Er geht gerne spontan aus, am liebsten von Freitag bis Sonntag. Micha Herde liebt es, zu feiern. Dann sitzt er in der Bar Rouge, mit Blick auf ganz Basel und einem Wodka Lemon in der Hand. Üblicherweise käme dann der Moment, wo die Truppe aufbricht, so um zwei Uhr nachts vielleicht.

Doch wenn andere mit ihren Freunden angeheitert weiterziehen, einen vor Sauce triefenden Döner in der Hand, dann ist für Micha die Party vorbei. Seine Begleitung will meist schon nach Hause. Denn das Ausgehen mit Micha ist für sie vor allem eines: ein Job.

«Früher habe ich mich darüber aufgeregt, heute schaue ich nach vorne», sagt der 45-Jährige. Seit mehr als 30 Jahren sitzt er im Rollstuhl. Im Jahr 1973 kommt er zehn Wochen zu früh zur Welt. Der Sauerstoff ist damals noch nicht bereit. Doch das winzige Baby wird reanimiert, erfolgreich: Micha überlebt.

Erst als ihr Sohn sieben Monate alt ist, merken die Eltern, dass etwas nicht stimmt. Ihr Junge bewegt sich anders als die andern, merkwürdig. Er hat Gleichgewichtsprobleme. Der Sauerstoffmangel von damals hat seine Spuren hinterlassen – für immer.

Mit vierzehn, mitten in der Pubertät, kommt Micha schliesslich in den Rollstuhl. Er ist klug, macht das KV an der Handelsschule in Aarau. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet er nun auf der kantonalen Verwaltung in Aarau. «Mein Chef traut mir was zu, das ist cool. Früher schauten mich Mitarbeiter manchmal an und fragten sich: Kann der das?»

Heute geniesst Micha die entspannte Stimmung im Team. «Jeden Freitagabend sitzen wir gemütlich zusammen und lassen die Arbeitswoche Revue passieren.» Doch Michas Leben ist anders als jenes seiner Kollegen. Einmal in der Woche geht er in der Rehab Basel in die Therapie und ins Krafttraining. Einen halben Arbeitstag kostet ihn das; ein Vollzeitpensum liegt nicht drin.

Freundschaft als Vertrag

Trotzdem ist es nicht die körperliche Einschränkung, die ihn belastet. Es ist die gesellschaftliche Einbindung, die ihm fehlt. «Ich hätte gerne jemanden, der spontan was mit mir trinken kommt, auch mal bis in die frühen Morgenstunden. Einfach, weil wirs gut haben.»

Das heisst nicht, dass der Mann per se einsam ist. Er wird tatkräftig von seinen Eltern und seiner Schwester unterstützt. Zwei gute Freunde hat er, die er im Ausgang kennen gelernt hat. Einer von ihnen ist Christoph Winkelmann. Er kennt Micha Herde nun seit 20 Jahren. Damals haben sie sich an einer Party im Zürcher Kaufleuten kennen gelernt und die Nummern ausgetauscht. «Er sass in seinem Rollstuhl, ganz nah beim DJ-Pult, und ging voll mit der Musik mit.»

Die aufgestellte Art des Mannes habe ihn beeindruckt. «Früher waren wir jedes Wochenende zusammen unterwegs», erzählt Winkelmann. Mittlerweile gibt es in seinem Leben aber andere Prioritäten. «Ich lebe jetzt halt in einer Beziehung und mag nicht mehr jedes Wochenende ausgehen.» Seinen Kollegen sieht er höchstens noch einmal im Monat.

Im Rollstuhl ans Konzert

Bekanntschaften findet Micha Herde schnell. In der Rehab wird er alle zehn Minuten freundlich gegrüsst, wenn jemand vom Pflegepersonal vorbeiläuft. Auch auf Facebook hat er fast tausend Freunde. Nur Zeit haben diese nicht so viel. Es ist die gleiche Oberflächlichkeit, die das Nachtleben definiert.

Mittlerweile schaltet Micha im Internet Inserate, damit sich Studenten bei ihm melden. Er bezahlt sie dafür, dass sie mit ihm ausgehen und ihm helfen, wenn er mal Unterstützung braucht. Momentan wird er abwechslungsweise von zwei Studentinnen begleitet. «Die sind super», schwärmt er. Doch auch ihre Freundschaft ist vertraglich geregelt und nur gegen Bezahlung zu haben. «Ich musste lernen, diese Treffen rein geschäftlich zu sehen», sagt er.

Sportstudentin Tabea Goldberg, eine seiner Begleiterinnen, ist seine ehemalige Betreuerin in der Rehab. «Micha war immer der, der mir schon von weitem zugerufen hat, wenn er mich gesehen hat», erzählt sie. Als ihr Praktikum in der Rehab zu Ende war, sei er richtig bedrückt gewesen.

Die beiden blieben in Kontakt, besuchten Konzerte von Rockgrössen wie den Rolling Stones oder Liam Gallagher. «Wenn ich ihm aus Zeitgründen einmal absagen muss, dann tut es mir richtig leid.» Die Studentin weiss, dass Micha gerne öfter was unternehmen möchte. «Aber es bleibt mir neben dem Studium nicht so viel Zeit übrig.» Ja, sie werde bezahlt dafür, mit ihm auszugehen. Aber sie würde ihn auch ohne Lohn treffen.

Bloss kein Mitleid

Bis heute bleibt es Micha Herdes grösste Hürde, wahre Freunde zu finden. Das, obwohl er umgänglich ist, sofort das Du anbietet. Mit seinem Leben geht er reflektiert um, sagt Sätze wie: «Manchmal haben die Leute Berührungsängste. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen im Umgang mit mir.»

Er ist interessiert, fröhlich, unternehmungslustig. Wann immer er kann, besucht er Konzerte. Diesen Mai geht er ans Metallica-Konzert im Zürcher Letzigrund. «Wegen ihrer alten Songs, die sind besser als die neuen.» Er mag es, über Bands und Songs zu sprechen. Doch wann immer er in einem Club sei und jemand spreche ihn an, dann gehe es um seine körperliche Behinderung. «Das finde ich schade. Ich würde gerne mal über etwas anderes reden. Aber mit mir spricht niemand nur über die Musik.»

Das ewige Mitleid, das ihm die Leute entgegenbringen, nervt ihn. «Er mag es überhaupt nicht, wenn ihn jemand verhätschelt oder bedauert», sagt auch Kollege Winkelmann.

Trotzdem ist das meist der Fall. Auch in der Liebe hat es bisher nicht geklappt. Dabei hätte er gern eine Freundin. «Aber meine Ansprüche sind hoch», erklärt er und lacht. Eine angenehme Gesprächspartnerin sollte sie sein. Dann lächelt er verlegen und fügt an: «Und gut aussehen sollte sie auch.» Auch hier unterscheidet sich Micha Herde nicht von anderen Männern.