Kirchen
«Ich könnte mir gut vorstellen, eine Kirche für einen Franken zu verkaufen»

Bereits müssen in Basel Kirchen vermietet werden, weil sie entweder nicht gebraucht oder weil sie für die Kirchgemeinde nicht mehr erschwinglich sind. Müssen nun gar Kirchen verkauft werden?

Daniel Meyer
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Vermietete Basler Kirchen
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Die offene Kirche Elisabethen
Die offene Kirche Elisabethen
In der Martinskirche finden Konzerte statt
In der Martinskirche finden Konzerte statt
Elisabethenkirche
Die Don-Bosco-Kirche wird vielleicht umgenutzt
Die Don-Bosco-Kirche wird vielleicht umgenutzt

Vermietete Basler Kirchen

Nicole Nars-Zimmer

Eine Kirche als Hotel? Als Tagungscenter? Was utopisch klingt, ist in Basel im Falle des Ökolamberts bereits Realität. Es wird an die Mission 21 vermietet, die darin Bildungsseminare anbietet. Dies ist aber kein Einzelfall: Die St. Elisabethenkirche wird als offene Kirche genutzt, in der Martinskirche finden Konzerte statt, die Lukaskirche wird an eine Freikirche und die Kirche St. Alban wird an Serbisch-Orthodoxe vermietet, um nur einige Beispiele der Reformierten zu nennen.

Auch die Katholiken denken konkret über die Umnutzung der Don-Bosco Kirche nach und haben in diesem Zusammenhang eine Studie bei dem auf Umnutzungen spezialisierten Architekten Peter Fierz in Auftrag gegeben.

Bereits eine Berechnung des Kirchenrates in Zürich ergab eine erschütterndes Ergebnis: nur rund ein Drittel der insgesamt 47 Kirchen wird künftig noch gebraucht. Aufgrund der finanziellen Lage sieht sich die Kirche je länger, je mehr gezwungen, Kirchen umzunutzen. Werden künftig noch mehr Kirchen in Basel umgenutzt werden? Was sagen die Kircheninstitutionen dazu?

Die Konfessionslosen sind auf kontinuierlichem Vormarsch

Auch wenn sich einige Kirchenvertreter entsprechenden Überlegungen teilweise oder auch ganz verschliessen, ist die Situation aktueller denn je. Zu diesem Schluss kommt eine Studie vom März dieses Jahres des «Institut de sociales des religions contemporaines» (ISSRC) der Universität Lausanne. Die Studie schätzte 2009 den Anteil der Katholiken auf 31%, denjenigen der Reformierten auf 32% der Bevölkerung. Vier Jahre zuvor waren dies 37% respektive 38%. Der Anteil an Mitgliedern anderer, oft nichtchristlicher Religionen liegt bei 12% und nimmt stetig zu, diese Zahl hat sich in den letzten 6 Jahren rund verdoppelt. Etwas anderes aber nimmt noch viel mehr zu: der Anteil der Konfessionslosen ist in den letzten 40 Jahren von 1% auf heute rund 25% gestiegen.

Die Zukunft gehört den Distanzierten
Auch macht die Studie eine Typologie der Glaubenscharaktere von Herrn und Frau Schweizer. Dabei heraus geht, dass der grösste Teil (52%) zum Teil der «Distanzierten» zugerechnet werden kann. Diese Menschen glauben «nicht nichts», sondern sie haben «gewisse religiöse und spirituelle Vorstellungen und Praktiken», die in ihrem Leben nicht besonders wichtig seien und nur in seltenen Fällen aktiviert würden. Sprich: sie benötigen dazu keine Kirche. «Konfessionszugehörigkeit bedeutet für sie lebenspraktisch nicht viel oder gar nichts», so die Studie weiter. Laut der Studie gehört «den Distanzierten die Zukunft.» Mit den Gläubigen gehen auch die Kirchenbesuche zurück, so gehen heute noch 7% der Bevölkerung wöchentlich oder öfter in die Kirche, 9% gehen ein bis zwei Mal Monatlich zur Kirche. Vor rund 40 Jahren waren es noch 30% bez. 27%.

«Brauchen wir die Kirchen überhaupt?»

Für Christoph Sterkman, Bischofsvikar vom Bistum Basel und zuständig für die Kantone Aargau, Basel-Landschaft und Basel-Stadt, stellen sich in Bezug auf die Umnutzung zwei Fragen: «Einerseits: Brauchen wir die Kirchen überhaupt, gemessen an der Anzahl Besucher? Andererseits: Können wir uns die Kirchen überhaupt leisten?»

Zu schaffen macht auch der Mitgliederschwund: In der 70er Jahren, vor Einführung der Kirchensteuer in Basel-Stadt, gab es 92‘000 Kirchengänger, nun gibt es noch deren 30‘000. Noch in den 60ern seien neue Pfarreien und neue Kirchen entstanden, nun sei es so, «dass vereinzelt Kirchen aus finanziellen Belangen nicht mehr gehalten und unterhalten werden können», so Sterkman.

Teppichhändler in Kirchengebäuden

Auch die Reformierten haben mit dem Mitgliederschwund zu kämpfen. In Basel haben diese einen Gebäudebestand, der ausgelegt ist für 100‘000 Leute, doch aktuell gibt es lediglich 35‘000 Mitglieder. «Doch beispielsweise Teppichgeschäfte in Kirchengebäuden, wie dies heute bereits in der Niederlande der Fall ist, kann nicht die Lösung sein», sagt Peter Preisinger, Sekretär des reformierten Kirchenrats Basel-Stadt. Auch seien in Deutschland schon Kirchen von privaten gekauft worden, um sie als Einfamilienhäusern zu nutzen. Grundsätzlich könne er sich Konzerte oder eine Bibliothek in einer Kirche «sehr gut vorstellen», so Preisinger.

Für Sterkman stehen bezüglich Umnutzungen 3 Varianten im Raum: Einerseits die klassische Umnutzung, das heisst die Zuführung der Kirche einem nicht sakralen Zwecke. Sterkman könnte sich hierbei ein (Kirchen-)Museum vorstellen. Andererseits könnte das Land um die Kirchen verkauft und / oder bebaut werden, um mit dem erwirtschafteten Geld die Kirche weiter finanzieren zu können. Dies aber wäre nur eine Aufschiebung des eigentlichen Problems. Ebenso zur Diskussion stehen die Nutzung durch andere Konfessionen, beispielsweise Griechisch- oder Russisch-Orthodoxe.

Nur 16 von 23 Kirchen genutzt

In Basel-Stadt gibt es 23 reformierte Kirchen, doch in lediglich 16 finden noch regelmässig Gottesdienste statt. Bereits 7 Kirchen werden vermietet. «Doch die Miete kann nie so hoch sein, dass alle Unterhalts- und Erneuerungskosten gedeckt werden. Wir wollen nur, dass die Betriebskosten gedeckt sind», sagt Stephan Maurer, Mitglied der reformierten Kirchenrates Basel-Stadt und verantwortlich für das Bauwesen. Seine Aufgabe ist, neue Nutzer für die Gebäude, die die Kirche sich nicht mehrleisten kann, zu suchen.

Insgesamt verwaltet die reformierte Kirche Basel rund 60 Gebäude. Um die Löcher in der Kasse stopfen zu können, wurden alleine in den letzten 3 Jahren 7 ehemalige Pfarrhäuser verkauft oder umgenutzt - auch darum, weil sich die Zahl der Pfarrer seit den 60ern halbiert hat. Die Katholiken haben bereits alle Pfarrhäuser verkauft. Die Reserven werden also immer kleiner. Die Pfarrer wohnen mittlerweile in Privatwohnungen und arbeiten in Büros.

Wer will schon eine Kirche?

Bedenken hat Maurer diesbezüglich, überhaupt Interessenten für Kirchen zu finden. Einerseits darum, weil von 23 Kirchen 19 entweder unter Denkmalschutz oder in der Schutzzone stehen. Hinzu kommt, dass die Kirchen oftmals aus statischen Gründen gar nicht geeignet sind, um ausgebaut oder zumindest verändert zu werden. Ausnahmen bilden beispielsweise die Markuskirche oder das Andreashaus. Ebenso sind die Kirchen wegen der fehlenden Parkplätze nicht attraktiv für Käufer.

In jedem der 7 Fälle seien auch Verkäufe und Mehrfachnutzungen diskutiert worden, erklärt Maurer, doch die Erfahrung zeige, dass das Risiko kaum ein Investor aufzunehmen bereit sei. «Ich könnte mir gut vorstellen, eine Kirche für einen Franken zu verkaufen, damit wir einen Kostenpunkt los sind. Das ist mehr als nur ein Gedanke wert.» Doch in den nächsten 5 bis 8 Jahren wird dies voraussichtlich nicht nötig sein; bis dahin zumindest sollten die Finanzen reichen.

Nachfrage bei den Katholiken

Anders sieht die Situation bei den Katholiken aus: sie verfügen über 12 Kirchen, wovon lediglich 3 unter Denkmalschutz stehen. Von den übrigen werden wohl - trotz bereits erfolgter Personaleinsparungen - nur 4 oder 5 gehalten werden können, so Xaver Pfister-Schölch, Informationsverantwortlicher der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt. Von welchen sie sich werden trennen müssen, könne er nicht sagen, «sonst würde ich die entsprechenden Kirchengemeinden nur provozieren», so Pfister. Umnutzungen wie Museen, Theater könne er sich durchaus vorstellen - auch gab es schon konkrete Anfragen von einem Kleintheater beispielsweise. Allgemein sind die Bedenken, Interessenten zu finden, hier kleiner, da die Kirchen umgebaut werden können. Die Gebäude an Private zu verkaufen, kann sich Pfister durchaus vorstellen, «auch wenn es heikel ist, denn es ist immer schwierig, die Balance zwischen Identität und Offenheit zu finden». Doch momentan scheinen die Finanziellen Engpässe überwunden und laut Pfister werden in den nächsten 3 bis 5 Jahren weder Verkäufe noch Umnutzungen ein Thema sein.

Kirchen wieder dem Staat übergeben

Eine mögliche Lösung sieht Maurer vom reformierten Kirchenrat darin, die Kirchen wieder dem Staat zu übergeben. Dieser war ursprünglich schon einmal Besitzer der Kirchen, doch gingen diese später in den Besitz der Kirchgemeinden über. Dann wären die Geldsorgen zumindest in anderen Händen.