Der Krach ist enorm. Ein zerrissener roter Strumpf, ein schmutziges Nachthemd und ein Blechtablett hängen von einer Aluminiumplatte herunter. Unkontrolliert schwingen die verschiedenen Materialien von «Ballet des Pauvres» hin und her. Auch Nicht-Kunstkenner können dieses Werk wohl dem Künstler Jean Tinguely zuordnen – sowohl optisch als auch vom Lärmgehalt. Ohne Frage: Tinguelys Objekte sind selbstzerstörerisch. Damit sie sich also nicht selber ruinieren, braucht es Leute, die auf sie aufpassen und regelmässig herrichten.

Im Museum Tinguely übernehmen die beiden Restauratoren Jean-Marc Gaillard und Albrecht Gumlich diesen Job. Sie schweissen, färben nach, prüfen, ob die Mechanik bei den gigantischen Apparaturen, aber auch den kleinen Reliefs funktionieren. «Tinguelys Kunstwerke sind nicht gebaut für die Ewigkeit», erklärt Gaillard, der die letzten fünf Lebensjahre von Jean Tinguely mit ihm zusammengearbeitet hat.

Die Gesundheit des Werks

Durch die gemeinsame Zeit empfindet er eine grosse Nähe zum Künstler und dessen Arbeiten. «Wenn ich ein Werk von ihm genauer unter die Lupe nehme, erkenne ich sofort, ob er viel Zeit dafür investiert oder ob er das Material einfach zusammengemurkst hat.» Er könne so auch einschätzen, ob es dem «Kunstwerk gut geht oder nicht», erklärt er – und demonstriert sogleich sein Handwerk. Der 50-Jährige steht vor der klappernden, quietschenden und trommelnden «Méta-Harmonie II» (Foto rechts): «Ich höre, ob ein Geräusch fehlt oder eines dazugekommen ist, das da nicht hingehört. Wenn ja, stimmt etwas nicht.»

Die menschliche und fachliche Nähe zu Tinguely hat für Gaillard heute zur Folge, dass er alle Apparaturen des Schweizer Künstlers wieder zum Laufen bringen möchte. Selbst wenn diese nicht mehr richtig funktionieren. Er sei eben der Chirurg, sein Arbeitskollege Albrecht Gumlich eher der Advokat.

Dieser hat denn auch emotional mehr Abstand zu Tinguely: «So übernehme ich die Funktion des Anwalts und verteidige die Objekte. Manchmal ist es einfach sinnvoller, eines davon nicht mehr Laufen zulassen, um dessen Leben zu verlängern.» Gaillard fügt mit einem Augenzwinkern an: «Wir weinen, wenn eine der Maschinen zu einem Relikt wird. Denn wenn sich ein Tinguely nicht mehr bewegt, hat man ihm die Seele genommen.» Er weiss: «Ich könnte alles reparieren. Deswegen geht es bei Tinguely nicht ohne einen Anwalt.»

Neben der Wartung und Sicherung der Kunstwerke gehört die Suche nach Ersatzteilen ebenfalls zur Aufgabe der Restauratoren. Keine einfache Angelegenheit, sind die Kunstwerke doch zum Teil vor über 60 Jahren entstanden. Tinguely hat also unter anderem mit Gegenständen gearbeitet, die heute nicht mehr verwendet werden. An der «Méta-Harmonie II» zum Beispiel dreht im unteren Bereich ein Firestone-Pneu. Ein Autoreifen-Model also, das heute nicht mehr hergestellt wird.

Ebay und Flohmärkte helfen aus

Und der Anspruch von Gaillard und Gumlich ist es auf jeden Fall, kaputte Teile mit möglichst denselben zu ersetzen, wie Gumlich betont. Der 53-Jährige erinnert sich: «Kurz vor dem Verbot der klassischen Glühbirne vor zwei Jahren ist der Bestand der Birnen hier im Museum immens gewachsen. Damit wir so lange wie möglich auf Vorrat haben.» Diese Ansammlung wird «Méta-Harmonie II» wohl auch mal zugutekommen, hat Tinguely doch auch bei ihr eine Glühbirne in ein Gewinde geschraubt.

Es kommt also je länger, je mehr vor, dass Bestandteile nicht mehr aufzutreiben sind. Bei Ebay, Kellerräumungen oder auf Flohmärkten besteht immer wieder eine Chance für die Restauratoren, passende Gegenstände zu finden, erklärt Gaillard. «Es passieren auch Zufälle. Ich laufe zum Beispiel in Rom über einen Flohmarkt und falle plötzlich über eine Kleinigkeit, die ich für einen Apparat als Ersatzteil benutzen kann.» Jedes Werk im Museum hat eine Kiste, in der Originalteile aufbewahrt werden. Das sei später wichtig für die Kunsthistoriker.

Lange Diskussionen über Zukunft

Für Gaillard und Gumlich ist ihre Arbeit eine grosse Herausforderung. Die Diskussionen, ob ein Werk nun stillgelegt wird oder nicht, können lange dauern. «Wir liegen uns dauernd in den Haaren», scherzt Gaillard. Sie lieben ihren Job aber, das zeigt das Feuer in den Augen beim Erzählen. Manchmal kann sich Gaillard dann aber doch nicht zurückhalten und ärgert sich über die unendliche Arbeit an Jean Tinguelys Werken. «Dann werde ich wütend. Und schimpfe mit ihm, warum er sich damals bei seiner Arbeit nicht mehr Mühe gegeben hat. Immer wieder muss ich seine Sachen flicken.»