Kürzlich ist der neunte Krimi um den Kriminalkommissär Hunkeler erschienen. In den Büchern spielen das Elsass und Südbaden oft eine grosse Rolle. Wir haben den Autor Hansjörg Schneider (77) in seinem Zweitdomizil im Südschwarzwald getroffen und im Gespräch vor allem Hunkeler, Schneider und das Dreiland thematisiert. Die Hälfte des Jahres wohnt er in einem Appartement im Hotel Engel in Todtnauberg, die andere Hälfte in Basel.

Herr Schneider, warum ist Geschichte in den Hunkeler-Krimis so wichtig?

Hansjörg Schneider: Erst mal interessiert mich Geschichte immer und zweitens ist die Geschichte des Elsass schon sehr speziell. Sie spielt bis heute eine sehr grosse Rolle. Einmal war es verboten, Französisch zu reden, dann war es verboten, Elsässer Dialekt zu reden und jetzt müssen wieder alle Französisch sprechen.

Und warum ist das Elsass öfter Thema als Südbaden? Weil es da mehr zu erzählen gibt?

Nein. Einfach, weil wir dort 20 Jahre ein Haus hatten und ich deshalb diese winzige Gegend, das Hundsbachtal, sehr gut kenne. Die beschreibe ich gern und ich beschreibe gerne das Haus, das mir schon seit langem nicht mehr gehört. Ich schicke den Hunkeler immer noch gerne in dieses Haus. Das ist Erinnerung – Nostalgie. Ich überlege immer wieder, ob ich nicht einen Hunkeler schreiben soll, der in Todtnauberg spielt, weil ich mich da inzwischen auch sehr gut auskenne.

Gibt das Elsass historisch nicht viel mehr an Reibungspunkten her als Südbaden?

Das glaube ich nicht. Auch das Markgräflerland und das Wiesental haben Supergeschichten. Die muss man nur suchen.

Hunkeler bewegt sich wie ein Fisch im Wasser in der Grenzregion. Gibt das den Romanen einen besonderen Drive? Setzen Sie das bewusst ein?

Ich finde das Dreiland enorm spannend und eine sehr, sehr schöne Gegend. Es ist ein kleines Europa und es funktioniert in der Regel ziemlich gut zwischen diesen drei Ländern. Auch gibt es in der Schweizer Literatur keine klassischen grossen Romane über Basel – so wie sie zum Beispiel Gottfried Keller über Zürich geschrieben hat oder Gotthelf über das Emmental. Wenn man das Elsass und das Markgräflerland dazu nimmt, ist das eine Region, die noch nicht in Romanen beschrieben wurde. Ich schreibe wahnsinnig gerne Geschichten aus diesem Gebiet. 

Manchmal gibt es auch Reibungspunkte: zum Beispiel zwischen Basler und französischer Polizei.

Das ist natürlich spannend für einen Krimi – wobei ich das alles erfunden habe. Ich weiss natürlich, dass es Schwierigkeiten gab. Aber das sind Randthemen, die im Krimi immer wieder bedient werden. Ich finde es verrückt: Wenn man bei Hégenheim über die Grenze fährt, wird es sofort anders. Die Häuser sind anders, auch die Bäume scheinen anders zu sein. Es ist eine andere Atmosphäre, ein anderes Tempo im Leben. Und das so nahe bei Basel. Wenn Sie von Basel eine Viertelstunde nach Osten oder Süden fahren, ändert sich gar nichts. Kommt natürlich dazu, dass ich immer ein wenig frankreichbezogen war. Ich bin oft in Paris gewesen und das ist immer noch meine Lieblingsstadt. Das Elsass ist natürlich nicht Paris, aber ich habe es gern und in Hégenheim können Sie wunderbare Baguette kaufen.

Lernen Sie bei den Recherchen zu Ihren Büchern noch dazu?

Ja. Zum Beispiel über die elsässischen Zwangseingezogenen im Zweiten Weltkrieg. Als ich über die jungen Elsässer von Ballersdorf schreiben wollte, die bei der Flucht in die Schweiz erwischt und dann grossteils hingerichtet wurden, gab es komischerweise kaum Informationen darüber. Die Elsässer wollen das vergessen. Die haben die Nase voll. Erst in der französischen Uniform kämpfen, dann in der deutschen… Auf der Mairie habe ich nichts erfahren. Allerdings gibt es noch heute in Knoeringue einen über 90-jährigen Mann, der damals entkommen ist und gerne darüber erzählt.

Hilft der Dialekt beim Gespräch mit den Leuten?

Ich finde schön, dass wir hier im Dreiland den gleichen Dialekt reden. Ich spreche auch in Todtnauberg immer Schweizerdeutsch mit den Leuten. Bei den Recherchen zu Ballersdorf wollten die Leute erst nichts sagen. Nach einer Viertelstunde aber redeten sie wie ein Buch. Ich glaube, das ging nur, weil wir beide Dialekt gesprochen haben. Auf Französisch würde das nicht funktionieren. Ausserdem verstehe ich mich sehr gut mit einfachen Menschen.

Stirbt der Dialekt im Elsass aus?

In den grenznahen Gebieten, wo die Leute nach Basel zur Arbeit fahren, glaube ich das nicht. In manchen elsässischen Dörfern gibt es aber Lehrerinnen, die kein Wort Elsässisch können und nur Französisch reden. Und die Grosseltern, die noch Elsässisch sprechen, sterben aus. Ich nehme an, dass in 50 Jahren nur noch Leute Elsässerdeutsch reden, die das wirklich wollen und pflegen. Schweizerdeutsch aber wird nicht aussterben. Der Markgräfler Dialekt hingegen schon. Die Kinder reden hier Hochdeutsch.

Ist das ein Verlust für die Region?

Das ist immer so eine Frage. Die Sprache verändert sich halt und passt sich den Begebenheiten an. Natürlich ist es immer ein Verlust, wenn eine Sprache oder ein Dialekt verschwindet. Aber man kann das nicht aufhalten. Wenn man es beklagen will, soll man es beklagen. Ich will das nicht.

Regelmässig äussern sich Elsässer – und nicht nur die – rassistisch in den Krimis. Der Front National schneidet gut ab im Elsass. Woran liegt das Ihrer Meinung?

Was die Sozialisten mit François Hollande bisher gemacht haben, ist Stumpfsinn. Die Steuern sind derart hoch, dass alle reichen Franzosen wegrennen. Dieses zentralistische, königliche Regieren rächt sich. Weder in Deutschland noch in der Schweiz gibt es das, dass die Regierung so abgekoppelt von der Bevölkerung ist. Es wurde nichts wirklich verbessert. Der Erfolg von Marine Le Pen hat viel damit zu tun, dass die Leute sich nicht ernst genommen fühlen. Für mich hat das viel mit Protest und Unzufriedenheit zu tun. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Franzosen wirklich Rassisten sind. Ich betrachte Frankreich als ein sehr humanes Land.

Hunkeler hat oft eine zwiespältige Haltung zu Basel. Wie geht es Ihnen mit der Stadt?

Ich bin freiwillig hergekommen. Mir gefällt, dass Basel eine Grenzstadt ist – hier hockt man nicht mitten in der Schweiz wie in einem Kuhfladen, sondern eben an der Grenze. Ausserdem ist Basel sehr liberal und aufgeschlossen. Je älter ich werde, desto schöner finde ich die Stadt. Dabei bin ich kein Basler, ich stamme aus Zofingen und rede kein Baseldeutsch. Ich finde, Basel bietet so viele Vorteile wie eine Grossstadt und ist dabei doch relativ klein. Dabei kommt die Stadt in den Medien nur am Rande vor, denn die sitzen in Zürich. Dabei gibt es hier mit Roche und Novartis Konzerne von Weltbedeutung. Dass die Chemie die Stadt im Griff hat, ist natürlich. Und Hunkeler muss über Basel auch motzen, damit er ein Aussenseiter bleibt.

Irgendwie ist Hunkeler ein Anarchist. Ist ein derartiger Polizist überhaupt realistisch?

Die ersten Bücher habe ich dem Basler Kriminalkommissär Markus Melzl zum Gegenlesen gegeben. Er hat mir gesagt, dass eine derartige Figur bei der Basler Polizei heute nicht mehr möglich wäre. Aber ich solle es so lassen.

Im letzten Band ist der Kommissär pensioniert. Wird es trotzdem noch einen weiteren Hunkeler-Roman geben oder war das der letzte?

Ich denke wieder an einem herum. Es gibt noch jede Menge Themen, und er würde wieder hier in der Region spielen. Im letzten Hunkeler geht es um die Flucht aus Nazi-Deutschland nach Riehen. Ich habe davon aus dem Buch von Lukrezia Seiler «Fast täglich kamen Flüchtlinge» erfahren. In meinem Buch äussert sich Hunkeler zum ersten Mal über Schweizer Geschichte und wird auch das erste Mal als überzeugter Schweizer dargestellt. Auch habe ich ihm mit meinen privaten Erinnerungen aus Paris erstmals einen Teil meiner Biografie gegeben; das hat mit dem Krimi gar nichts mehr zu tun, aber es funktioniert. Für eine Autobiografie finde ich den Ton nicht. Dabei lassen mir die Krimis, so wie ich sie schreibe, viele Möglichkeiten, auch andere Dinge zu beschreiben. Der Krimi ist eine wunderbare literarische Form, mit der man spielen kann. Hunkeler ist dabei zu einer Marke geworden; das kaufen die Leute. Die Verfilmungen mit Mathias Gnädinger waren enorme Multiplikatoren – das gefällt mir. Die sind über 3 Sat auch in Deutschland gelaufen und einer lief auf Französisch auf Arte. Leider ist Gnädinger gestorben. Ich weiss nicht, ob es noch mal einen Film gibt.

Was würde Hunkeler als überzeugter Schweizer zu einem EU-Beitritt sagen?

Darüber muss man gar nicht reden. Es gäbe eine Volksabstimmung und es ist völlig unvorstellbar, dass das Volk der eigenen Entmachtung zustimmt. Ausserdem ist die EU gewaltig am Wackeln. Dabei geht es gar nicht anders, als dass sich Europa zusammenschliesst. Die EU hat wegen der Masseneinwanderungsinitiative, mit der die Schweiz die Zuwanderung selber bestimmen will, Zeter und Mordio geschrieben. Inzwischen sagen aber viele EU-Staaten selber, dass sie mit der Zuwanderung Schwierigkeiten haben. Zehn Jahre lang jedes Jahr 80 000 oder 100 000 neue Einwohner in der Schweiz – ich weiss nicht, ob das wünschenswert ist.

In den Krimis ärgert sich manchmal jemand, dass die Elsässer in der Schweiz Franken verdienen und billig in Euro leben. Aufgrund der Wechselkursprobleme möchten manche Schweizer Betriebe die Grenzgänger in Euro bezahlen. Finden Sie das richtig?

Natürlich versuchen die das. Das ist ja klar. Da muss man halt miteinander streiten und verhandeln. Der Kurs wird immer schwanken, solange er nicht fest an den Euro gebunden ist. Manchmal profitieren die Grenzgänger, manchmal die Arbeitgeber. Aber was ich sensationell finde, ist, dass man es selbstverständlich findet, dass täglich 60 000 Grenzgänger zur Arbeit in die Nordwestschweiz kommen. Mit den Familien ist das bereits eine grössere Stadt von 200 000 Leuten. Und das funktioniert tadellos ohne grosses Tamtam. Beide Seiten profitieren.

Einmal versucht Hunkeler, einen Profimörder auf dem Flughafen festzunehmen. Das führt natürlich zu Ärger mit der französischen Polizei. Derzeit gibt es den Steuerstreit um den Euro-Airport oder die ungeliebte Gebietsreform.

Das ist halt Paris. In diesem zentralen Staat ist alles auf Paris ausgerichtet. In der Schweiz kann sich niemand vorstellen, dass alles von Bern aus entschieden wird. Das würde sofort einen Aufstand geben. Aber in Frankreich ist das halt so. Am Schluss wird sich Paris durchsetzen.

Derzeit ist der Einkaufstourismus ein Reizthema. Was sagen Sie dazu?

Natürlich protestieren die Detailhändler in Basel. Aber wenn jemand 20 oder 30 Franken beim Einkauf sparen kann, dann macht er das halt. Das ist logisch. Ich sehe das bei meinem neuen Buch. Das kostet in der Schweiz 32 Franken und in Deutschland 22 Euro. Da kann es sein, dass es jemand in Weil kauft. Ich kaufe den «Spiegel» auch nicht mehr in der Schweiz, weil ich den Preisunterschied, der durch nichts begründet ist, absurd finde.

Also Sie finden nicht, man sollte aus patriotischen Gründen in der Schweiz einkaufen?

Was nützt das, wenn ich das finde? Gar nichts. Ich kaufe auch in Deutschland ein, ich bin ja nicht in einem Schweizer Hotel, sondern in einem deutschen.

Und sie kriegen kein schlechtes Gewissen?

Nein, überhaupt nicht.