Es braucht wenig, und man ist an der neuen Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum ganz Ohr. Wie bei dieser Denkfalle mit dem rosa Elefanten, an den man nicht denken soll und an den man aber dann sehr intensiv zu denken beginnt, rückt spätestens in der zweiten Kammer der Ausstellung das Ohr so sehr ins Bewusstsein, dass jedes einzelne Geräusch wie ein Grossereignis durchs Trommelfell rauscht, sich dann an Hammer, Amboss und Steigbügel entlang hangelt, durch die Flüssigkeit in der Gehörschnecke surft, bis es von den Sinneszellen abgefischt und als Frequenzinformation ans Gehirn weitergeleitet wird, das dann erkennt:

Kindergebrüll, ja, das ist eindeutig Kindergebrüll.

Spätestens dann, wenn alle Wahrnehmungsschleusen geöffnet sind, geht für die Besucherinnen das Spektakel erst richtig los: Krass, wie laut kleine Kinder sein können, Lärmemission Level Presslufthammer. Und da, schon wieder dieses Dröhnen aus der Apparatur in Raum zwei. Aus Kammer vier brüllt ein Tiger. Nebenan klingelt ein Handy. Wird zum Glück gleich ausgeschaltet und als Lärmquelle eliminiert. Aufatmen im Ohr.

Die Ausstellung ist ein didaktischer Vollerfolg. Die Komplexität des Organs wird stufenweise zerlegt und in einen übersichtlichen, begehbaren Parcours verwandelt, der ausserhalb der Hörmuschel beginnt und tief drin, zwischen Gehörschnecke, Bogengängen und Hirn endet. Schön anzusehen ist das alles auch. Ein Wurf mit kleinem Makel. Aber dazu später.

Zuallererst rückt das individuelle Besucherohr in den Fokus, das über eine Kamera in Überdimension an die Wand vor dem Eingang projiziert werden kann. Kleiner Tipp: Frisch gewaschen macht das mehr Spass. Was als scheinbar banales Willkommensgimmick erscheinen mag, wirft sogleich die entscheidende Frage auf: Was ist das eigentlich für ein Ding, dieses Ohr? Und warum widmen wir ihm so wenig Aufmerksamkeit?

Keine Komplimente für die Ohren

Das Ohr steht im Schatten anderer Gesichtszüge wie den Lippen, der Nase, den Augen, oder gar den Wangenknochen. Was man zum Beispiel daran erkennen kann, dass es keine Komplimente für Ohren gibt. Niemand sagt: «Sie haben aber sinnlich geschwungene Ohren». Oder: «Die Kontur ihrer Ohren geben Ihrem Gesicht einen ganz eloquenten Touch». Das berühmteste Ohr der Kulturgeschichte ist wahrscheinlich das des Malers Vincent van Gogh und das war ab.

Weitere Ohren, die es zu Weltruhm gebracht haben? Fehlanzeige. Vielleicht liegt der Reiz des Ohrs nicht in seiner Einzigartigkeit, sondern im Gegenteil, der Vielfalt. Raum eins der Ausstellung widmet sich einem Ohrenkabinett, das die verschiedensten Formen und Farben von Tier- und «Primatenohren» versammelt. Im Zentrum steht hier die Angepasstheit an die Lebenswelt: Wo es kalt ist, sind die Ohren der Tiere tendenziell kleiner, weil durch die Ohren wertvolle Wärme abfliesst.

Vom Ohrenkabinett geht es durch den Eingang einer überdimensionalen Hörmuschel ins Innere, wo die Besucherin unter einem 450-fach vergrösserten Modell der drei Gehörknochen, Hammer, Amboss und Steigbügel zu stehen kommt. Wer immer diesen drei Knochen ihre Namen gab, er muss unter einem Mikroskop gelebt haben. Wie ist es sonst zu erklären, dass derlei filigrane Knöchelchen mit Namen bedacht wurden, die an die Feingliedrigkeit einer berittenen Armee erinnern? Der Steigbügel wiegt gerade mal 2,5 Milligramm, er ist der kleinste Knochen des menschlichen Körpers.

Hammer, Amboss und Steigbügel wirken im Gehörgang wie Klangbrücken, das ist physikalisch tipptop gelöst. Aber es fällt natürlich schwer, angesichts dieser natürlichen Wunderwerks nur an Physik zu denken. Es darf auch gestaunt werden.

Eine didaktische Grenzerfahrung

Trotzdem: Ohne ein Mindestmass an Verständnis für physikalische Prozesse, macht das alles nur halb so viel Freude, die Ausstellung ist daher für Kinder ab sechs Jahren konzipiert. Die können an interaktiven Stationen auf Knöpfe drücken, Hebel verschieben und sich in einer Experimentenkammer so oft um die eigene Achse drehen, bis ihnen der Gleichgewichtssinn abhandenkommt. Sollte diese didaktische Grenzerfahrung zu einer spontanen Retrospektive auf die letzte Mahlzeit führen, so gilt: Eltern haften für ihre Kinder. Bislang ist nichts passiert.

Ein kleiner Wermutstropfen ist das Fehlen einiger Fakten zur Kulturgeschichte des Hörens. Wird unsere Welt immer lauter? Wird sie leiser? Wie geht es unserer Psyche mit der künstlichen Dauerbeschallung in der technoiden Gesellschaft? Und was bedeutet das für die Evolution unserer Ohren? Eine sozialhistorische Einbettung dieser Fragen hätte den teilweise redundanten Modellen von Knochen und Gehörschnecken noch etwas Tiefgang verpasst. Trotzdem ist «Unterwegs im Ohr» eine gelungene Ausstellung.