«Ruth?» Die Stimmen rundherum fühlen sich wie Barrieren an, die sich quer durch den Raum legen. Lauter: «Ruth?!» – «Hier bin ich doch.» Sie steht direkt hinter mir. Lautlos ist sie aufgetaucht. «Führst du mich bitte? Ich muss zur Toilette.»

Ohne Ruth Eggerschwiler und die anderen blinden oder sehbehinderten Serviceangestellten gäbe es für die Gäste im Restaurant «Blinde Kuh» keinen Weg: Niemand fände den reservierten Tisch oder den Ausgang. Es herrscht die totale Dunkelheit. Deren Schwärze lässt sich nicht überlisten. Auch wenn die Fingerspitzen bereits die Wimpern berühren, kann das Auge nichts von der Hand erkennen.

Hier serviert Ruth Eggerschwiler. Ihre Gäste holt sie im hellen Eingangsbereich des Restaurants ab. Wie eine Wächterin vor ihrem Reich steht sie im Durchgang zum dunklen Raum: die Hände auf dem Rücken verschränkt, das Kinn leicht hervorgestreckt, eine schwarze Schürze um die Hüfte gebunden. «Herzlich willkommen, ich heisse Ruth und bin heute Abend für Sie da. Wenn Sie Fragen haben, dann rufen Sie mich einfach.» In einer Polonaise führt sie ihre Gäste zu den Tischen. Wie eine Raupe, deren Kopf sie ist, windet sich die Menschenreihe um zwei Kurven, um danach in die Dunkelheit einzutauchen. An den Tischen angekommen, nimmt Ruth die Hand jedes Gastes und legt sie auf die Lehne seines Stuhls.

Ruth Eggerschwiler erfuhr im Alter von zehn Jahren, dass sie ihr Augenlicht verlieren wird. Langsam rückten die Umrisse in die Ferne, die Bilder verschwammen. Die Diagnose, eine Erkrankung der Netzhaut, erhielten auch zwei ihrer vier Geschwister. Heute kann Ruth noch hell und dunkel unterscheiden, sieht Umrisse ohne Details. Nach einer Bürolehre arbeitet sie im Dunkelrestaurant. Wenn es ein Urgestein in der «Blinden Kuh» gibt, dann sei das Ruth, sagt der Betriebsleiter, Ralph Bucherer. Seit Beginn, also seit exakt zehn Jahren, arbeitet sie in der «Blinden Kuh» in Basel. Vorher servierte sie im Zürcher Pendant.

Essen kommt durch eine Schleuse

«Ruth?» – «Ja?» Mein Gegenüber tastet hörbar hilflos über die Tischplatte: «Ich kann meine Gabel nicht mehr finden. Ich glaube, sie ist runtergefallen.» – «Kein Problem, ich bringe dir eine Neue.»

Ist die «Blinde Kuh» ausgebucht, sitzen 120 Gäste im Restaurant. Fünf Personen bedienen sie. Ruth findet ihren Weg in der «Blinden Kuh» anhand der spürbaren Linien am Boden. «Ich kenne den Raum und weiss genau, wo die Kaffeemaschine steht», sagt sie lächelnd. In der Dunkelheit befindet sich auch der Kühlschrank mit den Getränken. Dieser sei immer gleich eingeräumt, sagt Ruth. Ganz oben sind die Kaffeerähmli, ganz unten stehen Wasser- und Weinflaschen. Passiert sie die Gänge und kreuzt dabei einen anderen Mitarbeiter, ruft sie: «Service!» So vermeiden sie Zusammenstösse und klirrendes Geschirr. Im Gegensatz zu den neun Serviceangestellten sind die Köche weder blind noch sehbehindert. Damit das Licht aus der Küche nicht in das Dunkelrestaurant dringt, schieben die Köche die Servicewagen mit dem Essen durch eine Schleuse. Nur, wenn deren Türe seitens der Küche verriegelt ist, lässt sich jene im Restaurant öffnen. Damit ein Vegetarier nicht in ein Steak beisst, weist das Geschirr unterschiedliche Formen auf. So richten die Köche beispielsweise das Vegi-Menü auf Tellern mit einer Rille am Rand an.

«Ruth?» Wein tropft auf meine Hose. Der Tischnachbar stellt sein Glas wieder auf, wischt mit seiner – oder möglicherweise auch meiner – Serviette über den Tisch. Besteck klirrt, Gläser stossen aneinander. «Keine gute Idee», murmelt er. «Ruth?» – «Ja?» – «Dürfen wir noch mehr Servietten haben?»

Austausch und Sensibilisierung

An ihrem Job gefällt Ruth vor allem der Kontakt zu den unterschiedlichen Menschen. Es sei wichtig, das Gespräch zu suchen: «Nicht jeder Gast ist gleich offen für die Dunkelheit. Gewisse kommen ängstlich daher, andere marschieren zügig hinter mir her.» Einige wenige bekamen Panik in der Dunkelheit. «Das kann sein, wenn sie sich an ein früheres Ereignis erinnern. In so einem Fall führen wir den Gast schnellstmöglich ans Tageslicht», sagt Ruth Eggerschwiler.

Einmal hat ein Gast Ruth in der Stadt angesprochen. Das freute sie. «Tendenziell geht man einem Blinden auf der Strasse aus dem Weg, weil man ihm Platz lässt», sagt der Geschäftsleiter, Ralph Bucherer. Mit dem Dunkelrestaurant wolle man – neben dem Austausch – den sehenden Gästen auch die Welt der Blinden aufzeigen. «Viele kommen fast andächtig heraus und wissen ihr Augenlicht wieder zu schätzen», sagt Bucherer.

«Ruth?» – «Ja?» – «Vielen Dank für deine Umsicht heute Abend. Wir kommen wieder.»

Die «Blinde Kuh» ist von Mittwoch bis Samstag, jeweils von 18 bis 24 Uhr geöffnet. Das Dunkelrestaurant befindet sich im
Gundeldingerfeld.
Weitere Informationen unter:
www.blindekuh.ch