Analyse

Homosexuelle, bitte versteckt Euch nicht mehr!

Küssen erlaubt: Schwule sollten ihre Zuneigung nicht nur bei Demos in der Öffentlichkeit zeigen. (Keystone / Boris Pejovic)

Küssen erlaubt: Schwule sollten ihre Zuneigung nicht nur bei Demos in der Öffentlichkeit zeigen. (Keystone / Boris Pejovic)

Eine Analyse zu den politischen Forderungen nach Schwulen- und Lesbenrechten.

Haben Sie sich auch schon dabei ertappt, wie Sie zweimal hingeguckt haben, als sich schwule oder lesbische Paare in der Öffentlichkeit geküsst haben? Und als Sie die Zwei fertig gemustert hatten: Beschlich Sie da nicht auch ein Schamgefühl – schliesslich leben wir im 21. Jahrhundert, ein homosexuelles Pärchen sollte kein Hingucker mehr sein. Bevor Sie sich selber geisseln: Selbst den liberalsten Mitmenschen kann dies passieren. Schwule und Lesben, die ihre sexuellen Präferenzen in der Öffentlichkeit ausleben, fallen in Basel bis heute genauso auf wie Punks mit blauen Irokesenfrisuren. Hingucken ist daher ein Reflex, der mehr über die Gesellschaft aussagt als über Ihre eigene, ganz persönliche Toleranz.

Dass wir auch in Basel Aufholbedarf haben, fällt einem, sagen wir mal, durchschnittlichen heterosexuellen Medienkonsumenten, gar nicht so auf. Wir lesen über ferne Länder wie Brunei, Kenia oder Irak, in denen die Homosexualität unter Strafe steht – erbärmlich. Wir entsetzen uns über machoide Staatslenker wie Jair Bolsonaro, die gegen Schwule und Lesben wettern – entsetzlich. Und wir stellen mit Genugtuung fest, dass in unserer Stadt auf breiter Front für die Rechte von Schwulen und Lesben gekämpft wird. Staatsstellen für deren Gleichstellung sollen geschaffen werden, Statistiken über Gewalttaten an Homosexuellen erfasst, Schulungen der Verwaltung durchgeführt, bei denen auf Schwulenfeindlichkeit sensibilisiert wird. Wer als Basler Politiker öffentlich gegen Schwule oder Lesben schimpft, der schaufelt sich sein eigenes Grab.

Mit der gesellschaftlichen Offenheit ist es hingegen im Basel, das sich besonders gerne als weltoffen und tolerant gibt, nicht weit her. Eine lesbische SP-Grossrätin gestand gestern in der bz: Wenn sie an ein Fest geht, überlegt sie sich zweimal, ob sie dort ihre Freundin küssen darf. Und Konflikten, das sagt der Gay-Basel-Gründer, gehe man in dieser Stadt am besten aus dem Weg, wenn man seine sexuelle Neigung verberge. Es tut weh, so etwas zu hören, doch wie kommt es, dass die Gesellschaft der Politik derart hinterherhinkt? Die Antwort ist trivial.

Anders als andere Minderheiten konnten und können sich die Schwulen und Lesben den Blicken von anderen entziehen; etwa, indem sie in der Öffentlichkeit nicht Händchen halten oder küssen. Andere hatten es schwerer: Dunkelhäutige können die Hautfarbe schlecht wechseln, wenn sie durch die Strassen spazieren. Viele Jahre ist es nicht her, dass die Menschen Schwarzafrikanern hinterher guckten, wenn sie durch die Steinenvorstadt liefen; viele Dunkelhäutige mussten sich auch rassistische Sprüche anhören. Es wird ihnen ein schlechter Trost sein, doch sie halfen mit, eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit gegenüber andersfarbenen Menschen zu entwickeln. Dunkelhäutige müssen sich heute nicht vor rassistischen Sprüchen fürchten, wenn sie in Basel aus dem Haus gehen. Sie gehören dazu – und, um einen ehemaligen (homosexuellen) Berliner Bürgermeister zu zitieren: Das ist gut so.

Homosexuelle indes haben in Basel ein Versteckspiel etabliert – nur einzelne Kultfiguren zelebrieren in dieser Stadt ihre sexuelle Ausrichtung. Man kennt den bekannten schwulen Friseur, den extrovertierten schwulen Kellner, den schwulen Kolumnisten. Aber den homosexuellen Otto-Normalverbraucher kennt man nicht, obwohl jeder zehnte Mensch schwul oder lesbisch ist. So sehr der moralische Appell an die Heterosexuellen gerichtet werden soll: Der Ball liegt vermutlich bei den Betroffenen selbst. Es liegt an ihnen, aufzurütteln. Sich in der Öffentlichkeit zu küssen und zu umarmen, für ihre Rechte zu demonstrieren. Vielleicht kommt doch irgendwann der Moment, an dem man sich als Heterosexueller nicht dabei ertappt, verstohlen zu einem schwulen Pärchen rüberzuschauen.

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