Uhrenmythos
Historie statt Hightech – auch mit Geschichte lassen sich Uhren verkaufen

An der Baselworld sind auffällig viele Modelle mit historischem Bezug zu finden. Das brauchen Smartwatches nicht.

Stefan Schuppli, Rahel Koerfgen und Meret knaack
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Vor der Eröffnung durfte die Presse einen ersten Blick in die Baselworld werfen.
31 Bilder
Die Bilder entstanden einen Tag vor der offiziellen Eröffnung.
Der Stand von Casio.
Am Stand von Jaquet Droz wird an einem Zifferblatt gearbeitet.
An der Baselworld 2017 stellen 1300 Aussteller ihre Luxuswaren aus.
Das sind 200 weniger als im vergangenen Jahr.
Letzte Arbeiten bei Maurice Lacroix.
Erste Einblicke in die Baselworld 2017.
Der Stand von Tag Heuer mit der Tag Heuer Connected Modular 45.
Der Stand von Tag Heuer mit der Tag Heuer Connected Modular 45.
So sieht die Tag Heuer Connected Modular 45 aus. Baselworld Pressetag mit vielen Bildern Der Stand von TAG HEUER mit der TAG HEUER CONNECTED MODULAR 45
So sieht die Tag Heuer Connected Modular 45 aus.
Der Stand von Tissot
Bei Carl F. Bucherer werden die Modelle eingeräumt.
Der Stand von Tudor.
Der Stand von Rolex.
Der Rolex-Stand
Das Schaufenster bei Rolex lässt träumen.
Uhrenpionier Jean-Claude Biver im Dauerinterviewstress.
Der Stand von Omega.
Breitling präsentiert die Smartwatch Bentley Supersports B55
Der Stand von Frédérique Constant.
Eine Besucherin gönnt sich vor dem Stand von Chopard eine Pause.
Letzte Arbeiten bei Bell & Ross
Der Stand von Tudor
Der Stand von Raymond Weil wird noch fertig geputzt.
Der Stand von Patek Philippe
Interessierte Besucher bei Patek Philippe.
Eine Patek Philippe in gross.
Letzte Arbeiten bei Tutima Glashütte.
Die Baselworld ist vom 23. bis 30. März geöffnet. Baselworld Pressetag mit vielen Bildern

Vor der Eröffnung durfte die Presse einen ersten Blick in die Baselworld werfen.

Kenneth Nars

Auch wenn Uhren immer mehr können und mittlerweile mit Internetfunktionen ausstaffiert sind – die traditionelle Uhr, der Zeitmesser, wird nach wie vor kultiviert. Und sie ist gleichzeitig noch immer ein Schmuckstück. Der Formen- und Farbenvielfalt scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Doch dieser Schein trügt. Faktisch ist fast alles schon einmal da gewesen, in mehr oder weniger ähnlicher Form.

Setzen auf Bewährtes

Ludovic Lesur, Direktor der Genfer Uhren- und Schmuckfirma Charriol, sagt klipp und klar: «Viele Firmen setzen auf Bewährtes. Auch wir sind vorsichtig», sagt er. Das vergangene Jahr sei nicht so gewesen, dass man jetzt grosse Risiken eingehe. Denn neue Modelle und Innovationen sind kapitalintensiv – ohne dass die Sicherheit bestünde, dass sich die Innovation gut verkauft. «Und wenn man weiss, dass man ein Produkt hat, das gut läuft, warum nicht eine Neuauflage?»

Wirklich klassisch: Charriol Lady St-Tropez Mansart.

Wirklich klassisch: Charriol Lady St-Tropez Mansart.

zvg

Doch das allein reicht nicht. Es muss eine Geschichte erzählt werden, eine Marketing-Story. Bei Charriol, der Uhr mit den Drahtseil-Uhrenarmband, lautet die so: Die achteckige «St. Mansart» wird nach dem Architekten Jules-Hardouin-Mansart benannt. Er war der Architekt der legendären Place Vendôme in Paris, «gleichbedeutend mit der formalen Schönheit der Architektur, die Künstler, Schneider und Uhrmacher über Jahrhunderte beeinflusst hat.»

Geschichte kaufen

Dass die Konsumenten es heute wieder vermehrt mögen, ein Stück Geschichte zu kaufen, dieser Umstand macht sich die Uhrenmanufaktur Mathey-Tissot mit Sitz in Genf zunutze. 1886 gegründet, gehört sie zu den ältesten Uhrenmarken der Schweiz. Im Auftritt das Labels, das 2012 nach mageren Jahren einer kompletten Reorganisation unterzogen wurde, wird etwa gerne betont, dass Mathey-Tissot früher die grössten Brands wie Cartier, le Coultre oder IWC mit ihren Uhrwerken beliefert hat.

Oder dass Elvis Presley Dutzende von personalisierten Mathey-Tissot-Uhren für seine Familie und Freunde bestellt hat. «Das zeugt von der hohen Qualität der Marke», sagt CEO und Besitzer Alberto Frigerio Bonvicino. Geschichte gebe einem Produkt automatisch mehr Wert. So ist es auch kein Zufall, dass die aktuellen Kollektionen «Vintage» und «Rolly Vintage» das Design von Modellen aus den 1950er- und 1970er-Jahren aufgreift.

Die Strategie scheint aufzugehen, auch ohne Smartwatch-Produktion: Anfang Mai eröffnet Mathey-Tissot seine erste Boutique in Genf. Bislang waren die mittelpreisigen Uhren lediglich in Fachgeschäft sowie online erhältlich.

Harte-Burschen-Image

Andere Firmen zelebrieren die Nähe zu den härtesten Kerlen dieser Welt, seien es die Navy Seals aus den USA oder der französischen Kampftaucher. Der Bezug zur Geschichte spielt eher eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, die Protagonisten sind heldenhaft und kaum umzubringen. Ein weiteres Feld ist die Aviatik, auch hier steht der Held im Mittelpunkt: Der einsame Pilot Lindbergh (Longines u.a.), der Retter aus der Luft bei Air Zermatt (Hamilton) oder Rega (Oris). Die Liste ist lang.

Solche Knallergeschichten brauchen die neuen Smartwatches nicht. Sie sind sich selbst genug. Freilich: Auch sie kommen nicht ganz ohne Rechtfertigung ihrer Existenz auf. Sie müssen mehr liefern als eine knochentrockene Gebrauchsanweisung. Überdies wird mit einem historisierenden Design vielfach eine Konzession an den Durchschnittsgeschmack gemacht.

Äusserlich klassisch: Das «Classic»-Modell von Samsung Gear S3.

Äusserlich klassisch: Das «Classic»-Modell von Samsung Gear S3.

zvg

Gear S3 von Samsung beispielsweise, will den Graben zwischen Hightech und Schweizer Uhrendesign überbrücken. Für die Entwicklung der Gear S3 hat sich der koreanische Konzern mit dem Schweizer Luxusuhren-Designer Yvan Arpa und dem Industriedesigner Arik Levy zusammengetan. Arpa erklärt: «Samsung bereitet den Weg für die nächste Generation Uhren, die mit einer Kombination aus Tradition und smarter Funktionalität auf dem Markt punkten wollen.»

Und Levy: «Emotionalität, die die Leute in Form von Tradition ausleben, in Kombination mit Technologie, war die Idee, an der ich künstlerisch arbeitete und nachging.» Die zwei Modelle der Gear S3, das «classic» Modell und das «frontier» Modell, stünden für den Lifestyle in den heutigen Gesellschaften, erklärt Samsung-Marketingdirektor Younghee Lee.

Samsung: Riesige Marktmacht

Diese Quasi-Uhr scheint vielleicht nicht besonders aufregend. Aber Samsung hat ein riesiges Händlernetz und eine unglaubliche Finanzkraft, bei der sehr viele andere Anbieter zusammenpacken können. Der Konzern macht mit 489 000 Mitarbeitenden einen weltweiten Umsatz von 250 Milliarden Franken. Das ist mehr als doppelt so viel Umsatz wie Roche und Novartis zusammen.

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