Die Zahl der Velounfälle unter Alkoholeinfluss in Basel ging 2014 mit 14 gegenüber 15 im Jahr 2013 nur geringfügig zurück. Rolf Thommen (47), Chef der Verkehrspolizei Basel-Stadt, und Franco Castronari (53), stellvertretender Leiter der Verkehrsprävention, äussern sich im Interview zum Thema Alkohol und Velofahren und erklären, warum auch Velofahrer aufs Trinken verzichten sollten.

Herr Thommen, die Basler Verkehrspolizei hat angekündigt, in nächster Zeit die Velofahrer systematischer auf Alkohol zu kontrollieren. Warum?

Rolf Thommen: Wir haben das in Zusammenhang mit der Unfallstatistik 2014 kommuniziert. Die Auswertung hat gezeigt, dass wir in den letzten Jahren mit relativ viel Anstrengung die Zahl der Autofahrenden, die alkoholisiert fahren, massiv reduzieren konnten. Bei den Velofahrenden hingegen gab es eine leicht zunehmende Tendenz. Wir wollen deshalb diesen Wert, wie zuvor bei den Automobilisten, in den Griff bekommen.

Sind denn bei den 14 Velounfällen unter Alkoholeinfluss, die es 2014 gab, überhaupt Personen zu Schaden gekommen?

Thommen: Es ist unterschiedlich: Zum Teil gab es keine Verletzten, aber auch Verletzte und Schwerverletzte.

Aber Fremde haben die Velofahrer nicht verletzt, nur sich selber?

Thommen: Das stimmt.

Betrifft die Entscheidung, mit zwei oder drei Stangen Bier Velo zu fahren, also nicht hauptsächlich den Velofahrer? Schliesslich gefährdet er sich vor allem selbst.

Thommen: Das ist richtig. Wenn er einen Unfall hat und verletzt wird, muss er die Schmerzen aushalten. Aber es gibt auch die sozialen Kosten: wenn er arbeitsunfähig ist, liegen diese nicht bei ihm, sondern bei der Gesellschaft. Ausserdem verläuft nicht jedes Jahr wie 2014. 2013 gab es zwei Unfälle (zwar jeweils ohne Alkohol) mit Velofahrenden, wo jeweils der Fussgänger so schwer verletzt wurde, dass er danach verstorben ist. Das Gefährdungspotenzial für Dritte ist also durchaus vorhanden.

Was passiert, wenn ein Velofahrer mit mehr als 0,5 Promille erwischt wird?

Thommen: Die Polizei verzeigt die Person an das Strafbefehlsdezernat – es gibt keine Ordnungsbusse, sondern ein Strafverfahren. Von der Administrativbehörde erhalten sie ein Velofahrverbot.

Aber kontrollieren Sie die Velofahrverbote überhaupt?

Thommen: Die Prüfung, ob ein Velofahrverbot vorliegt, ist mit einem grösseren Aufwand verbunden und wird nicht bei jeder Kontrolle durchgeführt. Es kann aber durchaus vorkommen, dass auch dieser Punkt überprüft wird.

Franco Castronari: Es kann natürlich sein, dass man die betreffende Person kennt. Dann schaut man nach, ob sie ein Fahrverbot hat.

Der Leiter der Unfallforschung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft vertritt die Auffassung, es brauche unterschiedliche Promillegrenzen für Velo- und Autofahrer. Sonst wäre der Reiz zu gross, statt des Velos doch das Auto zu nehmen. Wie sehen Sie das?

Thommen: Wir müssen uns natürlich als Polizei an die gesetzlichen Grundlagen der Schweiz halten. Dabei sind die Bussenansätze für Velofahrer tiefer als für alkoholisierte Autofahrer. Aber die Promillegrenze ist die Gleiche.

Castronari: Ich würde sogar widersprechen: An und für sich müsste man den alkoholisierten Velofahrer aus präventiver Sicht stärker bestrafen als den Autofahrer, weil er eine grössere Sturzgefahr hat als der Autofahrer, der im Auto sitzt. Der Gleichgewichtssinn ist auf dem Velo stärker beeinträchtigt wie wenn Sie mit dem Auto fahren.

In Deutschland hat eine Studie nachgewiesen, dass Velofahrer sogar noch mit 1,6 Promille korrekt gefahren sind. Da liegen Welten zwischen den beiden Ländern.

Thommen: Da fragt sich natürlich, wie man korrektes Fahren definiert. In der Schweiz sagt die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU gestützt auf rechtsmedizinische Studien und Gutachten, dass die Wahrnehmung und das Sichtfeld ab 0,2 Promille eingeschränkt sind und die Reaktionszeit verkürzt ist. Es kann sein, dass jemand mit 1,6 Promille noch korrekt einen Parcours fährt, aber wenn dieser Person jemand vor das Velo läuft, kann sie nicht mehr angemessen reagieren. Das Problem ist nicht, von A nach B zu fahren. Es darf nur nichts Unvorhergesehenes passieren.

Aber Autofahren unter Alkoholeinfluss ist doch für andere viel gefährlicher als das Velofahren.

Thommen: Nicht unbedingt. Es gibt auch Autofahrer, die in Baustellenabsperrungen fahren oder ins Tramgleis, wodurch nur materielle Schäden entstehen. Es ist nicht gesagt, dass jeder Autofahrer aufgrund eines Alkoholunfalls jemanden verletzt. Natürlich hat ein Velo vom Gewicht und der Geschwindigkeit her ein kleineres Gefährdungspotenzial, aber das ist unabhängig vom Alkohol. Ein Lastwagen kann auch einen grösseren Schaden anrichten als ein PW.

Castronari: Ein Problem könnten die neuen E-Bikes mit Geschwindigkeiten von bis zu 45 Stundenkilometern werden. Sie sind im Kommen. Mit Alkohol und höherer Geschwindigkeit entsteht da ein neues Gefährdungspotenzial.

Thommen: Rechtlich werden die E-Bikes wie Velos behandelt.

Ich finde trotzdem, dass Sie aufgrund der geringeren Gefährdung durch Velofahrer die Prioritäten bei den systematischen Velokontrollen falsch setzen. Die Polizei hat ein breites Aufgabenspektrum. Gibt es da nicht Wichtigeres zu tun?

Thommen: Wir erfüllen unsere Aufgaben und haben keineswegs gesagt, dass wir nun einen Schwerpunkt Velo und Alkohol machen und dafür etwas anderes nicht mehr. Eine unserer Aufgaben ist die Fahrfähigkeitskontrolle, und da wollen wir den Blick mehr auf die Velofahrer richten. Wenn wir vorher 99 Prozent Autofahrer und 1 Prozent Velofahrende kontrollierte haben, sind es nun vielleicht 3 Prozent Velofahrende. Die Kontrollen laufen dabei gemischt. Es kann aber auch einmal sein, dass wir an einem Ort kontrollieren, an dem es mehr Velofahrende als Autofahrer gibt.

Was heisst das? Muss man jeden Tag in Basel damit rechnen, in eine Kontrolle zu fahren?

Thommen: Das ist schon heute so.

Ist das nicht erstaunlich, dass in Deutschland Velofahren mit 0,5, 0,6, 0,8 oder gar 1,1. Promille ungebüsst bleibt, aber die Schweiz so viel strenger ist? Können Sie sich das erklären?

Thommen: Ich kenne mich im deutschen Gesetz zu wenig aus. Bei uns aber sind Velofahren und Autofahren von der Promillegrenze her schon immer gleich behandelt worden. Mich erstaunt der Unterschied insofern, als die Verkehrsmediziner ja auch international zusammen arbeiten.

Ich habe den Eindruck, viele wissen gar nicht, was Velofahren unter Alkoholeinfluss für Konsequenzen haben kann. Stimmt das?

Thommen: Dass sie ab einem bestimmten Alkoholgehalt nicht mehr fahren dürfen, wissen eigentlich die meisten – aber sie kennen die Promillegrenze nicht. Aus den Wolken fallen sie, wenn sie von der Höhe der Busse erfahren.