Um genau zu sein hat sie kein einziges brennendes Auto gesehen. Franziska Stier (32) lag schon im Bett, als Krawallanten in der Nacht auf Freitag anfingen, Autos in Brand zu setzen. Zuvor sass sie entspannt vor dem autonomen Zentrum «Rote Flora». Sie bekam noch mit, wie «aus dem Nichts» fünf Polizeiwagen durch das Quartier «bretterten». «Alle empfanden diesen Auftritt als Provokation», sagt sie.

Was danach geschah, hat sie nicht gesehen. Sie wollte am nächsten Tag nicht übermüdet zur Sitzblockade erscheinen, deren Ziel es war, «den Gipfel zu blockieren und die Inszenierung der Macht zu brechen» – und ging kurz nach Mitternacht heim. Selbst wenn Stier die wüsten Szenen mitbekommen hätte – es wären kaum die wichtigsten Fotos auf ihrem PC.

Für das linke Politik-Magazin «Beobachter News» war die Parteisekretärin der «Basta» am vergangenen Mittwoch nach Hamburg gereist, um die Proteste gegen den G20-Gipfel zu dokumentieren. Mitgebracht hat sie Hunderte Fotos – und etliche Erfahrungen, die selbst sie als routinierte Demonstrantin bisher an keiner Demo gesammelt hat.

Plötzlich spritzte Polizei Pfeffer

Donnerstag, 16h, es ist heiss und entspannt. Auf der Bühne am Fischmarkt spielen Bands, die Zuschauer freuen sich auf die «Welcome to hell»-Kundgebung. Um 19 Uhr reihen sich die Demonstranten ein, zuvorderst stehen Vertreter jener Gruppe, die gemeinhin als «Schwarzer Block» bezeichnet wird. Stier stellt sich mit all den anderen Journalisten hinter die teils vermummten Demonstranten. Sie bekommt mit, wie viele von ihnen der polizeilichen Aufforderung folgen und die Vermummung ablegten. Viele, aber nicht alle.

Ob die Polizei darum «unvermittelt», wie Stier sagt, Pfefferspray und Wasserwerfer einsetzt? Ob sie deswegen den Zug einkesselt und daran hindert, weiter zu gehen? Stier ist mitten drin. Sie bekommt Tränengas ab, hustet wie verrückt und übergibt sich. Die Kamera hält sie in der Hand. Drückt ab, wieder. Polizisten in Vollmontur, fliehende Demonstranten, schlagende Polizisten.

«Ich habe nicht alles gesehen. Aber die Vermummung einiger darf kein Grund sein, eine friedliche Demo mit 12 000 Teilnehmern, die meisten davon bunt gekleidet, zu stoppen?»

«Nichts mit linker Politik zu tun»

Stier hat nicht mitbekommen, welche Bilder die Berichterstattung am Wochenende dominierten. Sie war selber mit Berichterstatten beschäftigt. Inzwischen weiss sie: Es waren Bilder roher Gewalt. Sie sagt: «Das eigene Quartier zu zerstören hat nichts mit linker Politik zu tun.» Und relativiert im nächsten Satz: «Ich bin sicher, dass die wenigsten der Leute, die Autos anzündeten und plünderten, am nächsten Morgen an den Sitzblockaden teilnahmen.»

Und trotzdem sei die Polizei auch dort massiv eingefahren. Mit Wasserwerfern und Pfefferspray – und das in Vollmontur. Es galt, die Blockaden aufzuheben. Das gelang der Polizei auch.

Erfolgserlebnis Melania Trump

«Unser Ziel haben wir dennoch erreicht», sagt Stier. «Der Gipfel fing später als geplant an und Melania Trump konnte nicht am Partnerprogramm teilnehmen.» Ihr ist klar, dass sich an der Weltpolitik deshalb nichts ändern wird, aber, so sagt sie: «Wir haben den Mächtigen gezeigt, dass sie an uns nicht vorbei kommen.» Als sie nach drei Tagen Hamburg im Zug sass und fast schon in Basel war, brach sie zusammen. «Ich glaube, es dauert noch eine Weile, bis ich begreife, was alles passiert ist.»

Selber gehört sie nicht zu den Medienvertretern, denen die Akkreditierung während des Gipfels entzogen wurde, denn sie hat gar nicht erst eine beantragt. Bloss bei den Demos war sie zugelassen. «Und dort fühlte ich mich wie eine Getriebene. Zum ersten Mal belächelte ich Journalisten, die einen Helm tragen, nicht mehr.»

Auch solche Bilder sind auf ihrem PC gespeichert. Vor allem aber sind es Bilder von bunten Menschenzügen. Stier hat die Fotos aufgenommen, bevor die Proteste eskalierten und Verursacher wüster Szenen mehrheitlich friedlichen Demonstranten die Show stahlen.