Beat Aeberhard (46) arbeitet seit dem 1. April 2015 als neuer Basler Kantonsbaumeister. Am heutigen Samstag nimmt er als einer von vier Referenten im Schweizerischen Architekturmuseum an einer Veranstaltung zu Hochhäusern für Basel teil. Wir haben ihn im Vorfeld zu Chancen und Problemen befragt.

Herr Aeberhard, was ist überhaupt ein Hochhaus?

Beat Aeberhard: Für den Begriff «Hochhaus» gibt es keine allgemein gültige Definition. Auch das Bau- & Planungsgesetz des Kantons Basel-Stadt regelt den Begriff nicht näher. Normalerweise spricht man von einem Hochhaus ab einer Höhe von 25 Metern – abgeleitet aus feuerpolizeilichen Vorschriften. Die entsprechenden Anforderungen für hohe Bauten wurden indessen auf Anfang 2015 gelockert. Sie gelten neu für Gebäude ab 30 Metern.

Braucht Basel Hochhäuser und wenn ja, warum?

In Basel gibt es bereits eine Vielzahl von Hochhäusern. Sie ermöglichen eine Gliederung des Stadtkörpers und tragen zu einem unverwechselbaren Stadtbild bei. Sorgfältig geplant können Hochhäuser identitätsstiftende Impulse auslösen. Sie bilden neue Wahrzeichen. Die Basler Idee einer polyzentrischen Stadtentwicklung mit mehreren Zentren rund um die erweiterte Altstadt lässt sich gerade auch an Hochhäusern ablesen. Dann sind Hochhäuser natürlich eine Möglichkeit der Verdichtung. Sie schaffen dringend benötigten Wohn- und Arbeitsraum. Damit minimieren sie den Landverbrauch.

Bislang traten Hochhäuser vor allem einzeln in Erscheinung, zum Beispiel das Wohnhochhaus an der Sperrstrasse oder der Messeturm. Es ist indessen sinnvoll, zukünftig vermehrt die Bildung von Hochhausgruppen anzustreben. Etwa wie die beiden neuen Wohnhochhäuser auf dem Schorenareal, die mit den bereits bestehenden drei Wohnhochhäusern am Schorenweg ein stimmiges Ensemble bilden werden. Schliesslich leisten gerade Wohnhochhäuser auch einen Beitrag zur Reduktion der Pendlerströme: Je mehr Leute in der Stadt wohnen, umso weniger pendeln sie aus dem Umland in die Stadt, um dort zu arbeiten.

Verstehen Sie, dass viele Leute skeptisch sind und soziale Ghettobildung wie Schattenwurf befürchten?

Ich nehme die Vorbehalte gegenüber Hochhäusern sehr ernst. Jedoch stammen die Befürchtungen, dass Hochhäuser soziale Ghettos bilden, aus den 1960er Jahren, einer Zeit, als an den Rändern der Grossstädte eintönige Trabantensiedlungen entstanden. Deren einseitige Nutzung als isolierte anonyme Wohnstädte, in der Regel für materiell wenig Begüterte, hat zum «Ghetto-Bild» geführt. Heute haben wir eine komplett andere Situation: Die Hochhäuser entstehen an zentralen, bestens erschlossenen Lagen. Sie sind im Stadtgewebe integriert und als Wohnraum begehrt. Auf Strassenebene ermöglichen sie durch attraktive Nutzungen eine Bereicherung des urbanen Lebens.

Der Schattenwurf ist ein Kriterium, das bei der Planung von Hochhäusern natürlich eine wichtige Rolle spielt. Konkret darf der Schattenwurf eines Hochhauses die Wohnqualität der Umgebung nicht in nennenswertem Umfang beeinträchtigen. Das bedeutet, dass die Fassade eines Nachbarhauses zur Tag- und Nachgleiche nicht länger als zwei Stunden beschattet werden darf.

Aber gerade das Roche-Hochhaus stösst in Basel auf viel Kritik, weil es das Stadtbild zerstören würde.

Der Turm ist unbestritten ein Massstabsprung für Basel. Ich finde es ein gutes Bauwerk.

Gegen das zweite Hochhaus und weitere Bauten von Roche gibt es aber über 90 Einsprüche. Was sagen Sie dazu?

Ich würde daraus keine direkte Gegnerschaft ablehnen. Das greift zu kurz. Ein grosser Punkt sind die Belästigungen durch die Bauzeit und die Verkehrssituation. Dafür habe ich Verständnis und das müssen wir lösen.

Gibt es Qualitätskriterien und ästhetische Ansprüche, wie in Basel ein Hochhaus gebaut sein muss?

Selbstverständlich! Bewilligungsfähig sind nur präzis gesetzte und gut gestaltete Hochhäuser. Das Erscheinungsbild ist in jeder Hinsicht hervorragend zu gestalten. Damit sind die Proportionen, die Fassadengestaltung, die Materialisierung und die Gliederung des Baukörpers gemeint. Mir schweben qualitätsvolle Architekturen vor, die von einer Schönheit und Wirksamkeit sind, welche den aktuellen Zeitgeist überdauern. Dafür braucht es breit abgestützte Ideen, welche die Menschen zu berühren vermögen.

Im Weitern ist es unerlässlich, dass das Gebäude in seiner Umgebung funktioniert und dass die Konsequenzen für die Entwicklung seiner Umgebung geklärt sind. Entscheidend sind die Aussenräume. Die Hochhäuser dürfen ihre Energie nicht nur in die Weite ausstrahlen, sondern müssen auf Augenhöhe im verdichteten urbanen Gefüge Öffentlichkeit sichern. Wenn das gelingt, wird das Gebäude von den Menschen angenommen. Um diese anspruchsvolle Aufgabe zu meistern und die Qualität von Hochhausprojekten zu sichern, sind in der Regel Architekturwettbewerbe oder andere Varianzverfahren notwendig.

Bestehen Beschränkungen für die Höhe?

Es gibt keine festgeschriebenen Höhenbeschränkungen. Aber selbstverständlich ist die richtige oder die verträgliche Höhe bei jedem Hochhausprojekt zu diskutieren. Die Höhe wird im Verhältnis zur unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch zum übergeordneten Stadtgefüge bestimmt.

Was sagen Sie zur Kritik, Basel sei im Vergleich zu Zürich in Bezug auf die fehlende Höhenbegrenzung und die Freiheit der Pharma, in Industriezonen bis 40 Meter Höhe wie es ihr beliebt zu bauen, zu liberal?

Da gilt es zu differenzieren: Richtig ist, dass die Zürcher Richtlinien für den Bau von Hochhäusern nach Hochhausgebiet unterschiedlich definierte Höhenbegrenzungen festlegen. Gleichwohl sind aber Abweichungen nach oben im Rahmen von Sonderbauvorschriften möglich. Das bedeutet, dass in Zürich Hochhäuser bis 80 Meter Gesamthöhe ohne Mitwirkung des Parlaments oder der Bevölkerung bewilligt werden können. In Basel hingegen ist für ein Hochhaus auf jeden Fall ein Bebauungsplan die Voraussetzung. Die Bebauungspläne werden dem Grossen Rat zum referendumsfähigen Beschluss vorgelegt.

Dieses Vorgehen stellt ein demokratisches Verfahren und damit die Mitwirkung der Bevölkerung sicher. In der Industriezone hingegen ist es in Basel tatsächlich so, dass Bauten bis 40 Meter Höhe ohne einen Bebauungsplan erstellt werden können. Das liegt in der Tradition dieser Areale begründet: In der Industriezone gab es schon immer höhere Häuser. Allgemein kann man sagen, dass die Politik und die Bevölkerung beim Bau von Hochhäusern über ein hohes Mass an Mitsprache und demokratischer Kontrolle verfügen.

Führen Sie generell die Hochhauspolitik Ihres Vorgängers weiter oder gibt es neue Entwicklungen?

Ich denke, man kann nicht von einer Hochhauspolitik eines Einzelnen sprechen, dazu sind zu viele Gremien und Fachleute involviert. Wir leben in einer Zeit, in der Hochhäuser eine immer bedeutendere Rolle in den Städten spielen. Sie können als Ausdruck einer allgemeinen Aufbruchstimmung der Städte verstanden werden. Die Städte – und da gehört Basel ganz bestimmt dazu – haben in den letzten zehn Jahren als Lebens- und Arbeitsraum enorm an Attraktivität gewonnen. Die Hochhäuser sind somit in erster Linie ein direktes Abbild unserer heutigen Gesellschaft und der wirtschaftlichen Prosperität.

Welche Quartiere und Gegenden von Basel sind nicht für Hochhäuser geeignet?

Nicht an jedem Ort sind Hochhäuser richtig. Sie dürfen nur in einem dafür geeigneten Gebiet der Stadt geplant werden. Über die tauglichen Gebiete gibt unser Hochhauskonzept Auskunft (siehe Karte in Bildergalerie). In der Altstadt oder in Schon- und Schutzzonen sind sie ausgeschlossen. Auch in offenen Quartierstrukturen sind sie nicht denkbar. Ebenso eignen sich topografisch empfindliche und ausgesprochene Wohngebiete nicht für Hochhäuser. Und mitten in Stadtquartieren mit vorherrschenden Blockrandstrukturen wie dem Gundeli oder dem unteren Kleinbasel sind sie auch nicht sinnvoll. Da sind sie nur an ausgewählten Orten, beispielsweise am Rand des Geleisefelds der SBB oder am zentralen Ort des Messeplatzes denkbar. Klar ist, dass bestehende Symbolwerte wie die Altstadt, Kirchen oder besondere Naturräume nicht beeinträchtigt werden dürfen.

Welche sind geeignet?

Grundsätzlich die zentrumsnahen, gut erschlossenen Gebiete wie die Bahnhöfe SBB, Badischer Bahnhof oder Bahnhof St. Johann. Auch die weitläufigen Gleisareale oder Teile des Rheinufers bieten sich an. Dort lassen sich mit Hochhäusern die Hauptzugänge zur Stadt markieren. Dann bieten sich auch Firmenareale oder Gebiete mit öffentlichen Einrichtungen für den Bau von Hochhäusern an, da sie bereits geprägt sind durch grosse Bauten. Im Allgemeinen eignen sich auch Transformationsareale gut für den Bau von höheren Häusern. Denn die sich im Umbruch befindenden Gebiete haben oftmals keine bereits klar vorgegebene Bebauungsstruktur. Sie erlauben eine grössere Flexibilität von möglichen neuen Gebäudetypen.

Ist die Stadtrandentwicklung Ost nach der Abstimmung vom Tisch?

Es wird dort auf absehbare Zeit nichts passieren. Den Volksentscheid gilt es zu respektieren. Und wenn man ihn ernst nimmt, muss man die Planungen ein paar Jahre ruhen lassen.

Die gleiche Frage für die Klybeckinsel, die ja als Rheinhattan sehr in die Kritik gekommen ist.

Mir scheint, das Wort Rheinhattan hat zu grossen Missverständnissen geführt. Beim vielfach publizierten Bild der mit Hochhäusern gesäumten Klybeckinsel handelt es sich um eine erste Idee, ein Symbolbild. Es wird dort nie so aussehen. Dass sich die Klybeckinsel nach einer Verlagerung des Hafens in das Hafenbecken III für verschiedene neue Nutzungen direkt am Rhein anbietet, scheint mir sehr einleuchtend. Inwieweit sich dazu Hochhäuser eignen oder nicht, ist nicht entscheidend. Ich bin überzeugt, dass alle von einer qualitativ hochstehenden Entwicklung am Hafen profitieren würden. Gerade die Erstellung von öffentlichem Freiraum am Rheinufer oder die Schaffung von attraktivem Wohnraum für unterschiedlichste Leute bietet ein grosses Potenzial. Und selbstverständlich könnten auch weitere Arbeitsplätze auf der Klybeckinsel angesiedelt werden.

Sind auf dem Gelände von BASF, Hochhäuser denkbar? Ebenso auf dem Areal des Güterbahnhofs Wolf?

Am Rheinufer steht bereits das Hochhaus der Novartis aus den 1960er Jahren. Zudem ist das BASF-Areal ein typisches Firmenareal, das in erster Linie durch grossmassstäbliche Bauten geprägt ist. Für den Bau von Hochhäusern zur Verdichtung ist es grundsätzlich geeignet. Darüber hinaus wird der Rhein hier bereits durch hohe Bauten zu beiden Seiten der Dreirosenbrücke akzentuiert. Eine Konzentration von weiteren hohen Bauten beidseits des Rheins ist sicherlich möglich. Gut gestaltete Hochhäuser mit entsprechender Nutzung gerade auch in den Erdgeschossen könnten einen wichtigen Beitrag zur Identitätsbildung dieses im Wandel begriffenen Areals leisten. Auch das Areal des Güterbahnhofs Wolf kann sich für den Bau von Hochhäusern eignen. Jedoch kann ich mir auf dem Wolf weniger einzelne freistehende «Nadeln» vorstellen als eher gedrungenere, massigere Bauten, die zwar über eine gewisse Höhe verfügen, aber weniger als Solitäre in Erscheinung treten, sondern eher ein verdichtetes, in sich stimmiges Ensemble bilden.

Wie stellen Sie sich Basel in 20 oder 30 Jahren vor? Pendelt sich die Hochhaus-Höhe bei 100 Metern ein?

Wir können davon ausgehen, dass weitere Hochhäuser gebaut werden. Neben den Plänen der Roche sind weitere Hochhausprojekte in Planung oder in Bau. Diese Entwicklung wird sich meiner Meinung nach massvoll fortsetzen. Ich wünsche mir, dass neue Projekte an städtebaulich geeigneten Orten stehen, sehr gut gestaltet sind und für die Bevölkerung einen Mehrnutzen bringen. Die Hochhäuser sollen die Identität von Basel weiter stricken und stärken. Von einer bestimmten Höhe würde ich nicht sprechen. Das wäre falsch. Die Höhe wird vom Kontext, der Nutzung und den Gebäudeproportionen insgesamt abhängen und wird in jedem Einzelfall neu bestimmt werden müssen.
Das Interview wurde schriftlich geführt.