Corona-Virus

«Hören Sie mich?» – Wie funktioniert die Vorlesung auf dem Balkon?

Ob vom Balkon oder vom Wohnzimmer aus: Die Uni findet statt.

Ob vom Balkon oder vom Wohnzimmer aus: Die Uni findet statt.

Die Zwangsverschiebung der Uni in die virtuelle Welt ist herausfordernd – birgt aber auch Chancen.

«Hören Sie mich?» – «Ja.» – «Woher kommt dieses Rauschen im Hintergrund?» – «Silvan, du hast dein Mikrofon noch eingeschaltet.» Der Raum füllt sich mehr und mehr, einige zeigen ihr Gesicht, andere schalten sich als anonym Beobachtende ein. Die Vorlesung beginnt. Aber nicht in den vier Wänden der Basler Universität, sondern im virtuellen Raum. Und die Studierenden sitzen nicht auf Holzklappstühlen, sondern zu Hause auf dem Sofa, im Wohnzimmer, auf dem Balkon. Die innert einer Woche vollzogene Verschiebung aller Veranstaltungen ins Virtuelle ist für Studierende und Uni herausfordernd. Doch sie birgt auch Chancen.

«Einen Notfallplan für ein Szenario, bei dem Dozierende und Studierende die Infrastrukturen auf dem Campus nicht mehr nutzen dürfen, gab es nicht», berichtet die momentan vollausgelastete IT-Abteilung. Auch wenn nicht alles reibungslos gelaufen ist, sei man daher sehr stolz, die Umstellung in so kurzer Zeit gemeistert zu haben. Zwar habe die IT bereits im Voraus digitale Kommunikationsmodelle evaluiert; ein kurzfristiger Ausbau der personellen Ressourcen und Serverkapazitäten sei aber dennoch vonnöten gewesen. Die schnelle Reaktion zahlt sich aus. So können nach nur einer Woche bereits «nahezu alle Präsenzveranstaltungen» digital angeboten werden. Auch das vom New-Media-Center der Uni erstellte Online-Tutorial für die Nutzung der digitalen Kanäle bewährt sich: Diverse Schweizer Hochschulen verweisen ihre Mitarbeitenden auf die Anleitungen der Uni Basel.

«Alles, was jetzt noch dazu kommt, wird mühsam»

Bereits Anfang Februar, zwei Wochen vor dem Start des neuen Semesters, gab die Universitätsleitung in einem E-Mail erste Massnahmen gegen das Corona-Virus bekannt: Desinfektionsmittelspender in den Räumlichkeiten, keine physischen Begrüssungsrituale mehr. Ab dem 5. März ging dann alles schnell. Im Zweitagestakt verschickte die Uni-Leitung Corona-News. Erste Infektion an der Uni, Homeoffice für Risikogruppen, Aufhebung der Präsenzpflicht und dann: der Lockdown. Digitalisierung aller Veranstaltungen, Verbot von Forschungsreisen und auch die zentrale Universitätsbibliothek (UB) schliesst ihre Türen.

Eine besondere Herausforderung für jene Studierenden, die eine schriftliche Arbeit verfassen; allen voran wohl die Doktorierenden. Einer von ihnen ist der Theologiestudent Gabriel Müller, der an seiner philosophie-historischen Dissertation schreibt. Glücklicherweise hat er zum Kapitel, das er momentan verfasst, bereits im Vorfeld die benötigte Literatur ausgeliehen. Aber dabei bleibt es nicht: «Alles, was jetzt noch dazu kommt, wird mühsam», sagt Müller. So benötige er für eine Übung, die er unterrichtet, ein Buch aus dem Präsenzbestand. Da im digital verfügbaren Inhaltsverzeichnis aber keine Seitenzahlen angegeben seien, könne er keinen Kopierauftrag aufgeben.

Bei der UB ist man derweil mit Hochdruck auf der Suche nach einem neuen Konzept. Ein Gesuch zur eingeschränkten Nutzung der Bibliothek sei momentan in Bearbeitung, wie die UB-Leitung berichtet. Um den Verleih von Medien weiterhin zu ermöglichen, sei aber der Lieferdienst angepasst worden: So koste die Heimlieferung nur noch 5 statt den üblichen 12 Franken pro Medium. Das Angebot wird rege in Anspruch genommen: Ganze fünfmal so viele Pakete als üblich sind am Mittwoch versandt worden.

«Die Studierbarkeit hat höchste Priorität.» Mit diesen Worten wandte sich die Uni-Leitung vergangenen Freitag an die Studierenden. An jenem Freitag, dem 13., an welchem der Bundesrat sich für die Schliessung sämtlicher Bildungseinrichtungen entschloss. Unter den neusten Umständen bedeute dies vor allem die Vermeidung des Verlusts von Semestern: «Die Fakultäten denken über andere Prüfungsformen, Terminverschiebungen und anderes nach», so Uni-Sprecher Matthias Geering. Mittlerweile ist klar, dass die Studierenden sämtliche Leistungsnachweise digital erbringen werden.

Zurück in Silvans Wohnzimmer-Vorlesung

Die Online-Vorlesung mit Silvan ist inzwischen in vollem Gange. Die Dozentin konnte die Mikrofone der Teilnehmenden per Knopfdruck stummschalten, ebenso einfach können diese eine virtuelle Hand heben, um sich zu Wort zu melden. Mit etwas Übung kann der virtuelle Raum spontan geteilt werden, um temporäre Kleingruppen-Arbeiten zu ermöglichen. Die Dozentin kann von Raum zu Raum wechseln, um Inputs zu geben. Eine weitere Funktion des Programms erlaubt es, Echtzeit-Umfragen durchzuführen. Die Dozentin stellt eine Frage, die Studierenden geben ihre Antworten in den Computer ein und dieser übernimmt die sofortige Auswertung und Darstellung der Ergebnisse. Ausserdem kann die Dozentin ihren Computer-Bildschirm «teilen», sodass ihre Powerpoint-Präsentation auf den Bildschirmen aller Studierenden erscheint.

Die plötzliche Umstellung aller Lehrveranstaltungen ist eine Herausforderung, keine Frage. Der Ausritt in die virtuellen Gefilde birgt aber auch Chancen: «Ich habe das Gefühl, ich bin sogar produktiver, als wenn ich zur Uni gehe», meint eine Studentin. Die Umstellung und das Neue halte auf Trab, auch Eigeninitiative und Selbstorganisation würden gefördert. Es ist gerade jener Notstand, der die Uni zum Ausbau und zur Nutzung digitaler Ressourcen bewegt. Und vielleicht auch ein wenig dazu beiträgt, den Horizont über die traditionellen Unterrichtsformen hinaus zu erweitern.

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