Stadt versus Land

Hochhäuser: Ein Fremdkörper in der Stadt, unnütz auf dem Land?

Beim Blick in Richtung Muttenz sticht zunächst der Aquabasilea-Komplex mit dem Clariant-Turm ins Auge.

Beim Blick in Richtung Muttenz sticht zunächst der Aquabasilea-Komplex mit dem Clariant-Turm ins Auge.

Muttenz plant neue Hochhäuser. Ist es sinnvoll, in den Agglo-Gemeinden in die Höhe zu bauen? Oder sollte ausschliesslich in der Stadt verdichtet gebaut werden?

In der Agglo sind grosse – und hohe – Würfe noch möglich

In den Vororten können neue Hochhäuser ganzen Quartieren ein neues Gesicht geben. In der bereits gebauten Stadt geht das kaum.

Selbst der eingefleischteste Baselbieter muss zugeben: Die Agglomeration ist hässlich. Ausserhalb der wenigen, meist geschützten Dorfkerne hat das Wachstum der Nachkriegszeit höchstens vereinzelt städtebauliche Highlights hinterlassen. Ansonsten dominieren Funktionalität, Monotonie und Lieblosigkeit. Das hat immerhin einen Vorteil: Man kann nichts Wertvolles zerstören. Dafür bietet sich Platz, um Neues zu wagen, um Zeichen zu setzen, um sich selber neu zu erfinden.

Pratteln macht vor, wie das am besten funktioniert: mit Hochhäusern. Noch vor wenigen Jahren ein hässliches Entlein, ist die alte Industriegemeinde mit einigen unübersehbaren Hochbauten zum Eintrittsportal Basels geworden. In Münchenstein hat der gewagte Stoll-Turm das dröge Wohnquartier darum herum vergessen lassen. Ähnliches lässt sich für Muttenz voraussagen, falls eines Tages einige über 80 Meter hohe Bauten den Unort Schänzli zu einem Ort machen, den man lieben oder hassen kann – markant wird er auf jeden Fall sein. Mit Hochhäusern gelingt, was das Standortmarketing schon lange allen Gemeinden predigt: Sich selber auf die Landkarte zu setzen.

Doch grosse – oder eben hohe – Würfe brauchen eine Tabula rasa, die sich nur die gesichts- und geschichtslose Agglomeration erlauben kann. In der engen Stadt liegt das nicht drin. Dort können einzelne Wolkenkratzer architektonisch noch so interessant sein – meist bleiben sie Fremdkörper innerhalb von gebauten Quartieren. Der Claraturm zeigt, wie umstritten Hochhäuser mitten in der eng gebauten Stadt sind. Die Stadt hat bereits ein Gesicht, die Vororte können sich noch eins geben.

Die Tragik der Agglomeration ist, dass viele ihrer Bewohner diese Chance nicht sehen wollen. Das Ideal des Einfamilienhäuschens ist nicht aus den Köpfen zu kriegen. Viele wünschen sich Hochhäuser in die Stadt – was genau der falsche Ort dafür ist.

Hochhäuser gehören in die Stadt und sonst nirgendwo hin

Verdichtetes Wohnen entfaltet seine volle Wirkung nur, wenn dadurch die Wege kurz werden. Und das ist nur in der Stadt möglich.

Hochhäuser in der Agglo bedeuten: Mehr Autos, mehr öV-Pendler, mehr Hektik in der Rush-Hour. Dazu: Mehr Strassen, mehr Trams, mehr Schienen, mehr Russ, Schmutz und Lärm.
Mehr Hochhäuser in der Stadt hingegen bedeuten: Es haben mehr Menschen die Möglichkeit, die wichtigsten Strecken zu Fuss oder mit dem Velo zurückzulegen. Sie verbrauchen weder Öl noch Strom, um zur Arbeit zu gehen. Die meisten Angebote des täglichen Bedarfs sind mit sehr kurzen Wegen erreichbar – im besten Fall sogar Grünflächen, die erhalten bleiben oder entstehen können, wenn statt in die Breite in die Höhe gebaut wird. Würden die Hochhäuser zusätzlich innerhalb der Stadt noch zu Hochhaus-Zonen zusammengefasst, kombiniert aus Hochhäusern zum Wohnen und solchen zum Arbeiten, würde dieser positive Effekt der Verdichtung sogar noch verstärkt.

Es ist doch wie in einem wohlsortierten Kleiderschrank. Es gibt gut zugängliche Abteile, dort wo beispielsweise die T-Shirts sind. Um diesen Premium-Platz bestmöglich auszunutzen, werden die T-Shirts gestapelt. Die Fussball-Stulpen, einmal im Jahr am Firmengrümpeli gebraucht, landen hingegen ganz oben rechts im Schrank. Rascher Zugang zu ihnen ist nicht so wichtig, dafür gibt es dort hinten oben jede Menge verfügbaren Platz, sodass die Stulpen nicht auf die Snowboard-Handschuhe gestapelt werden müssen, sondern problemlos daneben liegen können.

Übertragen auf das Wohnen heisst das: Basel ist die Premium-Lage für den raschen, täglichen Zugriff, dort muss also möglichst gestapelt werden. Schönenbuch hingegen ist nicht ganz so premium gelegen, nicht von der Schönheit der Landschaft her, aber von den Zugriffsmöglichkeiten, entsprechend können die Häuser dort ruhig nebeneinander liegen, wie die Snowboard-Handschuhe und Fussball-Stulpen im Kleiderschrank.

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