Frau Kar, fünf Jahre lang haben Sie im Namen von Hüsnü gute Ratschläge gegeben. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Güzin Kar: Ich wollte das allgegenwärtige Expertentum parodieren. Wir erklären uns zusehends zu Laien des eigenen Daseins und erhoffen uns Ratschläge von Fachleuten, die uns sagen, wie wir schöner, gesünder, reicher, gelassener und sexier werden können. Hüsnü ist das Gegenteil eines Experten: Er hat keinerlei Qualifikation, aber zu allem etwas zu sagen.

Bislang kannte man die Figur des Türken mit schlechtem Deutsch vor allem von Comedy-Nummern aus dem Radio und Fernsehen. Worin liegt der Reiz für Sie das zu verschriftlichen?

Das geschriebene Wort ist vielleicht die letzte Bastion des Bildungsbürgertums. Die lustigen Fremden werden im Film und auf der Bühne zwar gern gesehen, aber in klar zugeteilten Rollen. Ich wollte aber einen, der in die Schrift eindringt und mit seinem «Tiefdeutsch» sogar das Land berät.

Hüsnüs Deutsch ist der Albtraum jedes Korrektors. Haben Sie sich eine spezielle Grammatik überlegt oder einfach drauflos geschrieben?

Falsches Deutsch ist noch schwieriger als korrektes. Man muss aufpassen, dass man nicht zu manieriert wirkt, sondern die Sprache so verunstaltet, dass sie trotzdem echt und unverwechselbar wirkt. Hüsnü hat eine klare Grammatik. Er schreibt «mein Mutter und meine Vater» und Steigerungsformen werden bei ihm mit «mehr» gebildet, zum Beispiel: «Das ist ein noch mehr schwerige Frage».

Wie stark haben Sie den Charakter von Hüsnü vor der ersten Kolumne skizziert. Wie sehr hat er sich einfach entwickelt?

Ich wusste von Anfang an, er liebt Frauen, Bier und Bratwurst. Das ist doch mal ein guter Anfang. Allerdings entwickelte er von der ersten Kolumne an ein Eigenleben, sodass ich heute von seiner Existenz überzeugt bin. Es gibt diesen Typen wirklich.

Und wie ist er so?

Hüsnü Haydaroglu ist ein grosser Menschenfreund, wobei er die Frauen natürlich ein wenig mehr liebt als die Männer. Was ihn besonders auszeichnet, ist seine Ziellosigkeit im Leben und die Fähigkeit, das Grosse selbst im Winzigen zu erkennen. Karrieredenken, das Streben nach materiellen Gütern und Kleingeistigkeit sind ihm dagegen fremd.

Hüsnü löste zum Teil heftige Reaktionen aus. Haben Sie das so erwartet?

Man kann nicht auf diese Weise schreiben, ohne sowohl Befremdung als auch Begeisterung auszulösen. Wären die Reaktionen zahm ausgefallen, hätte ich mir Vorwürfe gemacht.

Gab es bei den Reaktionen Unterschiede zwischen Personen mit türkischem Migrationshintergrund und Schweizern?

Die Unterschiede verliefen nicht entlang sozialem Status, Herkunft oder Geschlecht, sondern nach Erwartungshaltung. Anfangs hofften viele auf einen politischen Hüsnü, der einen kritischen Blick auf die Schweizer Gesellschaft werfen sollte, eine Art Simplicissimus, der uns auf schelmenhafte Art läutern würde. Als klar wurde, dass dieser komische Schnurrbart es nicht auf die Politik, sondern auf unsere Herzen abgesehen hat, gingen die Aggressionen bei einigen erst richtig los. Bei anderen setzte dafür ein neues Interesse ein.

Meistens behandelt Hüsnü typische Briefkastenonkel-Probleme. Sie selber äussern sich immer sehr pointiert zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Haben Sie da bewusst eine Grenze gezogen?

Ja, absolut. Hüsnü interessiert sich nicht für Politik, und er liebt alle Menschen, egal, ob diese links, rechts oder gar nicht wählen. Wobei auch für mich nicht die politische Aussage im Vordergrund steht, sondern der sprachliche Ausdruck. Ich suche nach Poesie, nicht nach Politik. Was ich aber in den anderen Kolumnen an Sprachfinessen aufbaue, kann ich mit Hüsnü freudig kaputt schlagen.

Mit der heutigen Kolumne gibt Hüsnü seinen Abschied. Wie geht es mit ihm weiter?

Der Abschied fällt ihm nicht leicht, wie er mir gestand. Er hat ja noch seinen Job im Call Center, macht aber erst mal zwei Wochen Ferien in Dietlikon, wo er durch Auto- und Möbelhäuser streift. Was er langfristig plant, weiss man bei ihm nie.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ab Ende Februar wird meine Serie «Seitentriebe» im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt, ich schreibe bereits an der zweiten Staffel. Ausserdem schreibe ich Texte für ein Stück des Schauspielhauses Zürich in Zusammenarbeit mit dem jungen Theater Basel, das im Mai Premiere hat. Und vielleicht besuche ich dazwischen mal Hüsnü in Pratteln und rede mit ihm über Leben, Liebe und Bratwürste.