Ab Januar werden Zu- und Wegfahrten in die Basler Innenstadt strenger geregelt. Ausserhalb des Güterumschlags (Montag bis Freitag von 6 bis 11 Uhr und samstags von 6 bis 9 Uhr) ist es künftig nur Anwohnern, Taxis und Behinderten erlaubt, mit dem Auto in die Kernzone zu fahren. Bei buchstabengetreuer Auslegung sind einige Geschäfte und Handwerksbetriebe in ihrer Existenz gefährdet, wie Gabriel Barell, seit September Direktor des Basler Gewerbeverbands, im Interview ausführt.

Beispiele sind das Blumengeschäft Dufour an der Falknerstrasse, das einen Blumen-Lieferservice betreibt, oder die hundertjährige Schlosserei Weiland am Münsterberg. Derzeit verhandelt eine Begleitgruppe zum Verkehrskonzept über diese und knapp 20 andere Härtefälle. Barell fordert kreative Lösungen und bringt selber eine ins Spiel: Den betroffenen Innenstadt-Geschäften soll die Zufahrt mit Elektromobilen erlaubt werden.

Herr Barell, Anfang 2014 wird die Innenstadt weitgehend von Autos befreit. Sie beurteilen das neue Verkehrskonzept kritisch. Weshalb?

Gabriel Barell: So, wie es nun vorliegt, ist das Verkehrskonzept eine grosse Herausforderung für das Gewerbe. Der Grosse Rat hat einen Grundsatzentscheid gefällt für eine grösstenteils verkehrsfreie Innenstadt. Dafür habe ich Verständnis. Das Verkehrskonzept entspricht damit einem politischen Willen. Bestimmt war es aber nicht der politische Wille, dass dadurch die Innenstadt leblos und unattraktiv wird. Letztlich hängt deshalb viel an der Umsetzung des Konzepts. Hier ist meines Erachtens Augenmass und gesunder Menschenverstand nötig. Ich wünsche mir Behörden, die eine gewisse Flexibilität an den Tag legen. Mir haben einige Grossräte versichert, dass sie zwar im Parlament für das neue Konzept gestimmt haben, die nun vorliegende strenge Auslegung aber nicht gutheissen.

Der Gewerbeverband ist an der Verhärtung der Fronten nicht unschuldig. Er verhält sich wie ein verlängerter Arm der Autolobby.

Das ist mitnichten der Fall. Der Gewerbeverband ist sich bewusst, dass der Individualverkehr nur eine von verschiedenen Möglichkeiten ist, sich in der Stadt fortzubewegen. Wir müssen aber aufpassen, dass wir den Individualverkehr nicht generell verteufeln. Wir wollen keine getunten Boliden mehr, die in der Innenstadt am Samstagabend ihre Runden drehen. Deswegen aber zu fordern, dass der Sanitärinstallateur, der in einer Innenstadtwohnung ein Rohr reparieren muss, auch nicht mehr reinfahren darf – das kann es nicht sein.

Es scheint, als wäre bei der Umsetzung einiges schiefgelaufen.

Der Gewerbeverband diskutiert derzeit mit den Behörden und Anwohnern Details zur Umsetzung. Wir hoffen, dass diese Gespräche zu einem guten Ende führen, sodass wir am Ende sagen können: «Es ist zum Glück nichts schiefgelaufen.» Als sich der Grosse Rat 2011 im Grundsatz für eine verkehrsfreie Innenstadt entschieden hatte, waren die Konsequenzen für das Gewerbe nicht klar ersichtlich. Nun werden sie aber sichtbar.

Was will der Gewerbeverband konkret aus den Verhandlungen in der Begleitgruppe herausholen?

Es besteht eine Liste mit rund 20 Härtefällen von Betrieben in der Innenstadt, die bei einer buchstabengetreuen Auslegung der Verordnung in ihrer Existenz gefährdet wären. Diese Fälle werden wir einzeln durchgehen. Ziel ist, für alle Betroffenen eine Lösung zu finden, damit sie ihr Geschäft nicht verlagern oder gar schliessen müssen. Das damit verbundene Ziel ist auch, eine überbordende Bürokratie zu verhindern.

Einer dieser Härtefälle ist ein Blumenladen mit Lieferservice.

Es muss gewährleistet sein, dass der Laden seinen Lieferservice ausserhalb der Güterumschlagszeiten aufrechterhalten kann. Dafür kämpfen wir.

Der Blumenladen könnte sein Geschäft an eine grössere Strasse verlagern – und das Problem ist gelöst.

Dann verliert die Innenstadt aber ihre Vielfalt. Ich glaube nicht, dass die Innenstadt noch über ein attraktives Angebot verfügt, wenn sämtliche Läden abwandern, die ausserhalb des Güterumschlags auf Autos angewiesen sind. Ich denke da zum Beispiel an Bäckereien oder die wenigen verbliebenen Handwerksbetriebe in der Kernzone. Verschwinden diese Betriebe, hat dies negative Auswirkungen auf Shopping und Tourismus. Abgesehen davon, dass sich für die Innenstadt-Bewohner das Angebot verschlechtern würde.

Handwerker sind darauf angewiesen, dass sie jederzeit zu- und wegfahren können. Wie ist das mit dem Konzept in Einklang zu bringen?

Die uneingeschränkte Zu- und Wegfahrt ist für bestimmte Betriebe in der Tat zentral. Wie diese erfolgt, ist indes zweitrangig. Es muss nicht der heutige Lieferwagen des Handwerkers sein. Es könnte zum Beispiel auch ein umweltfreundliches Fahrzeug sein wie ein Elektromobil.

Was werden Sie tun, wenn das Resultat der Verhandlungen nicht Ihren Vorstellungen entspricht?

Dann bringen wir einige Punkte aus dem Verkehrskonzept wieder aufs Parkett und werden im Grossen Rat Korrekturen anbringen. Gemäss Verordnung zum Verkehrskonzept dürfen E-Bikes in der Innenstadt uneingeschränkt verkehren. Ein Vorstoss könnte zum Beispiel beinhalten, dass diese Regelung auf Elektromobile ausgedehnt wird. Das ist nur eine von mehreren möglichen Ideen.