Roman

«Höchstens hinter vorgehaltener Hand wurde erwähnt, dass es in Surinam schwarze Ryhinerli gibt»

Mit «Im Surinam» folgt Nicolas Ryhiner den Spuren eines Urahnen, der in der Fremde sein Glück suchte – und in Basel den Tod fand.

Nicolas Ryhiner blättert in einem Zettelkasten der Allgemeinen Lesegesellschaft am Münsterplatz. «Dass es so etwas noch gibt», strahlt er. Das Ambiente passt gut zum Roman, den Ryhiner über seinen Vorfahren Johann Rudolf geschrieben hat. Der Basler Kaufmann und Plantagenbesitzer hatte sich 1824 im Schloss Ebenrain bei Sissach das Leben genommen. Er war doppelt verheiratet gewesen – in Basel standesgemäss mit Anna Pauline Streckeisen, in Surinam mit einer Mestizin. Der Suizid sollte ihm den Prozess wegen Bigamie ersparen. Seither soll es im Ebenrain spuken.

Wie ist es, mit einem Familiengespenst aufzuwachsen?

Nicolas Ryhiner: Johann Rudolf Ryhiner war tatsächlich ein Gespenst in dem Sinn, dass man in unserer Familie nicht über ihn geredet hat. Höchstens hinter vorgehaltener Hand wurde erwähnt, dass es in Surinam schwarze Ryhinerli gibt. Als Kind wusste ich nicht, was Surinam war. Mein Vater hat sich sehr für die Familiengeschichte interessiert, mir ging das sonst wo vorbei: In der Zeit, in der ich aufwuchs, war so etwas nicht angesagt. Kein Interesse also, bis ich eines Tages doch einmal nachgeschaut habe, was das eigentlich ist. Und da merkte ich: Das ist eine wunderbare Geschichte! Jede Familie steht ja in einem Zusammenhang mit jener Zeit, bei uns ist er einfach gut dokumentiert.

Obwohl kein einziges Bild von Ihrem Vorfahren existiert.

Ich könnte nicht sagen, ob es ein solches Bildnis überhaupt je gab, oder ob man es absichtlich verschwinden liess. Ich weiss nur, dass der Vorwurf der Bigamie damals eine wirklich schlimme Sache war. Johann Jakob musste Suizid begehen, um seine Seele zu retten.

Das hat ihm der Volksmund übel genommen: Selbstmörder finden keine Ruhe.

Stimmt. Aber das eine ist der Volksglaube, das andere der gesellschaftliche Druck. Damals gab es kein Ausweichen, Normen und Strukturen waren so, wie sie waren. Punkt. Es ging um den Ruf der Familie und auch um die Mannesehre: Im 19. Jahrhundert hat man sich ja auch noch duelliert. Johann Rudolf wäre zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt worden, eine Flucht hätte zu seiner Ächtung geführt. So konnte wenigstens seine Witwe ihr Ansehen bewahren und gemeinnützig wirken. Sie hat auch Geld an die Nachkommen in Surinam überwiesen.

Hat Johann Rudolf Ryhiner Zeugnis abgelegt über seine Motive?

Nein. Alles, was ich fand, habe ich in dem Buch verarbeitet, der Rest ist Fiktion. Es hat mir sehr viel Spass gemacht, in diese Zeit einzutauchen. Ich habe mir überlegt, was ich an seiner Stelle getan hätte. Da war auch eine Tendenz zur Schwermut: Johann Rudolfs Grossvater war aus dem Fenster des Seidenhofs in den Rhein gesprungen und hat sich ebenfalls das Leben genommen. Ich dachte mir, da könnte es eine Verbindung geben, eine psychologische Fährte, die in die Vergangenheit führt.

Sie erzählen Ihr Buch rückwärts.

Das war der Prozess meiner Recherche, so bin ich selber in die Geschichte gekommen, angefangen bei Johann Rudolfs letzter Nacht. Ich wusste nicht, wohin die Reise führen würde, aber ich wollte sie mit meiner Figur gemeinsam machen. Ich habe mir überlegt, was für eine Biografie die Hauptfigur haben müsste, dass sie ein solches Ende nimmt. Und weil ich nichts über seine Person wusste, habe ich eben Eigenes in die Figur übersetzt. Ob Johann Rudolf allerdings wirklich Schulabbrecher war, weiss ich nicht – das war nämlich ich selbst! (lacht) Aber diese Fluchttendenz der Figur kam mir zugute, dieses Abhauen-Wollen aus der Gesellschaft – und zuletzt aus dem eigenen Leben.

Führte Ihre Recherche Sie auch nach Surinam?

Nein, meine Reise fand im Kopf statt. Da halte ich es ganz mit Karl May ...

Das gesellschaftliche Umfeld der Ryhiner in Ihrem Buch ist von Zwängen bestimmt. Haben Sie das selbst auch so erlebt?

Ich hatte das Glück, dass mein Vater nicht so konservativ und stur war. Er kam zwar aus der Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, war Offizier und in der Studentenverbindung. Ich wollte das alles nicht. Und er hat das begriffen, meine beiden Brüder und ich konnten ihn ein Stück weit «erziehen». Aber natürlich gibt es diese Tradition, auch wenn ich nicht praktizierender «Daig» bin.

Welche Rolle spielt der Daig noch?

Ich glaube, man muss unterscheiden: Das eine ist der Mythos, der sich überlebt hat und so nicht mehr existiert. Das andere ist die Energie, die aus solchen Strukturen entstanden ist und sich in Form von Geld bündelt. Und das existiert, das ist immer noch hier, in Form von Stiftungen und Ähnlichem. Vielleicht kommt man leichter in die LDP, wenn man aus so einer Familie stammt, aber spätestens seit 1968 ist der Daig nicht mehr relevant.

Wie relevant ist dann eine Geschichte vom Daig für uns heute?

Ich wollte unsere Zeit mit hineinbringen. Die Schweiz distanziert sich ja bis heute von ihrer Beteiligung am Geschäft mit der Sklaverei, dabei werden wir jeden Tag damit konfrontiert: Handys, Jeans, Pflastersteine aus China. Und natürlich hat die Gründung der Banken in Basel und Zürich mit dem Geld aus den Kolonien zu tun.

Im Buch ist ständig von «Negern» die Rede. Hatten Sie Bedenken?

Ich glaube, es wäre falsch gewesen, ein anderes Wort zu verwenden. Es ging ja gerade um dieses Selbstverständnis, dass jemand anders ist als wir. Das ist heute natürlich anders.

Die Hauptfigur ist Ihnen nicht unsympathisch: Johann Rudolf Ryhiner ist als «humaner» Sklavenhalter auch nur ein Opfer seiner Zeit …

Damals wie heute geht es immer auch um die Frage des Anstands. Johann Rudolf wollte ein anständiger Mensch sein, glaube ich, den damaligen Gegebenheiten entsprechend. Deshalb hat er seinen Kindern in Surinam den Namen Ryhiner gegeben. Johann Rudolf war in eine Sklavin verliebt, aber er konnte sie nicht heiraten, weil ihr «Besitzer» sie nicht freigab. Und weil es in der damaligen Zeit undenkbar gewesen wäre, dass er als alleinerziehender Vater im heutigen Sinn das Kind betreut, hat er sich eine «Missi» genommen, ein Kindermädchen. Johann Rudolf hat sie geheiratet und zwei weitere Kinder mit ihr gehabt. Und das ist ihm, zumindest aus seiner Sicht, zum Verhängnis geworden.

Mit dem Buch wünschen Sie dem Geist Ihres Urahnen die ewige Ruhe. Hatten Sie schon Feedback von Johann Rudolf Ryhiner?

Nein, nein! Aber mit dem Historiker Max Triet haben wir etwas Lustiges herausgefunden: Im Schloss Ebenrain, wo sich Johann Rudolf erschossen hat, gibt es Führungen durchs Haus. Dort wird noch immer erzählt, dass der Suizid in einem bestimmten Zimmer stattfand. Nach unserer Recherche im Staatsarchiv Baselland müssen sie es jetzt anders erzählen!

Was denken Sie, wäre Johann Rudolf Ryhiner einverstanden gewesen mit Ihrer Geschichte?

Keine Ahnung, das ist so weit weg. Aber nein, wahrscheinlich wäre er überhaupt nicht einverstanden, nicht mit dem Aufdecken und nicht mit unserer Zeit. Und natürlich komme ich aus einer Familie, die es seit 500 Jahren in Basel gibt. Doch wenn man sich den Stammbaum anschaut, dann liegen zwischen Johann Rudolf und mir so viele Generationen, dass ich mit Karli Odermatt wahrscheinlich näher verwandt bin als mit ihm. Dass wir denselben Namen tragen, ist nur ein Zufall. Aber ein lustiger.

 

Buchvernissage Zunftsaal Schmiedenhof
Freitag, 4. Oktober, 19 Uhr

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