Vor genau 70 Jahren begann für Shlomo Graber die letzte Woche im Konzentrationslager. Von der nahen Befreiung ahnte er nichts, als er an den ersten Tagen im Mai 1945 mit einer Schaufel Gefechtsgräben aushob. Das war in Görlitz, einer Stadt in Niederschlesien. 30 Kilogramm wog er noch, sein Kopf war kahl geschoren, an seiner gestreiften Häftlingskleidung prangte die Nummer 42'649. Vor genau 70 Jahren hatte der damals 18-Jährige bereits Deportationen, Auschwitz und das KZ-Aussenlager Fünfteichen überlebt – und wusste nicht, dass die Kapitulation Deutschlands kurz bevor stand.

Shlomo Graber wohnt in Basel. Im Juli wird er 89 Jahre alt. Er malt farbenfrohe Bilder, liest jede Woche ein Buch – und arbeitet sechs Tage die Woche in der Galerie Spalentor. Diese gehört seiner Lebensgefährtin Myrtha Hunziker. Die Liebe zu ihr liess Shlomo Graber vor 26 Jahren die Koffer in Tel Aviv packen, um nach Basel zu ziehen. Noch heute besucht er seine Kinder, Grosskinder und Urenkel mehrmals pro Jahr in Israel. Von diesen Reisen bringen er und seine Frau Myrtha Hunziker Werke von lokalen Künstlern mit, die sie in ihrer Galerie verkaufen.

Drei Mal zum Tod verurteilt

Shlomo Graber hat sein weisses Haar zurück gekämmt, das hellblaue Hemd betont seine Augen. Vor ein paar Tagen ist er aus Ungarn zurückgekehrt. Als Holocaust-Überlebender sprach er in Budapest vor amerikanischen und europäischen Diplomaten. «Man darf nicht vergessen», mahnt Shlomo Graber. Deshalb besucht er regelmässig Schulklassen und hält Vorträge in ganz Europa. Er ist einer der letzten jüdischen Zeitzeugen, die die Gräueltaten der Nazis überlebt haben.

«Ich war drei Mal zum Tode verurteilt», erzählt Shlomo Graber. So musterten ihn SS-Wachen bei einer Selektion aus, weil er weniger als 30 Kilogramm auf die Waage brachte. Das bedeutete die Gaskammer. Als er darauf wartete, dorthin abgeführt zu werden, kam ein Oberfeldwebel vorbei. Er schulterte einen breiten Tisch. «Aus einem Reflex heraus hielt ich mich an einem der Tischbeine fest und folgte ihm. Es sah so aus, als ob ich ihm beim Tragen helfen würde», sagt Shlomo Graber. Der Feldwebel verriet ihn nicht. Er stellte den Tisch in der Küche ab und wies den Koch an, ihn zu seinem Gehilfen zu machen. Obwohl der KZ-Häftling kurz vor dem Hungertod stand, wies ihn der Koch an, nur ganz kleine Portionen zu essen. «Er wusste, dass in meinem Zustand eine normale Mahlzeit zum sofortigen Organversagen führen kann», sagt Shlomo Graber.

Während er erzählt, leuchten hinter ihm an den Wänden der Galerie Spalentor seine bunten Bilder, Schmuck glitzert in den Vitrinen. Es ist ein Raum, wie er für Shlomo Graber als Knaben kaum vorstellbar war. In Nyírbátor, einem Städtchen in Ungarn, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Das Geld war so knapp, dass er nach sechs Jahren Unterricht die Schule verlassen musste, um die Stelle bei einem Glaser anzutreten. Daneben arbeitete er als Schlosser und wartete die Badeanstalt. 1944 deportierten die Nazis seine Familie mit tausend anderen ungarischen Juden in Viehwaggons nach Auschwitz. Dort wies ein SS-Arzt Shlomo Graber und seinen Vater an, auf die linke Seite zu treten. Seine Mutter, die drei jüngeren Brüder und die Schwester trieben die SS-Männer auf der rechten Seite weg. Stunden später starben sie in der Gaskammer.

Mutter heute noch allgegenwärtig

In wenigen Tagen reist Shlomo Graber in den Osten von Deutschland – und läuft eine Teilstrecke des Todesmarsches von Görlitz ab. Um die 1000 Mithäftlinge starben bei dem Marsch, Shlomo Graber überlebte ihn mit rund 500 anderen Gefangenen.

Es ist nicht das erste Mal, dass er nach Görlitz zurückkehrt. Er gehe überall hin – ausser nach Auschwitz. «Ich betrete nicht den Boden, wo sie meine Familie umgebracht haben», sagt Shlomo Graber. Mit seiner Mutter pflegte er eine enge Beziehung, sie war seine zentrale Bezugsperson. «Shlomo spricht heute noch jeden Tag von ihr. Seine Mutter ist allgegenwärtig», sagt seine Lebensgefährtin Myrtha Hunziker. Vom Tod der Mutter und seiner Geschwister erfuhr Shlomo Graber erst nach seiner Befreiung.

Über seine Zeit in den Konzentrationslagern konnte er nicht immer sprechen. Auch nicht mit seinen Kindern. Sie erfuhren erst durch ein Zeitungsinterview Anfang der 1980er-Jahre mehr über seine Teenagerjahre in KZ-Gefangenschaft. «Meine Kinder wussten zwar, dass ich den Holocaust überlebt hatte. Aber ich war sehr vorsichtig, dass ich sie mit meiner Geschichte nicht traumatisierte. Details erzählte ich deshalb nicht», sagt Shlomo Graber. Er sei nicht der einzige gewesen, der schwieg. In Israel, wohin er nach dem Zweiten Weltkrieg auswanderte, sprach man kaum über die Verbrechen: «Wir wussten nicht, wie Nachbarn oder Bekannte den Holocaust überlebt hatten.»

Seine Lebensgeschichte schrieb er in Basel auf. Maximal 30 Minuten am Stück konnte er daran arbeiten, danach musste er an die frische Luft. Drei Jahre lang trug er Erinnerungen, Dokumente und Bilder seiner Familiengeschichte zusammen. Ein Onkel wanderte bereits in den 1930er-Jahren nach Palästina aus und nahm einige Familienfotos und Unterlagen mit. Dieses erste Buch von Shlomo Graber erschien vor elf Jahren, nun folgt seine Biografie «Denn Liebe ist stärker als Hass». Sie erscheint am 8. Mai 2015 – genau 70 Jahre nach seiner Befreiung.