Bis auf die Musik, die spielte, war es leise in diesem uralten Dorf in der südwestchinesischen Tee-Provinz Yunnan. Ein Mann bot Silvia Boss ein Stück Brot an, sie kaufte es ihm ab. Und weinte. «Dieser Mann, das ganze Dorf, die Luft dort, die vielen alten Leute – all das hat mich so berührt.»

Dieses Erlebnis liegt acht Jahre zurück. Losgelassen hat es die 56-Jährige nie. Kein Tag verging, an dem sie nicht an die zwei mehrwöchigen Reisen durch China dachte. Kein Tag, an dem sie nichts in der Hand hatte, das aus den Bergen dort stammt, von einem Markt, aus einem Antiquariat, aus den Händen eines Bauern.

Silvia Boss ist Rahmenmacherin, korrekt: Vergolderin. So heisst der Beruf, den sie im Alter von dreissig Jahren erlernte. Ziemlich spät für die erste Ausbildung, doch nach Jahren auf der Alp und beim Käsemachen wurde es Zeit für eine Lehre, fand Silvia Boss damals. Mehr durch Zufall als durch Berufungsgefühle kam sie ins Atelier des inzwischen verstorbenen Basler «Altmeisters» Christoph Jäggi. Er hatte erfahren, dass sie auf der Suche nach einer Lehrstelle war und gesagt: «Dich nehm ich!» «Er merkte offenbar vor mir, dass mir der Beruf liegt», sagt sie. Also begann sie gleichzeitig mit ihrem ältesten Sohn eine Ausbildung. Er fuhr in die Primarschule, sie ins Atelier im Gellert.

Oberbaselbiet und China sind nah

Die drei Söhne wuchsen bei einer Mutter auf, die ständig am Werkeln war. «Ich hatte oft ein Kind auf dem Rücken, wenn ich an einem Rahmen arbeitete», erinnert sich Boss an die Zeit im Kleinbasel, als Atelier und Wohnung nebeneinanderlagen. Seit 16 Jahren ist dies nicht mehr der Fall: Mitten in der Innenstadt am Blumenrain fertigt sie ihre Rahmen an und verkauft sie im dortigen Laden, bevor sie abends mit Zug und Bus nach Lauwil zurückkehrt. Es ist die Ruhe im Oberbaselbiet, die sie braucht, die Tiere sind es, die sie glücklich machen, sagt sie. Wenn sie von Lauwil erzählt, klingt sie ein wenig, wie wenn sie sich an den alten Chinesen mit dem einen Stück Brot erinnert.

In den vergangenen acht Jahren hat Silvia Boss neben der täglichen Arbeit 60 Rahmen hergestellt, in denen sie Ost und West vereint hat. Die Fragmente, die sie aus China mitgebracht hat, sind mit hiesigem Material verschmolzen.

Im Gepäck aus China waren Tuschesteine mit Maos Konterfei, alte Stoffe, Schachfiguren, Reispapier, Hundefiguren aus Holz, Münzen, Schriftrollen, Spielsteine, Brieföffner, das Joch eines Büffels und viel mehr. An jedem Rahmen arbeitete sie ungefähr eine Woche, jedes Modell sieht anders aus, verspielt, bunt, aufwendig. Alte Spiegel werden darin Platz finden, doch erst nach der Ausstellung (Box), sagt die Künstlerin, sie wolle schliesslich kein Spiegelkabinett.

Im Atelier am Blumenrain ist Silvia Boss selten allein. Die elfte Lehrtochter ist derzeit in Ausbildung. Sie schaut auf den Rhein, wenn sie eine Verschnaufpause beim Bemalen des goldenen Engels braucht. Im Atelier stehen Schädel von Ottern und einem Schäferhund, Farben, viel Holz. «Schauen Sie, ich habe für jemanden Pasta vergoldet», sagt Silvia Boss und hebt die goldenen Orecchiette auf. Bald wird sie allein hier sitzen, die Lehrtochter ist bald fertig, es folgt keine neue.

Mehr Zeit für Kunst

«Meine Söhne sind inzwischen ausgezogen – es wird Zeit für mich ein bisschen freier zu sein», sagt sie. Und meint damit: «Ich will mich mehr der Kunst widmen.» Noch mehr. Seit 26 Jahren tut sie nichts anderes, doch was sind 26 Jahre, wenn man diese Einstellung hat: «Ich mache es aus einer inneren Notwendigkeit heraus.»

Die Söhne haben Texte für den Ausstellungskatalog geschrieben, andere Schreiber steuern ihren Teil bei. Besonders treffend für ihre Arbeit findet Silvia Boss diesen Satz des Philosophen Tschuang-Tse: «Die Vielfalt der Unterschiede zu akzeptieren, darin liegt der wahre Reichtum.»