichten», sagt Venanz Nobel vom Verein «Schäft qwant».

Am Donnerstag war der Platz in Huningue leer. Nur eine einzelne Waschmaschine deutet darauf hin, dass hier immer wieder Leben einzieht. Ansonsten erinnert der Platz mit den weissen Parkflächen an einen Autobahnparkplatz. «In Huningue ist heute keiner, weil der Platz gereinigt wird», weiss Borado. Wenn die nächsten Fahrenden ihre Wohnwägen auf den Platz steuern wollen, dann müssen sie bei ihrer Ankunft in Huningue oder Saint-Louis die Polizei anrufen, sagt Borado. Diese zieht dann Miete und Kaution in der Höhe von 120 Euro ein. Gemäss Venanz Nobel betreuen in Frankreich private Verwaltungsfirmen rund die Hälfte der Plätze der Fahrenden. Ein Modell, das sich für ihn bewährt hat: «Sie kennen die Menschen und sind untereinander gut vernetzt», sagt Nobel.

In Saint-Louis zwängt sich die Familie von Borado in ein Auto. Vier Augenpaare gucken ihn erwartungsvoll an. «Habt ihr noch mehr Fragen? Au revoir – und ich bin gespannt, wie sich Basel entscheidet», sagt er – und braust in seinem grünen Volvo davon.

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