Erklärungsbedarf

«Ich wollte ihm eine Chance geben» – Felix Gmür rechtfertigt sich

Der Basler Bischof Felix Gmür wirft dem Riehener Pfarrkandidaten vor, den Inhalt des Strafbefehls verheimlicht zu haben.

Der Basler Bischof Felix Gmür wirft dem Riehener Pfarrkandidaten vor, den Inhalt des Strafbefehls verheimlicht zu haben.

Der Basler Bischof Felix Gmür erklärt, warum er einen vorbestraften Pädophilen in Riehen zum Pfarrer ernannte.

Der Basler Bischof hatte Erklärungsbedarf. Felix Gmür hatte zugelassen, dass in Riehen ein verurteilter Pädophiler als Pfarrer kandidieren darf. Gmür hatte gewusst, dass der Kandidat an seiner früheren Wirkungsstätte nicht «nur» eine Fussmassage gemacht hatte, wie die Medien berichteten, sondern dass er einem Jugendlichen auch unters T-Shirt gefasst und ihn geküsst hatte. Und Gmür war nicht eingeschritten, als der Pfarrkandidat an einem Informationsanlass seine dunkle Vergangenheit verheimlichte.

Grund genug, eine Pressekonferenz in den Gemäuern des Bischöflichen Ordinariats in Solothurn abzuhalten, um einen Verdacht aus dem Weg zu räumen. Denjenigen, wonach das Bistum beim Thema Pädophilie nicht genau hinschaue. Felix Gmür betonte, dass die Ernennung des Riehener Pfarrkandidaten gut geprüft worden sei. Mehrere Gutachten hatten dem Seelsorger bescheinigt, keine pädophilen Neigungen zu haben. Im Zentrum der Überlegungen sei gestanden, dass der Mann resozialisiert werden müsse.

Doch habe Gmür dem Kandidaten klar gesagt, dass er gegenüber der Kirchgemeinde transparent sein soll. Dass er dies nicht getan habe, sei ein Verstoss gegen die Auflagen gewesen. Im Interview legt der Bischof dar, wie ihm die Hände gebunden waren. Und was er in Zukunft verbessern will.

Herr Gmür, Sie haben viel über das Versäumnis des Riehener Pfarrkandidaten gesprochen, die Öffentlichkeit über seine Straftaten zu informieren. Haben Sie als Bischof keine Fehler begangen, als Sie ihn zum Pfarrer ernannten – im Wissen um seine Vergangenheit?

Felix Gmür: Ich wollte ihm die Chance für die Wiedereingliederung geben. Dies unter mehreren Bedingungen. So musste er sich einer Therapie unterziehen. Und, dass er bei der Arbeit superprovisorisch begleitet und keine Kinder- und Jugendarbeit machen wird. Doch die Hauptbedingung für seine Wahl war Transparenz. Nur er durfte Auskunft geben, und das hat er nicht getan.

Welche Lehren ziehen Sie?

Zunächst ist gut, dass die Medien alles an die Öffentlichkeit gebracht haben. Es ist vor allem gut, dass die Transparenz geschaffen wurde, die ich gefordert habe – und auch weiterhin fordern werde. Wir müssen aber innerhalb der Kirche besser regeln, wer welche Dokumente hat. Diesbezüglich werde ich mit den Landeskirchen zusammensitzen.

Sie selbst hatten den Strafbefehl gegen den Pfarrkandidaten vom Vatikan erhalten. Das Bistum hingegen war mit der Anfrage gescheitert, das Dokument von der Thurgauer Staatsanwaltschaft zu bekommen.

Klar ist: Der Staatsanwalt darf den Strafbefehl nicht einfach rausgeben. Aber wir haben in der Schweiz das Öffentlichkeitsprinzip. Deshalb darf er ihn den Medien rausgeben, wenn ein öffentliches Interesse besteht. Dass ihn der Arbeitgeber oder in meinem Falle der Auftraggeber nicht bekommt, empfinde ich als problematisch.

Hätten Sie den Riehener Pfarrkandidaten nicht deutlicher darauf aufmerksam machen müssen, dass er der Kirchgemeinde nichts verschweigen darf?

Ich habe ihn mehrmals darauf hingewiesen, das ist auch dokumentiert.
Der Riehener Pfarrkandidat hat sich zurückgezogen, doch amtet er immer noch als Seelsorger.

Ist er für Sie in dieser Funktion noch tragbar?

Ich sehe nicht, dass er einen seelsorgerischen Dienst erweisen kann. Ich wüsste auch nicht, wer ihn anstellen sollte.

Weil er gegen Ihre Auflage verstossen hat, Transparenz herzustellen?

Sein Problem ist, dass er die Tragweite seiner Tat nicht sieht. Es handelt sich ja hier nicht um eine formale Bedingung, die er nicht erfüllt hat. Sein Verhalten zeigt klar: Er nimmt die Tat nicht zu 100 Prozent ernst, wie er müsste.

Haben Sie sich in ihm getäuscht?

Ich möchte kein Urteil über den Menschen als Ganzes fällen. Ich finde, er hat falsch gehandelt und muss jetzt die Konsequenzen ziehen. Er kann nicht Pfarrer werden und wird nach meinem Dafürhalten auch nirgends als Seelsorger arbeiten können.

Wie gross ist der Reputationsschaden für die katholische Kirche?

Ich habe mich bei dem Entscheid, den Kandidaten zu ernennen, nicht um das Image gekümmert. Ich hielt mich an das Prinzip der Gerechtigkeit. Jetzt gibt es einen Reputationsschaden bei der Kirche. Aber es ist gut, dass alles öffentlich geworden ist.

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