Die Basler Fasnacht ist anders: später, kürzer – voll Esprit, Witz und Schalk. Sujets, kunstvoll gestaltete Laternen, Kostüme, Larven und besonders die geistvollen Schnitzelbänke zeugen davon. Gibt es Schriftstellerinnen oder Autoren, die sich einen Namen als Schnitzelbank-Dichter gemacht haben? Wir wissen es nicht, ein ungeschriebenes Gesetz auferlegt ihnen Anonymität.

Den Beitrag der schriftstellerischen Zunft zur Basler Fasnacht kennen wir also nicht, wir wissen aber, welchen Widerhall die Fasnacht in einigen ihrer Köpfe gefunden und welche Spuren sie in den Texten hinterlassen hat. Dabei dürfen wir keine Stimmungsbilder erwarten und auch keine epischen Beschreibungen des Erlebten. Dem einen dient die Basler Fasnacht als Hintergrund für apokalyptische Visionen, dem andern ist sie Anlass für die Schilderung einer historischen Begebenheit, einem Dritten Inspiration für eine Stückidee.

Alex Capus

Alex Capus, Schriftsteller und studierter Historiker, erzählt die Geschichte der «Bösen Fasnacht zu Basel». Im Mittelalter führte der Basler Adel zur Zeit der Fasnacht gerne ein Turnier auf dem Münsterplatz durch.

1376 war der junge habsburgische Herzog Leopold III. zu Gast. Das Vergnügen endete im Tumult, und im Eptingerhof an der Rittergasse, wo die grösste Adelsgesellschaft beisammen war, floss gar Blut.

Guido Bachmann

Blut fliesst auch in der apokalyptischen Vision der Basler Fasnacht, die Guido Bachmann (1940–2003) im Roman «Die Wirklichkeitsmaschine» 1994 vorlegt. Die Hauptfigur Robert Schilo erlebt an der Fasnacht eine Art Höllenfahrt.

«Glock vier wurde die Nacht mit gewaltigem Streich vom Morgen abgetrennt. Es begann die dreitägige unerträgliche Kakophonie. Kreischen und Hämmern. Er sah, die Scheiben des Münsters barsten endlich, und das BIZ-Gebäude beim Bahnhofsschuppen krachte zusammen. Die Stadt, wie sie sich präsentierte, ein Haufe aus Schutt und Geröll, das reinste Sujet. Aus den Baugruben drang Rauch, gelber und ätzender, der im Grauen des unsäglichen Morgens die Stadt überzog, ohne dass eine chemische Fabrik in Brand geraten war. (...) Es gab nichts mehr zu essen – alle Käsekuchen, Zwiebelwähen und Mehlsuppen und Fastenwähen aufgefressen, die Stadt leergefressen.»

Schliesslich reisst sich Schilo den Datenhandschuh sowie den Displayhelm ab: Er hat eine virtuelle Fasnacht im Cyberspace erlebt.

Ulrich Becher

Harmlos dagegen die Fasnachtsanekdote von Ulrich Becher (1910–1990), dem Autor des Romans «Murmeljagd». In einem Zyklus von New Yorker Novellen, die Becher 1950 veröffentlichte, steigt ein gewisser Dr. Nightingale aus New York im Hotel Drei Könige in Basel ab. Es ist Juni, über der Stadt liegt Lindenblütenduft, da vernimmt er Trommelgeräusche.

«Pardon», sagte der Reisende zögernd.

«Jo?»

«Was bedeutet dieses Getrommel?»

«Eh nun, die Lällenclique. Die studieren für die Fasnacht.»

«Für die Fastnacht? Im Juni?»

«Präzis. Sie studieren halt das ganze Jahr.»

«So, höm. Studieren. Das ganze Jahr. Trommeln und Pfeifen?»

«Jojo. Das bedunkt Sie jetz sauglatt, hä?»

«Wie bitte?»

«Das bedunkt Sie jetz kurios.»

«Ja, wirklich. Danke für die Auskunft.»

Max Frisch

Kurios empfand auch Max Frisch (1911-1991) die Fasnacht. Sie erinnerte ihn an eine Sitte in China, wie er nach dem Besuch des Morgestraichs 1948 in seinem Tagebuch festhielt.

«(...) einmal im Jahr kommt die ganze Sippe zusammen, setzt sich im Kreis, alle verstopfen sich die Ohren mit Lehm, dann sagen sie einander die Wahrheit, das heisst, sie sagen einander alle Erdenschande, verspotten, verfluchen, verhöhnen einander, bis sie keuchen, jeder gesteht seine Ehebrüche, seine Geschäfte, seine Listen, seine Süchte, seine Ängste, gesteht und schreit, bis er heiser ist – und dann, wenn keiner mehr kann, polken sie den Lehm aus den Ohren, lächeln, verbeugen sich zierlich, begleiten einander nach Hause, laden sich gegenseitig zum Tee und leben wieder ein Jahr lang zusammen, wie es sich gehört, friedlich, höflich und gesittet ...»

Bertolt Brecht

Nur ein Jahr später, im März 1949, besuchte Bertolt Brecht (1898–1956) die Basler Fasnacht. Er war bereits als junger Mann mit seinem ersten Stück «Trommeln in der Nacht» nach Basel eingeladen worden. Binnen Stunden waren die 1300 Plätze des Stadttheaters ausverkauft; die Basler hatten ein Konzert erwartet, eine Art Drummeli, und sollen dann von der Vorstellung eher enttäuscht gewesen sein, wie sich der damalige Dramaturg erinnerte. 1949 also kommt Brecht in Begleitung seiner Mitarbeiterin und Fotografin Ruth Berlau und Freunden aus Zürich nach Basel. Am Sonntagabend besucht man eine Veranstaltung im Küchlin, am Montag den Morgestraich. Brecht erlebt die Fasnacht als Elementarereignis: Der gegen die Obrigkeit gerichtete Humor der Schnitzelbänke und die archaische Kraft des Morgestraichs begeistern ihn gleichermassen.

Seine Notizen sollten in ein neues Theaterstück münden; die Arbeitstitel lauten «Der Tod von Basel», «Der Pestkaufmann», «Die Baseler Fastnacht»: Skizziert ist die Geschichte einer Basler Kaufmannsfamilie, die aus Florenz die Pest und damit den Tod in die Heimatstadt bringt. Während der Fasnacht mischen sich pestkranke Familienmitglieder ins fröhlich-wilde Treiben der Stadt, mit fatalen Folgen. Brecht vollendet dieses Stück nicht, doch seine Erinnerungen an die Basler Fasnacht fliessen unverkennbar in die Überarbeitung seines Schauspiels «Leben des Galilei» ein, die er kurz vor seinem Tod fertigstellt.

Urs Widmer

Mit dem «Ändstraich» Donnerstagfrüh um 4 Uhr gehen die «drey scheenschte Dääg» in Basel zu Ende. Niemand hat die Melancholie und das Glück dieses Moments schöner eingefangen als Urs Widmer:

«Im Grauen des Morgens des Donnerstags – die Fasnacht offiziell seit Stunden vorbei – spielten wir, ein Dutzend übriggebliebene Pierrots, Bajasse und alte Tanten, in der Gasse vor der Hasenburg mit Ballonen Fussball. Zwanzig oder mehr rote, blaue oder gelbe Ballone; keine Ahnung, wo die plötzlich herkamen. Wir kickten sie uns anmutig zu, jeder in seiner eigenen Trance zwischen Herren in Hüten und Mänteln tanzend, die ihren Büros zustrebten. (...) Ich hatte schon eine Weile lang gehört, dass, fern von der Schifflände her, das Müllauto näher gerumpelt kam. Nun war es da. Die Mistkübelmänner sprangen von ihren Trittbrettern, und der Fahrer stieg aus seiner Kabine. Sie lachten sich an, rieben sich die Hände und griffen ins Spiel ein. Drei Männer, wie Schränke. Sie trugen auch so was wie Kostüme, orange Blaumänner; allerdings keine Masken. Sie waren bester Laune; auf Müllmännerart. Mit ihren Nagelschuhen liessen sie einen Ballon nach dem andern platzen. Ein Tritt, ein toter Ballon. Als auch der letzte ein schrumpeliger Fetzen geworden war, gingen sie zu ihrem Fahrzeug zurück und fuhren weiter. Sie winkten, und wir winkten zurück, bis sie in der Marktgasse verschwunden waren. Wir zogen die Masken aus, gingen in die Hasenburg zurück und setzten uns nochmals an einen Tisch. Noch ein Kaffee fertig, und ich machte mich auf den Heimweg.»